Für Netflix hat Ricky Gervais eine Zeichentrickserie über Katzen mit ein bisschen Weltschmerz erdacht - und eine besonders scharfzüngige gleich selbst gesprochen.
Katzen haben in der Popkultur einen bemerkenswerten Vorteil gegenüber Menschen: Sie müssen kaum etwas tun, um interessant zu wirken. Sie sitzen regungslos auf einer Mauer, beobachten die Welt mit einer Mischung aus Überlegenheit und Gleichgültigkeit – und schon beginnt der Mensch, ihnen Charaktereigenschaften zuzuschreiben.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund, weshalb Katzen seit Jahrhunderten als Projektionsflächen dienen. Sie sind gleichzeitig Haustiere und Anarchisten, gesellig und unnahbar, domestiziert und vollkommen unabhängig. Dass Ricky Gervais ausgerechnet sie ins Zentrum seiner neuen Netflix-Serie «Alley Cats» stellt, erscheint deshalb fast eine zwangsläufige Entscheidung. Denn sie passt zu einem Komiker, dessen Figuren sich stets am Rand gesellschaftlicher Konventionen bewegt haben. Und nach den ersten Einblicken spricht vieles dafür, dass «Alley Cats» weniger eine klassische Animationsserie wird als eine philosophische Komödie im Tarnmantel eines Tiercartoons.
Natürlich drängt sich zunächst ein anderer Vergleich auf: Wer anthropomorphe Tiere, schwarzen Humor und satirische Dialoge hört, denkt schnell an Produktionen wie «BoJack Horseman» oder «Futurama». Doch «Alley Cats» scheint einen anderen Weg einzuschlagen. Die Serie interessiert sich offenbar kaum für große Weltenentwürfe oder fantastische Abenteuer. Ihre Katzen leben in einer heruntergekommenen Nachbarschaft, kämpfen ums tägliche Überleben, streiten, philosophieren, beleidigen sich und beobachten die Absurditäten der Menschen aus sicherer Distanz. Das Fantastische besteht einzig darin, dass sie sprechen können. Alles andere soll, folgt man der Haltung des Formats, möglichst realistisch bleiben. Genau darin liegt eine überraschend reizvolle Idee.
Ricky Gervais hat in seiner Karriere immer dann seine stärksten Arbeiten geschaffen, wenn er die Komik aus alltäglichen Situationen entwickelte. «The Office», «Extras» oder auch «After Life» lebten nie von spektakulären Pointen, sondern von peinlichen Momenten, verletzten Eitelkeiten und Figuren, die verzweifelt versuchten, ihre Würde zu bewahren. Selbst seine Stand-up-Programme funktionieren häufig weniger über klassische Gags als über präzise Beobachtungen menschlicher Selbsttäuschung. «Alley Cats» wirkt nun wie eine logische Fortsetzung dieses Blicks auf die Welt, nur dass diesmal keine Büroangestellten, Schauspieler oder trauernden Journalisten auftreten, sondern verwilderte Katzen.
Das mag zunächst albern klingen. Tatsächlich besitzt diese Verschiebung aber erhebliches satirisches Potenzial. Tiere erlauben Überzeichnungen, ohne vollständig allegorisch zu werden. Wenn Katzen über Besitz, Hunger oder Freundschaft diskutieren, reden sie zwangsläufig auch über menschliche Gesellschaft. Gerade britische Komödien haben aus dieser Form indirekter Gesellschaftsbeobachtung immer wieder großen Witz gewonnen.
Auffällig ist außerdem, dass Gervais offenbar bewusst auf eine zurückhaltende Animation setzt. Anders als viele moderne Erwachsenenserien soll «Alley Cats» keine permanente visuelle Reizüberflutung bieten. Die Animation bleibt vergleichsweise realistisch, Mimik und Bewegungen wirken bewusst reduziert. Die Serie scheint nicht zu versuchen, das Genre der Erwachsenenanimation neu zu definieren. Stattdessen nutzt sie dessen Freiheiten, um etwas zu erzählen, das Gervais schon seine ganze Karriere hindurch begleitet: Geschichten über Außenseiter, die sich mit Sarkasmus gegen eine Welt behaupten, die selten besonders freundlich zu ihnen ist. Davon dürften schließlich die meisten Katzen ein Lied singen können.
Die Serie «Alley Cats» startet am Freitag, den 7. August bei Netflix.
07.08.2026 11:20 Uhr
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Oliver Alexander
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