‚Humor macht schwere Themen nicht kleiner, sondern zugänglicher‘

Autorin Dominique Lorenz spricht über «Heute fängt mein neues Leben an», die schwierige Rückkehr nach einer Haftstrafe, Kleptomanie und die Kraft, sich selbst eine zweite Chance zu geben.

«Heute fängt mein neues Leben an» erzählt von einer Frau, die nach ihrer Haft nicht nur in die Gesellschaft, sondern auch zu sich selbst zurückfinden muss. Was war der ursprüngliche Impuls für diese Geschichte?
Im Austausch mit der Redakteurin Katja Kirchen tauchte das Thema Resozialisierung auf, das bei der Produzentin Anja Föringer und mir sofort etwas ausgelöst hat. Wir drei haben schon bei «Sturköpfe» und «Eine Liebe später» sehr gern zusammengearbeitet und uns auf humorvolle Weise mit Frauen in schwierigen Lebenssituationen beschäftigt. Da war schnell klar, dass wir dieses Thema gemeinsam erzählen wollen.

Im Mittelpunkt steht mit Amelie eine Kleptomanin – eine Erkrankung, die im Fernsehen bislang kaum thematisiert wurde. Warum war es Ihnen wichtig, gerade diese Form der Sucht in den Fokus zu rücken?
Als die Hollywood Schauspielerin Winona Ryder 2001 wegen Kleptomanie verurteilt wurde, habe ich damals alles gelesen, was ich über den Fall und die Erkrankung finden konnte. Mich hat fasziniert, wie wenig Kleptomanie mit gewöhnlichem Diebstahl zu tun hat. Es ist eine komplexe psychische Erkrankung an der Schnittstelle zwischen Sucht, Impulskontrollstörung und Zwangsstörung. Und ich wollte eine Figur erzählen, die kriminell handelt, ohne ein krimineller Mensch zu sein. Wer ist die Frau hinter einer Straftat, die man erst mal verurteilt?

Der Film zeigt, dass nicht das Gefängnis die größte Hürde ist, sondern die Rückkehr ins alte Leben. Hat Sie diese Erkenntnis während Ihrer Recherchen besonders überrascht?
Ja. Bei der Recherche ist mir erst so richtig bewusst geworden, welche Hürden die Rückkehr in die Gesellschaft nach einer Haftstrafe mit sich bringt. Hier werden in Deutschland viele alternative Haft- und Resozialisierungskonzepte diskutiert und entwickelt. Mich hat die Frage beschäftigt, wie man Menschen so unterstützt, dass sie nicht rückfällig werden. Therapieangebote spielen hier eine wichtige Rolle.

Trotz Themen wie Schuld, Scham und Resozialisierung ist der Film erstaunlich leicht und humorvoll erzählt. Warum war Ihnen dieser Ton so wichtig?
Dieser Ton ist mir eigentlich in all meinen Geschichten wichtig. Humor und Tragik gehört für mich zusammen. Humor macht schwere Themen nicht kleiner, sondern zugänglicher. Er ist eine der Kräfte, die uns helfen, weiterzumachen, wieder aufzustehen und selbst schwierigen Erfahrungen einen Sinn oder etwas Schönes abzuringen.

Barış begegnet Amelie völlig ohne Vorurteile und wird damit zu einer Art Gegenpol ihres bisherigen Lebens. Wie haben Sie diese Figur entwickelt?
Ugur Kaja, der den Barış spielt, ist vor den Dreharbeiten etwas verunsichert zu mir gekommen und hat gesagt: Dominique, der Baris hat ja gar kein Ziel und macht gar keine Entwicklung! Und ich hab gesagt: Ja, genau, das ist eine Figur, die ist wie sie ist, nicht anders sein möchte und nichts anderes will, die glücklich ist, wie es ist. Dann hat Ugur gegrinst und den Barış mit dieser großen Wärme, Gelassenheit und Akzeptanz gespielt, die Amelie das Gefühl gibt, angenommen zu werden.

Die Liebesgeschichte zwischen Amelie und Barış basiert teilweise auf eigenen Erfahrungen. War es schwierig, autobiografische Erlebnisse in eine fiktive Geschichte einfließen zu lassen?
Ich bin vor einigen Jahren durch Zufall zweimal in dasselbe Taxi gestiegen und habe mich da Hals über Kopf in einen türkischen Taxifahrer verliebt. Die Beziehung hat zwei Jahre gehalten, aber einiges von dem, was ich damals erlebt habe, ist in die Figur des Baris eingeflossen. Nein, das war nicht schwierig, im Gegenteil. Es ist ja das Schöne an diesem Beruf, dass Erfahrungen nicht verschwinden, sondern sich in Geschichten verwandeln.

Besonders auffällig ist, dass die türkische Familie im Film ganz selbstverständlich erzählt wird – ohne sie auf kulturelle Klischees zu reduzieren. War das ein bewusstes Anliegen?
Ja, unbedingt. Ich wollte eine moderne türkische Familie in Deutschland erzählen, deren Herkunft selbstverständlich zu ihrer Identität gehört - genauso wie ihr Humor, ihre Wärme, ihre Konflikte, ihre Beziehungen, ihre Ecken und Kanten, ihr Zusammenhalt.

Mit Amelie steht eine Frau über 50 im Mittelpunkt, die Fehler gemacht hat, aber trotzdem eine romantische und persönliche Entwicklung erlebt. Vermissen Sie solche weiblichen Hauptfiguren im deutschen Fernsehen?
Es gibt hier so viele tolle Schauspielerinnen über 50, die eine unglaubliche Ausstrahlung und Lebenserfahrung mitbringen. Julia Jäger lässt in die Figur der Amelie ihre Lebenserfahrung, ihre Tiefe und ihre Verletzlichkeit einfließen. Genau das ist ein Geschenk, weil es Figuren berührend und lebendig macht. Geschichten über Menschen in diesem Alter sind wertvoll und ich wünsche mir, dass wir noch viel mehr davon erzählen.

Sie haben den Film in einer Justizvollzugsanstalt gemeinsam mit Insassinnen gesehen. Welche Rückmeldungen haben Sie dabei am meisten bewegt?
Dass der Film Mut macht. Weil er zeigt, dass man falsch abbiegen kann im Leben und trotzdem ein wertvoller Mensch bleibt. Die inhaftierten Frauen wünschen sich nach ihrer Entlassung die Chance auf einen Neuanfang und hoffen auf ein Umfeld, das ihnen verzeiht, ihnen wieder Vertrauen schenkt und zur Seite stehen. Diese Sehnsucht, neu beginnen zu können, hat mich sehr berührt.

Sie arbeiten sowohl als Schauspielerin als auch als Autorin. Hilft Ihnen der Blick von der Schauspielseite dabei, Dialoge und Figuren glaubwürdiger zu schreiben?
Ja, ich glaub schon. Ich spiele viele meiner Figuren innerlich, während ich schreibe und ich spreche Dialoge auch laut. Dann merk ich, ob es stimmt oder holpert. Außerdem frag ich mich, ob ich die Szene so gerne selber spielen würde, ob da genug „Futter“ - also genug Absurdität, Emotion, Zwiespalt, Kraft drin ist. Wenn die Antwort nein ist, stimmt etwas noch nicht, dann muss ich weiter dran arbeiten.

Der Film endet bewusst offen. War Ihnen wichtiger, dass Amelie einen Partner findet – oder dass sie Frieden mit sich selbst schließt?
Mir war wichtiger, dass sie Frieden mit sich schließt und den ganzen weiten Weg am Ende nicht gegangen ist, um wieder einen Partner an ihrer Seite zu haben, sondern für sich selbst, um endlich mit sich im Reinen zu sein. Aber die Liebe bleibt ja eine Möglichkeit😊

Was sollen die Zuschauer mitnehmen: eine Geschichte über Resozialisierung, über Selbstakzeptanz oder über die Erkenntnis, dass jeder Mensch eine zweite Chance verdient?
Das ist eine schöne Frage, weil sie die drei Themen schon benennt, die mir wichtig waren: Eine Geschichte, die zeigt, dass Resozialisierung auch bedeutet, wieder zu sich selbst zu finden und sich selbst eine zweite Chance zu geben – auch wenn man Fehler gemacht hat.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Heute fängt mein neues Leben an» ist am Freitag, den 7. August, um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen. Der Film kann ab 5. August gestreamt werden.
05.08.2026 12:30 Uhr Kurz-URL: qmde.de/174099
Fabian Riedner

super
schade


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Heute fängt mein neues Leben an Sturköpfe Eine Liebe später

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