RTLZWEI braucht mehr als Hartz und Geissens

Mit Doku-Soaps und Reality-TV erzielt RTLZWEI weiterhin solide Erfolge. Doch viele Marken zeigen inzwischen deutliche Abnutzungserscheinungen, während echte Programmideen Mangelware bleiben.

Seit dem 12. November 2025 darf Thorsten Braun über den Sender RTLZWEI bestimmen. Der Manager löste den allseits beliebten Andreas Bartl ab, der zwischen 1997 und 2000 die erfolgreichen Jahre von ProSieben prägte. Zwischen 2006 und 2012 brachte er den Sender erneut auf Kurs, nachdem seine Nachfolger mit billiger Reality das Image ruiniert hatten. Langfristig hat aus dieser Ära allerdings nur «Germany's Next Topmodel» funktioniert.

Dass der US-Fiction-Programmplaner Bartl ausgerechnet im Juni 2014 bei RTLZWEI landete, hätten wohl die wenigsten Branchenexperten erwartet. Auch hier war Bartl kein Vorreiter, sondern kopierte munter die VOX-Dokumentation über den Allerheiligenweg, die den Grundstein für die RTLZWEI-Hartz-Reportagen lieferte. Noch heute gehören Formate wie «Hartz und herzlich» zu den erfolgreichsten Primetime-Formaten. Das Format wurde sogar massiv ausgebaut: Aus den Problemvierteln Mannheims und Rostocks wurden mehrere Hundert Ausgaben für die tägliche Ausstrahlung produziert. Der Spin wurde allerdings verlagert: Nicht mehr dreiste Abzocker sind in der Daytime zu sehen, sondern gemütliche Geschichten zum Verweilen. Darüber hinaus sorgen auch «Hartz Rot Gold» und «Armes Deutschland – Stempeln oder abrackern?» für das Dienstag-Line-up.

Im Herbst sendete RTLZWEI noch die letzten Ausgaben von «Genial daneben», danach wird es wohl keine Shows dieser Art mehr geben. Weder «Glücksrad» noch andere kurzweilige Sendungen passen in das Reality-Umfeld des Grünwalder Senders. Am Montag lief im Sommer 2025 «Bella Italia – Camping auf Deutsch», das auch im Juli und August 2026 zurückkehrt. «Hartes Deutschland – Leben im Brennpunkt» wechselte auf den Montag, die Einschaltquoten sind inzwischen rückläufig. Das ist aber auch nachvollziehbar: Bei den Hartz-IV-Formaten werden unterschiedlichste Geschichten erzählt. Es gibt Arbeitslose, die durch die Wirtschaftslage in diese Situation geraten sind, faule Hartzler, die nicht arbeiten wollen, aber auch Familien, in denen die Eltern nicht arbeiten können, weil sie keinen Krippenplatz für ihre Tochter bekommen oder ein Partner krank im Bett liegt. Hinzu kommen Familien, die selbstständig sind oder arbeiten gehen, aber trotzdem aufstocken müssen. Die Bandbreite bei harten Drogen ist dagegen deutlich geringer.

«Die Geissens – Eine schrecklich glamouröse Familie» ist ebenfalls am Montag beheimatet und steht wohl kurz vor dem Ende. Die Einschaltquoten sind inzwischen enttäuschend, gleichzeitig hat Robert Geiss mit seiner Produktionsfirma bereits über 400 Ausgaben hergestellt. Im Hintergrund wurde sogar umgebaut: Inzwischen ist EndemolShine Germany für die Produktion verantwortlich. Deutlich abwechslungsreicher ist mittlerweile der Mittwoch, weil auch «Die Wollnys – Eine schrecklich große Familie» deutliche Abnutzungserscheinungen zeigt. Zeitgleich gibt es allerdings auch Streit innerhalb der Familie, der nicht im Fernsehen ausgetragen wird. YouTube-Zuschauer werden dort derzeit wohl besser unterhalten als bei RTLZWEI. «Kampf der Realitystars» läuft ausbaufähig, «#CoupleChallenge» und «Der Promihof» hingegen schwach. Das ist für RTLZWEI allerdings gar nicht so schlimm, wie Geschäftsführer Thorsten Braun meinte, schließlich erzielen diese Sendungen hohe Abrufzahlen bei RTL+.

Am Donnerstag platzierte RTLZWEI im vergangenen Jahr die wohl verrückteste Show aller Zeiten: «Die Geissens: Traumjob Prinzessin», eine Mischung aus Reality-Daily und Talentwettbewerb. Die Fernsehzuschauer konnten mit dem Format allerdings nichts anfangen, die Einschaltquoten waren vernichtend. In den Wochen zuvor zeigte der Sender «Love Island VIP», das bei RTL+ offenbar ebenfalls gut funktioniert. Die Dauerbrenner bleiben allerdings «Mensch Retter» und «Reeperbahn privat! Das wahre Leben auf dem Kiez». Von Oksana Kolenitchenko und Daniela Büchner hat sich die Fernsehstation verabschiedet, nachdem schon die Zuschauer kein Interesse mehr zeigten. Die Analyse ist kurz: Sowohl die Büchners als auch die Kolenitchenkos sind so gewöhnlich, dass es dafür keine eigene Doku-Soap braucht.

Sowohl freitags als auch samstags und sonntags setzt RTLZWEI auf Spielfilme. In den meisten Fällen sind die Ausstrahlungen von Erfolg gekrönt. Allerdings programmierten die Verantwortlichen im vergangenen Herbst Wiederholungen von «Armes Deutschland – Stempeln oder abrackern?», die erwartungsgemäß kaum Zuschauer erreichten. Während der Fußball-Weltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko wiederholten Brauns Leute dieses Himmelfahrtskommando. Auch «Kampf der Realitystars» lief am Sonntagabend nicht wirklich gut.

Man kann RTLZWEI als „Home of Reality“ bezeichnen. Doch in den vergangenen zwei Jahren verlor der Sender 0,2 Prozentpunkte und muss sich mit 3,9 Prozent bei den Umworbenen zufriedengeben. Beim Gesamtpublikum hält man 2,3 Prozent Marktanteil. Thorsten Braun muss jetzt endlich Gas geben und das Sendeversprechen einlösen. Er sollte sich Formate von Sendern wie Bravo anschauen und sich Ideen holen, wie man Reality zeitgemäß umsetzen kann. Darüber hinaus sollte nach neuen Reality-Dokus gesucht werden, schließlich ließe sich der Erfolg der Mannheimer und Rostocker Hartz-Formate durchaus auf andere Milieus übertragen.
25.07.2026 12:30 Uhr Kurz-URL: qmde.de/173635
Fabian Riedner

super
schade


Artikel teilen


Tags

#Zeugnis26 Zeugnis26 Germany's Next Topmodel Hartz und herzlich Hartz Rot Gold Genial daneben Glücksrad Bella Italia – Camping auf Deutsch Kampf der Realitystars #CoupleChallenge Der Promihof Die Geissens: Traumjob Prinzessin Love Island VIP Mensch R

◄   zurück zur Startseite   ◄
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel

Qtalk-Forum » zur Desktop-Version

Impressum  |  Datenschutz und Nutzungshinweis  |  Cookie-Einstellungen  |  Newsletter