ORF deckt Propaganda-Schlacht zwischen Irans Regime und der Opposition auf
Eine monatelange Untersuchung des ORF legt offen, wie sowohl Unterstützer des iranischen Regimes als auch Anhänger des Exilpolitikers Reza Pahlavi systematisch die Kommentarbereiche großer Nachrichtenangebote auf Instagram beeinflussen.
Kommentarspalten gelten für viele Nutzer als Stimmungsbarometer. Wer unter Beiträgen etablierter Nachrichtenmarken auf Instagram liest, gewinnt häufig den Eindruck, einen Querschnitt öffentlicher Meinungen zu sehen. Eine umfangreiche Recherche des Österreichischen Rundfunks (ORF) stellt dieses Bild nun jedoch infrage. Das Team der Nachrichtensendung «ZIB» untersuchte über Monate mehr als zwölf Millionen Kommentare auf Instagram und identifizierte koordinierte Kampagnen, die sich gezielt an den Kommentarspalten großer Medienhäuser in mehreren europäischen Ländern beteiligten.
Die Untersuchung wurde gemeinsam mit internationalen Recherchepartnern in neun Ländern durchgeführt. Mithilfe einer eigens entwickelten Software analysierten die Journalisten wiederkehrende Formulierungen, zeitliche Muster und identische Hashtags. Im Mittelpunkt stand zunächst der Hashtag #DigitalBlackoutIran, der ursprünglich auf die Internetabschaltungen durch das iranische Regime aufmerksam machen sollte. Die Recherche ergab jedoch, dass nahezu identische Kommentare in kurzer Zeit unter Beiträgen verschiedener Medien in mehreren europäischen Staaten veröffentlicht wurden, das ist ein Hinweis auf koordinierte Aktionen.
Dabei unterscheidet der ORF zwischen unterschiedlichen Formen der Einflussnahme. Einerseits fanden die Journalisten klassische Bot-Netzwerke. Diese veröffentlichten innerhalb weniger Sekunden wortgleiche Kommentare und verbreiteten vor allem Narrative der iranischen Staatsführung. Nach den militärischen Angriffen der USA und Israels auf den Iran Anfang 2026 tauchten beispielsweise massenhaft identische Beiträge auf, in denen behauptet wurde, der Westen führe keinen Krieg gegen den Iran, sondern gegen Muslime weltweit. Nach Einschätzung der Recherche sprechen die Synchronität und die technische Ausführung klar für automatisierte Konten.
Die Recherche verweist zudem auf ein größeres Ökosystem iranischer Propaganda. So seien unter anderem KI-generierte Kurzvideos auf Plattformen wie TikTok millionenfach verbreitet worden, die den Iran als Opfer westlicher Aggression darstellen. Gegenüber der BBC räumte laut ORF einer der Produzenten solcher Inhalte sogar ein, dass die iranische Führung zu seinen Auftraggebern gehöre.
Allerdings endet die koordinierte Einflussnahme nicht auf Seiten des Regimes. Die Analyse zeigt ebenso organisierte Kampagnen von Gegnern der iranischen Führung. Anders als bei den Bots handelt es sich hierbei überwiegend um authentisch wirkende Accounts, die häufig der iranischen Diaspora in Europa zugeordnet werden. Auch diese Nutzer veröffentlichten innerhalb kurzer Zeit nahezu identische Kommentare unter Nachrichtenbeiträgen und warben dabei nicht nur für einen politischen Wandel im Iran, sondern ausdrücklich auch für Reza Pahlavi, den Sohn des 1979 gestürzten Schahs Mohammad Reza Pahlavi. Pahlavi wird von Teilen der Opposition als Hoffnungsträger für einen demokratischen Neuanfang angesehen, bleibt jedoch innerhalb der iranischen Opposition eine umstrittene Figur.
Besonders aufschlussreich war nach Angaben des ORF die Rekonstruktion der Organisationswege. Die Journalisten stießen auf Telegram-Kanäle und Websites, auf denen konkrete Ziele ausgegeben wurden. Dort wurden Teilnehmer aufgefordert, bestimmte Beiträge internationaler Medien zu kommentieren. Gleichzeitig stellten die Betreiber Textvorlagen bereit, die teilweise mithilfe künstlicher Intelligenz leicht verändert werden konnten. Dadurch sollten automatische Spam-Erkennungen der Plattformen umgangen werden.
Einen unbeabsichtigten Einblick gewährte schließlich ein Nutzer selbst: Statt lediglich den vorbereiteten Kommentar zu veröffentlichen, postete er versehentlich den vollständigen KI-Prompt mitsamt mehreren vorgeschlagenen Textvarianten und persischen Übersetzungen. Solche Fehler halfen den Forschern ebenso wie identische Tippfehler dabei, koordinierte Netzwerke nachzuvollziehen. Ein falsch geschriebener Hashtag wanderte beispielsweise unverändert durch zahlreiche Kommentare in verschiedenen Ländern und entwickelte sich zu einem digitalen Fingerabdruck der Kampagne.
Nach Einschätzung des ORF richtet sich die Strategie bewusst gegen die Kommentarbereiche seriöser Nachrichtenangebote. Das Vertrauen, das Nutzer öffentlich-rechtlichen und etablierten Medien entgegenbringen, soll genutzt werden, um den Eindruck zu erwecken, bestimmte politische Positionen würden von einer breiten Mehrheit vertreten. Die Recherche macht zugleich deutlich, dass diese Form der Beeinflussung nicht auf eine Konfliktpartei beschränkt ist. Sowohl Unterstützer der iranischen Regierung als auch Teile der Opposition setzen auf koordinierte Kampagnen, um ihre politischen Botschaften möglichst sichtbar zu platzieren. Die Recherche fand in Österreich große Aufmerksamkeit, blieb in Deutschland bislang jedoch weitgehend unbeachtet.
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