Ob Sonntagabend im Ersten oder spät abends auf ProSieben: Kaum ein Genre prägt das deutsche Fernsehen so sehr wie der Krimi.
Wöchentlich verfolgen Millionen Zuschauer, wie Kommissare an Unfallorten Spuren sichern, Bremswege vermessen, aus Lackresten ganze Tathergänge rekonstruieren. Was in 90 Minuten meist elegant aufgelöst wird, dauert in Wirklichkeit Wochen und hat strenge technische Regeln. Ein Blick ins Innere verrät, wie weit sich Drehbuchfantasie und echte Sachverständigenarbeit voneinander entfernt haben.
Der Tatort und die Schnelligkeit
Der Tatort ist seit über fünfzig Jahren eines der quotenstärksten Formate im deutschen Fernsehen. Immer wieder mehr als acht Millionen Menschen sitzen vor den Bildschirmen, wenn Kommissare in Münster, Dortmund oder Wien ermitteln. Verkehrsunfälle spielen dabei erstaunlich oft eine Rolle, sei es als Mordwerkzeug, als inszenierter Suizid oder als Fluchtszenario.
Die Rasanz, mit der in solchen Folgen scheinbar komplizierte Rekonstruktionen erledigt werden, fällt auf. In wenigen Filmminuten stehen Kollisionsgeschwindigkeit, Aufprallwinkel und Fahrerhöhe fest. Dass hinter einer echten Unfallanalyse ein mehrstufiger Prozess steht, der Fotogrammetrie, 3D-Vermessung und physikalische Berechnungen kombiniert, bleibt der Dramaturgie meist außen vor. Wer sich einmal die wirkliche Arbeit eines
Kfz Gutachter in München ansieht, erkennt schnell, dass ein ordentliches Gutachten selten in einer Nacht entsteht. Vermessung, Auswertung der Fahrzeugelektronik und Abgleich mit Referenzdaten benötigen Zeit, oft Wochen.
Was CSI & Co. anders machen
Amerikanische Formate wie CSI, NCIS oder Bones haben sich ein eigenes Genre der Hochglanz-Forensik geschaffen. Kennzeichen sind blau ausgeleuchtete Labors, holographische Displays und Software, die aus einem verwischten Reifenabdruck in Sekunden Hersteller, Modell und Baujahr ermittelt. Der sogenannte CSI-Effekt ist inzwischen ein anerkanntes Phänomen in der Rechtswissenschaft. Er beschreibt die verzerrte Erwartungshaltung, die Geschworene und Zeugen an die wirkliche Ermittlungsarbeit stellen.
Reale Unfallrekonstruktionen sind wesentlich weniger spektakulär, aber auch sehr viel genauer. Sachverständige bedienen sich etwa des Auslesevorganges des
Event Data Recorders, der in modernen Kraftfahrzeugen Geschwindigkeit, Bremsverhalten und Gurtverankerung in den Sekunden vor dem Aufprall speichert. Auch die Auswertung der Knautschzone erfolgt nach genormten Richtlinien, die in DIN oder den Richtlinien der Bundesanstalt für Straßenwesen verankert sind. Von holografischen Rekonstruktionen ist man Lichtjahre entfernt, Messkette, Fotodokumentation und Simulationssoftware wie PC-Crash oder Carat beherrscht den Alltag.
Prüfkriterien, die im Drehbuch fehlen
Serienhelden geben ihre Meinung zur Schuldfrage am besten gleich am Tatort ab. In Wirklichkeit herrscht hier ein viel strengerer Kodex. Diese öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen unterliegen dem Reglement ihrer Industrie- und Handelskammer, die sind verpflichtet, nach den anerkannten Regeln der Technik zu arbeiten und schreiben alles penibel auf.
Prüfkriterien sind die Schadenkompatibilität zwischen den Fahrzeugen, der Abgleich von Endlagen und rekonstruierten Bewegungsbahnen, Anstoßkonfigurationen, die sogenannte kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung (Delta-v), die für die Beurteilung der Verletzungsrisiken wichtig ist. Die Drehbuchschreiber bei den Sendern haben es nicht so genau mit dieser Kleinstarbeit, und doch prägen die Serien das Bild vom Gutachter in der Öffentlichkeit entscheidend mit.
Warum die Diskrepanz für Zuschauer interessant ist
Der Reiz von Krimiserien liegt in ihrer Zuspitzung. Wenn man jedoch nach einem Verkehrsunfall tatsächlich in die Lage gerät, ein Gutachten zu benötigen, hat man es mit einem anderen Tempo und einer anderen Beweislogik zu tun. Weder Kommissar Faber noch Gil Grissom klären in der Wirklichkeit, wer die Reparaturkosten zu tragen hat, wo der Restwert ermittelt wird. Solche Fragen klären unabhängige Sachverständige, deren Arbeit nicht so telegen ist, die für den Betroffenen aber weit größere finanzielle Folgen hat.
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