«Sommer '36»: Der erste Sommer an der Cote d'Azur

Die französisch-belgische Prestigeserie findet auf Netflix nun auch ihren Weg nach Deutschland. Quotenmeter.de hat sie bereits gesehen.

Es beginnt mit einem Zug, der Richtung Mittelmeer rollt. Familien drängen sich in die Waggons, Koffer stapeln sich in den Gängen, Menschen lachen, diskutieren und blicken erwartungsvoll aus den Fenstern. Es sind die ersten bezahlten Ferien der französischen Arbeiter – jener historische Sommer 1936, in dem das Meer plötzlich nicht mehr nur der wohlhabenden Oberschicht gehörte. Allein in diesen ersten Bildern liegt bereits eine kleine Verheißung: dass Geschichte nicht immer aus Schlachten und Staatsmännern bestehen muss, sondern manchmal auch aus der schlichten Möglichkeit, zum ersten Mal Urlaub zu machen. Genau dieses Gefühl trägt die französische Miniserie «Sommer '36» über weite Strecken mit bemerkenswerter Leichtigkeit, die nun mit Netflix auch ihren Weg nach Deutschland gefunden hat.

Historische Serien neigen häufig dazu, ihr Publikum mit Bedeutung zu erdrücken. Kostüme werden zum Selbstzweck, politische Ereignisse zu bebilderten Geschichtsstunden. «Sommer '36» schlägt erfreulicherweise einen anderen Weg ein. Zwar spielt die Serie vor dem Hintergrund des Front populaire und der Einführung der ersten bezahlten Urlaubstage, doch sie interessiert sich vor allem für die Menschen, deren Leben sich dadurch verändert. Aus einer großen gesellschaftlichen Zäsur wird eine überraschend persönliche Geschichte über Hoffnungen, Klassenunterschiede, Liebe und Selbstbestimmung.

Der eigentliche Kunstgriff besteht darin, diese historische Kulisse mit einem klassischen Kriminalfall zu verbinden. In einem luxuriösen Hotel an der Côte d’Azur wird ein Staatsanwalt ermordet. Plötzlich kreuzen sich die Wege von vier Frauen aus völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, die auf ganz eigene Weise in die Ereignisse hineingezogen werden. Das klingt zunächst nach einer recht kalkulierten Mischung aus Gesellschaftsdrama und Whodunit. Tatsächlich gelingt der Serie aber eine erstaunlich harmonische Balance zwischen beiden Elementen. Denn der Mord sorgt für Spannung, ohne jemals die eigentliche Hauptrolle zu übernehmen.

Viel interessanter sind ohnehin die Figuren. Blanche, Eugénie, Giulia und Léonie könnten auf dem Papier leicht wie bloße Repräsentantinnen verschiedener Milieus wirken. Stattdessen entwickeln sie erstaunlich schnell individuelle Konturen. Die Serie gönnt sich die Zeit, ihre Lebenswirklichkeiten zu zeigen, bevor sie sie in die eigentliche Handlung verstrickt. Gerade dadurch entsteht eine emotionale Nähe, die vielen historischen Mehrteilern fehlt.

Besonders die Darstellerin Julie de Bona trägt dabei viel zum Gelingen der Serie bei. Ihre Blanche bewegt sich auf einem diffizilen Grat zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichen Sehnsüchten mit einer Natürlichkeit, die niemals überzeichnet wirkt. Ebenso überzeugend ist Sofia Essaïdi als kämpferische Eugénie, deren Blick auf die sozialen Veränderungen des Jahres 1936 einen wichtigen Gegenpol zur Welt der Reichen bildet. Nolwenn Leroy überrascht ebenso in ihrer Rolle als Giulia mit einer angenehm zurückhaltenden Präsenz. Keine der Figuren wird hier auf eine bloße Funktion innerhalb der Handlung reduziert.

Dabei besitzt «Sommer '36» eine Qualität, die man bei historischen Produktionen oft unterschätzt: Sie macht ihre Epoche zugänglich, ohne sie museal wirken zu lassen. Natürlich spielen Kostüme, Automobile und elegante Hotels eine wichtige Rolle. Doch all diese Elemente bleiben Mittel zum Zweck. Die Ausstattung dient den Figuren, nicht umgekehrt. Man spürt den enormen Aufwand, der in die Rekonstruktion der Côte d’Azur der dreißiger Jahre geflossen ist, ohne dass die Serie jemals den Eindruck vermittelt, ihre historische Genauigkeit ständig vor sich hertragen zu müssen. Rund 2.000 Kostüme und aufwendig rekonstruierte Schauplätze schaffen eine Welt, die gleichermaßen glaubwürdig wie lebendig wirkt.

Visuell gehört «Sommer '36» ohnehin zu den schönsten europäischen Fernsehproduktionen der letzten Zeit. Die Kamera fängt das Licht der Mittelmeerküste mit einer Eleganz ein, die fast nostalgisch wirkt, ohne in bloße Postkartenästhetik abzurutschen. Die prachtvollen Hotels, die Strände von Nizza und die engen Gassen entfalten einen Charme, der hervorragend zur Grundstimmung der Serie passt. Man versteht sofort, warum dieser Sommer für so viele Menschen ein Symbol neuer Freiheit wurde.

Gerade diese Leichtigkeit macht derweil einen großen Teil des Reizes aus. Obwohl Mord, politische Spannungen und gesellschaftliche Konflikte wichtige Bestandteile der Handlung sind, verliert die Serie ob dieser Motive niemals ihre Lebensfreude. Es wird getanzt, geliebt, gestritten und gelacht. Die historischen Umbrüche erscheinen nicht als abstrakte Lehrbuchkapitel, sondern als unmittelbare Erfahrungen ganz gewöhnlicher Menschen.

Der Kriminalfall selbst gerät dabei gelegentlich in den Hintergrund, denn die Serie setzt bewusst stärker auf Atmosphäre als auf Nervenkitzel. Hinzu kommt, dass manche Konflikte vergleichsweise harmonisch aufgelöst werden. Hier und da spürt man den Wunsch der Autoren, später möglichst viele Handlungsstränge versöhnlich zusammenzuführen. Das wirkt zwar sympathisch, nimmt einigen dramatischen Zuspitzungen aber etwas von ihrer Wucht.

Am Ende bleibt vor allem das Gefühl, einige Stunden in einer vergangenen Epoche verbracht zu haben, ohne dass daraus jemals trockener Geschichtsunterricht geworden wäre. «Sommer '36» verbindet historische Genauigkeit mit unterhaltsamem Erzählen, gesellschaftliche Themen mit emotionaler Wärme und Krimielemente mit einer angenehm sommerlichen Leichtigkeit. Vielleicht ist das nicht die große Prestigeproduktion, als die sie in Belgien und Frankreich vermarktet wurde. Doch sie ist in der Tat ein ausgesprochen charmantes, klug gemachtes und liebevoll ausgestattetes Stück europäisches Fernsehen, bei dem ein Mordfall eher als Anlass dient, um von den Menschen zu erzählen, die in seinem Schatten ihren ganz eigenen Sommer erleben.

Die Serie «Sommer '36» ist in Deutschland im Streaming-Angebot von Netflix zu finden.
30.06.2026 11:20 Uhr Kurz-URL: qmde.de/173100
Oliver Alexander

super
schade


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Sommer '36

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