Zwischen Raab und Sparzwang: Wohin steuert RTL unter Inga Leschek?

Mit Stefan Raab, dem Sky-Kauf und zahlreichen etablierten Marken setzt RTL auf Bekanntes. Doch während einige Formate weiterhin verlässlich funktionieren, fehlt dem Kölner Sender zunehmend der Mut zu neuen Ideen.

Inga Leschek hat in den vergangenen Jahren viel Kritik abbekommen. Sie verpflichtete beispielsweise Stefan Raab, der mit einem Boxkampf sein Comeback ankündigte. Der Boxabend erreichte im Durchschnitt fast sechs Millionen Zuschauer, darunter knapp drei Millionen Umworbene. Doch «Du gewinnst hier nicht die Million» wurde schnell durch «Die Stefan Raab Show» ersetzt. Nachdem das Format in der Primetime nicht funktionierte, läuft es inzwischen am späten Donnerstagabend. Auch eine Dienstagsausgabe wird produziert, die medial allerdings kaum wahrgenommen wird. Immerhin hat Raab nach «Die Unvermittelbaren» mit «Wer weiß denn sowas? – Wie, wann, was war?» beziehungsweise dem Format «Wer weiß wie wann was war?» einen weiteren Quotenerfolg geschaffen. Seine «Schlag den Raab»-Kopie mit Michael „Bully“ Herbig sowie die Pokernächte verlieren dagegen zunehmend an Zuschauern.

Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass Inga Leschek derzeit nur begrenzt auf neue Ideen setzt. Nachdem das Nachrichtenmagazin «RTL Direkt» eingestellt wurde, bestätigte sich eine Befürchtung vieler Beobachter: RTL nutzt die freigewordene Programmfläche zunehmend dazu, seine 20.15-Uhr-Formate zu verlängern. Bislang werden die Sendungen meist nur um eine Viertelstunde ausgedehnt, doch daraus könnte langfristig eine ähnliche Strategie wie bei ProSieben werden.

RTL steckt durch den Sky-Erwerb zudem in einer Investitionsspirale. Das Gesamtunternehmen erwirtschaftete zuletzt einen Gewinn von 661 Millionen Euro, davon entfielen 287 Millionen Euro auf RTL Deutschland. Statt diese Gewinne verstärkt in neue Produktionen zu investieren, fließen erhebliche Mittel an den Mutterkonzern Bertelsmann. Die Beschäftigten von RTL erhielten zuletzt keine Erfolgsprämie, weil die Unternehmensziele verfehlt wurden. Vertrauen in einem schwierigen Marktumfeld sieht anders aus.

Auch RTL hängt inzwischen stark an seinen früheren Erfolgsformaten. Während «Das Supertalent» in der vergangenen TV-Saison pausierte, wurde erneut eine Staffel von «Deutschland sucht den Superstar» produziert. Dort holte man mit Menowin Fröhlich einen der bekanntesten Kandidaten der vergangenen Jahre zurück. Statt einen neuen Superstar zu finden, schien die Produktion vor allem daran interessiert zu sein, eine möglichst starke Geschichte zu erzählen. Auch abseits von Dieter Bohlen wirkt RTL am Samstagabend zunehmend ideenlos. Zuletzt versuchte man es sogar mit der 2. Bundesliga, die jedoch keine nachhaltigen Impulse setzte.

Kurz vor dem Ende der TV-Saison gab es dann noch ein positives Signal. RTL ließ eine sechsteilige Staffel von «Der Lehrer» produzieren, sendete diese allerdings in Form von jeweils drei Folgen an zwei Donnerstagen. Hätte man zusätzlich ein weiteres Format, beispielsweise eine Neuauflage von «Raus aus den Schulden», in Auftrag gegeben, hätte sich dieser Erfolg deutlich länger nutzen lassen. Stattdessen konzentriert sich RTL zunehmend darauf, die Reichweite von RTL+ auszubauen. Dabei profitiert der Streamingdienst bereits erheblich von der Kooperation mit der Deutschen Telekom.

Dass gespart werden muss, zeigt sich auch am Showangebot. Neben «Top Dog Germany», «Ninja Warrior Germany» und «Let’s Dance» gab es zuletzt kaum weitere große Unterhaltungsshows am Freitagabend. Formate wie das «TV total Turmspringen» oder «Splash!» spielen inzwischen keine Rolle mehr. Gleichzeitig bleibt das Dschungelcamp eine der wichtigsten Marken des Hauses. Trotz regelmäßiger Skandale funktioniert «Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!» weiterhin hervorragend. Besonders die Begleitsendung «Die Stunde danach» entwickelt sich mit rund eineinhalb Millionen Zuschauern regelmäßig zur Quotenmaschine. Angesichts vergleichsweise überschaubarer Produktionskosten dürften die Wochen rund um den Jahreswechsel für RTL weiterhin zu den profitabelsten des Jahres zählen.

Am Montag sind «Wer wird Millionär?» und das «Bauer sucht Frau»-Universum fest gesetzt. Der Dienstagabend ist dagegen zweigeteilt. Einerseits setzt RTL auf Reality-Formate wie «Das Sommerhaus der Stars – Kampf der Promipaare», andererseits laufen dort Castingshows wie «Deutschland sucht den Superstar» sowie Krimireihen wie «Dünentod», «Alpentod», «Miss Merkel» und «Behringer und die Toten». Die Ähnlichkeiten zum Krimi-Donnerstag des Ersten sind dabei kaum zu übersehen. Bemerkenswert ist zudem, wie häufig RTL inzwischen die wenigen vorhandenen «Dünentod»-Folgen wiederholt. Beim Gesamtpublikum funktioniert dies zwar weiterhin, echte Wachstumsimpulse entstehen daraus allerdings nicht.

Im kommenden Herbst steht RTL zudem vor einer neuen Herausforderung. Der Sender verliert seine Europa-League- und Conference-League-Rechte, die künftig bei DAZN liegen werden. Weder RTL noch Sky konnten sich die Rechte sichern. Ob DAZN künftig überhaupt noch auf ein Free-TV-Fenster setzt, bleibt offen. Hinzu kommt, dass mittelfristig auch die NFL-Rechte neu ausgeschrieben werden. Fraglich ist, ob RTL bereit sein wird, weiterhin hohe Summen für Sportrechte auszugeben. Zwar sind diese Inhalte für den Streamingbereich attraktiv, doch die regulären NFL-Partien erzeugen – abgesehen von Deutschland-Spielen – inzwischen längst nicht mehr den Hype der Anfangsjahre.

Die Verantwortlichen von RTL haben sich in den vergangenen zwölf Monaten gleich mehrfach selbst unter Druck gesetzt. Mit dem Kauf von Sky übernahm man ein Unternehmen, dessen attraktivste Inhalte vor allem aus der Bundesliga und der Formel 1 bestehen. Gleichzeitig investierte man erhebliche Summen in Stefan Raab, ohne bislang einen nachhaltigen Publikumserfolg zu erzielen. Der Entertainer sorgt zwar punktuell für Aufmerksamkeit und hohe Reichweiten, verschlingt aber zugleich enorme Budgets. RTL steht deshalb vor einer entscheidenden Frage: Reicht die Kraft der bekannten Marken aus, um den Sender in die Zukunft zu führen, oder braucht es bald mehr als nur neue Ausgaben alter Erfolgsrezepte?
27.06.2026 12:47 Uhr Kurz-URL: qmde.de/172725
Fabian Riedner

super
schade


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