Mit «europiano» räumt ARTE einen kompletten Sendetag für klassische Musik frei und schickt die Zuschauer auf eine achtstündige Reise durch Europas bedeutendste Klavierkonzerte. Im Quotenmeter-Interview spricht ARTE-Deutschland-Geschäftsführer Wolfgang Bergmann über die Entstehung des Mammutprojekts, die symbolische Bedeutung des Konzerts aus Kyiv und die Frage, warum große Live-Kulturereignisse gerade in digitalen Zeiten wichtiger denn je sind.
Herr Bergmann, vor fünf Jahren haben Sie mit den neun Beethoven-Sinfonien ein außergewöhnliches Fernsehereignis geschaffen. Wann entstand die Idee, dieses Konzept mit «europiano» weiterzudenken?
Vor knapp zwei Jahren haben wir angefangen. Eigentlich war die Ursprungsidee, „nur“ alle fünf Beethoven-Klavierkonzerte hintereinander zur Aufführung zu bringen, aber dann meinte mein Straßburger Kollege Jean Wittersheim: „Warum nur Beethoven? Lass´ uns das doch größer denken.“ Und dann haben wir zusammen angefangen, eine Art von „best of“ der Klavierkonzerte zusammenzustellen, erst sieben, dann zehn und schließlich sind es sogar elf geworden. Ein positiv eskalierendes Projekt sozusagen.
Acht Stunden Klassik am Stück im Fernsehen wirken in Zeiten von TikTok, Streaming und On-Demand-Nutzung fast wie ein Gegenentwurf zur modernen Medienwelt. Ist genau das Teil der Idee?
Warum sollte man nur Serien „bing-watchen“ können? Das geht mit klassischer Musik ganz hervorragend auch. Und ARTE-Publikum kann long distance, das hat es nicht nur damals beim Beethoven-Sinfonienmarathon bewiesen, sondern bei anderen Gelegenheiten auch. Wir sind aber übrigens auch bei TikTok zu finden. Kurz, aber eben auch dort mit ARTE-spezifischen Inhalten.
Sie sprechen von den „schönsten Klavierkonzerten Europas“. Wie schwierig waren die Diskussionen darüber, welche Werke am Ende tatsächlich in dieses Projekt aufgenommen werden?
Wir haben es irgendwann aufgegeben, darüber zu streiten. Es ist eine subjektive Auswahl ist. Und natürlich hat sie auch mit Verfügbarkeiten der Solistinnen und Solisten, der Orchester und Aufführungsorte zu tun. Aber hören und schauen Sie selbst: Da ist schon sehr viel Schönes dabei – Mozart, Rachmaninow und Tschaikowski, Beethoven, Chopin, Ravel …
arte räumt für «europiano» nahezu einen kompletten Sendetag frei. Wie leicht oder schwer war es, innerhalb des Senders für ein solches Mammutprojekt zu werben?
Na, das war schon ein Kraftakt und es gehört Mut dazu, den das Straßburger Team und allen voran Programmdirektorin Sylvie Stephan bei der Planung bewiesen haben. Und einige unserer Partnersender haben auch kräftig mitgeholfen, das zu ermöglichen. Aber wer, wenn nicht ARTE, sollte so etwas wagen?
Das Projekt führt von Westeuropa bis nach Kyiv. Welche Symbolkraft hatte es für Sie, die Ukraine bewusst in diese musikalische Reise einzubinden?
Das bedeutet uns eine Menge, und wir sind ehrlich gesagt glücklich und erleichtert zugleich, dass dieses Konzert stattfinden konnte. Es ist die einzige Komposition eines ukrainischen Komponisten aus jüngerer Zeit, und das finde ich besonders gut und passend: die vielfältige Linie europäischer Musikgeschichte in die Gegenwart zu ziehen und genau dort ausklingen zu lassen, wo Europa und sein Wertesystem vor seine aktuell schwierigste Prüfung gestellt wird. Wer bei dem aus Sicherheitsgründen bereits aufgezeichneten Konzert anwesend war, ist geradezu ergriffen gewesen von der Leidenschaft und auch Freude, die unsere Freunde in Kyiv und bei unserem Partnersender Suspilne sowie das Kyiver Orchester und die Dirigentin Keri-Lynn Wilson dabei verströmt haben. Und das, obwohl die Generalprobe wegen eines Luftalarms ausfallen musste.
Gerade in politisch schwierigen Zeiten wird oft über Europas Krisen gesprochen. War «europiano» auch der Versuch, einmal den kulturellen Reichtum des Kontinents in den Mittelpunkt zu stellen?
Europa atmet hoffentlich tief durch an diesem Tag und tanzt vom Nachmittag an durch die kürzeste Nacht des Jahres. Wenn sich Europa auf irgendeinem Gebiet feiern darf und feiern kann, dann auf dem Gebiet der Klassischen Musik. Gerade die Klavierkonzerte sind ein tiefgründiges Album der Emotionen der letzten drei Jahrhunderte unserer Geschichte. Und sie strahlen mitunter die Schönheit und Vollkommenheit aus, die die Kultur unseres Kontinents eben auch zu bieten hat. Egal wer hier spielt, es gibt nur Gewinner.
Sie haben gesagt, man hätte auch einfach einen Konzerttag „aus der Konserve“ zusammenstellen können. Warum war Ihnen dieser Live- und Eventcharakter so wichtig?
Das Publikum spürt immer den Zauber eines Live-Ereignisses. Gerade in Zeiten totaler Reproduzierbarkeit und leider auch vielfältiger Möglichkeiten der Manipulation ist es wichtig, Erlebnisse zu schaffen und miteinander in Echtzeit verbunden zu sein. Klar ist der Tag auch auf unserer Streaming-Plattform abrufbar und man kann ihn sich auch in Stücken nachträglich anschauen. Aber ich bin mir sicher, wer am Sonntag um 15.30 Uhr einschaltet, den lässt der Sog dieses einzigartigen Klaviermarathons quer durch Europa nicht los.
arte wird oft als Kultursender wahrgenommen, erreicht aber zunehmend auch jüngere Zielgruppen über digitale Plattformen. Welche Rolle spielen Persönlichkeiten wie Louis Philippson dabei?
Diesen jungen Man schickt uns der Himmel. Er ist zuallererst ein ausgezeichneter Pianist und Fachmann; er weiß nicht nur wovon er spricht, er kann es auch vormachen. Und er hat halt diesen Draht zum jungen Publikum, unter anderem durch seine Präsenz in den sogenannten Sozialen Medien, und bildet deshalb zusammen mit unserer Moderatorin Annette Gerlach das perfekte Gespann, diesen Tag in alle Altersgruppen hinein zu vermitteln.
Glauben Sie, dass klassische Musik heute ein Imageproblem hat oder scheitert sie eher daran, dass sie häufig nicht zeitgemäß präsentiert wird?
Ich glaube an die klassische Musik, weil sie am Ende gar kein Image nötig hat. Sie spricht durch sich selbst und viele, nicht alle, aber viele Werke sind so unmittelbar in ihrer Wirkung, dass sie alle Klischees und Vorbehalte durchbrechen, lässt man sich nur darauf ein. Trotzdem kann man vieles für eine zeitgemäße Vermittlung tun. Dazu wollen wir mit diesem Tag einen Beitrag leisten.
Hinter «europiano» stehen hunderte Mitwirkende, zahlreiche Orchester, Produzenten und Partner. Was war die größte organisatorische Herausforderung bei diesem Projekt?
Das ist wie Jonglieren mit hundert Bällen. Und es wird bestimmt auch mal einer runterfallen, live ist live. Aber wir sind ein tolles Team, haben super Produzenten, die ganze ARTE-Gruppe macht mit und dann sollten auch große organisatorische Herausforderungen zu meistern sein. Aber fragen Sie uns das lieber erst Sonntagnacht …
arte gilt europaweit als einzigartige Senderkooperation. Sind Projekte wie «europiano» letztlich nur möglich, weil arte grenzüberschreitend denkt und arbeitet?
Natürlich ist das so. «Europiano» ist ARTE in Reinkultur, genau das können wir vielleicht genau deshalb so machen, weil wir ein ziemlich bunter Haufen sind, aus unterschiedlichen Ländern und Fernsehkulturen kommen und ein europäisches Netzwerk aufgebaut haben, das sich dieser Idee der Überwindung von Grenzen mittels der Sprache der Kultur verpflichtet fühlt. Genau deshalb ist ARTE eine so tolle Marke geworden, öffnet Türen und motiviert die Besten, so etwas mitzumachen. Danke dafür.
Klassische Musik galt lange als fester Bestandteil des Fernsehens, ist heute aber oft ins Spätprogramm oder in Mediatheken gewandert. Hat das Fernsehen die Kultur vernachlässigt oder haben sich die Sehgewohnheiten schlicht verändert?
Das muss das Publikum entscheiden. Das audiovisuelle Angebot an klassischer Musik ist in Wirklichkeit vom Volumen her größer geworden. Wer es sucht, der findet es – und landet häufig bei ARTE. Hoffentlich auch am Sonntag!
Danke für Ihre Zeit!
«europiano – die schönsten Klavierkonzerte aus Europa» am Sonntag, 21. Juni, von 15.30 bis 23.30 Uhr live auf ARTE und im Livestream und Video-on-Demand auf www.arte.tv: europiano - ARTE Concert | ARTE
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