‚Der «Fernsehgarten» ohne Andrea Kiewel wäre kaum derselbe‘

Seit 40 Jahren gehört der «ZDF-Fernsehgarten» zum Sommer wie Sonnenschein und Erdbeerkuchen. Janis Wantoch von Rekowski spricht über die Erfolgsgeschichte der Kultsendung, die besondere Rolle von Andrea Kiewel, den Spagat zwischen Tradition und Modernisierung sowie die Herausforderungen einer der letzten großen Live-Unterhaltungsshows im deutschen Fernsehen.

Frau Wantoch von Rekowski, der «ZDF-Fernsehgarten» feiert in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag. Was macht es für Sie persönlich so besonders, Teil einer Sendung mit einer derart langen Geschichte zu sein?
Meine erste Station hier beim ZDF war 1996 der «ZDF-Fernsehgarten». Damals noch als studentische Aushilfe in der Redaktion. Ich war sofort beeindruckt vom Teamgeist und dieser besonderen Live-Atmosphäre vor Ort. Gerade heute ist es nicht mehr selbstverständlich, eine große Eigenproduktion umzusetzen. Woche für Woche entsteht hier unter Live-Bedingungen etwas Einmaliges – mit einem großen Team, bei dem bis zu 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Hand in Hand arbeiten. Das ist etwas ganz Besonderes.

Die Ursprünge des «Fernsehgartens» liegen auch in den großen IFA-Shows und klassischen Unterhaltungssendungen der 70er- und 80er-Jahre. Wie ist die Idee damals entstanden, Unterhaltung am Sonntagmorgen nach draußen zu verlegen?
Der damalige Intendant des ZDF, Professor Dieter Stolte, hatte in den 1980er Jahren die Idee, das weiträumige ZDF-Gelände in Mainz zu einer Begegnungsstätte von Zuschauern und Fernsehmachern zu machen. Aus den Erfahrungen bei den IFA-Sommer-Shows entwickelte die Hauptredaktion Show daraufhin das Konzept des «ZDF-Fernsehgarten» als sommerliches TV-Event unter freiem Himmel. Das ZDF-Areal auf dem Lerchenberg bot und bietet ideale Voraussetzungen für eine publikumsnahe Show, die das Flair von Wochenend-Entspannung, Leichtigkeit, Urlaub und Freizeit transportiert. Nach der Devise: Fernsehen zum Anfassen und Miterleben.

Wenn Sie auf vier Jahrzehnte «Fernsehgarten» blicken: Wie stark hat sich die Sendung inhaltlich und atmosphärisch verändert?
Mit der schrittweisen und mittlerweile doch beträchtlichen Ausdehnung des bespielten Geländes ging natürlich auch eine stetig wachsende Besucherzahl einher. Die allererste Fernsehgartenfolge im Juni 1986 wurde von 800 Zuschauern besucht; heute haben wir im Durchschnitt 5.000 Gäste pro Folge. Neue Spielorte wie der Pool und ein Gartenstudio sind mit der Zeit hinzugekommen, und die Bühnenbauten wurden selbstverständlich dem Zeitgeist und den Anforderungen der Show angepasst. Im Grunde jedoch ist sich der «Fernsehgarten» über die Jahre hinweg treu geblieben: Sonntagvormittags-Unterhaltung für ein möglichst breites Publikum mit Musik, Humor, Service, mit vielen Stars und prominenten Gästen, spektakulären Aktionen und diesem Hauch von Sommerferiengefühl.

Der «Fernsehgarten» gilt heute als eine der letzten großen klassischen Live-Unterhaltungsshows im deutschen Fernsehen. Warum funktioniert dieses Konzept Ihrer Meinung nach noch immer?
Das Format hat sich mit der Zeit immer weiterentwickelt angepasst. Der «Fernsehgarten» steht für Verlässlichkeit und gemeinschaftliche Live-Erfahrung: sonntags im Sommer, feste Uhrzeit, vertraute Gesichter, bekannte Rituale mit doch immer wieder neuen, überraschenden Inhalten. Bei vielen Zuschauern sorgt dies für ein Gefühl von Zuverlässigkeit und Kontinuität. Entscheidend ist hierbei sicher auch die Live-Situation und damit verbunden das Moment einer gewissen Unvorhersehbarkeit. Selbst wenn nicht alles perfekt läuft, erzeugt genau das eine besondere Atmosphäre. Pannen, Wetterumschwünge, spontane Reaktionen des Publikums oder improvisierte Moderationen machen die Sendung trotz der über die Jahre gewachsenen Vertrautheit ein Stück weit unberechenbar. Und gerade dadurch wirkt der «Fernsehgarten» so authentisch und nahbar.

Andrea Kiewel prägt die Sendung seit vielen Jahren wie kaum eine andere Moderatorin. Was macht ihre Verbindung zum Publikum so besonders?
Andrea Kiewel ist die Moderatorin, die den «Fernsehgarten» mit Abstand am längsten moderiert. Im vergangenen Jahr konnten wir ihre 25. Fernsehgartensaison feiern. Zu dieser sehr engen Verbindung von Moderatorin und TV-Format gesellt sich ein weiteres entscheidendes Element: Andrea Kiewels ureigene, sehr direkte und persönliche Form der Moderation. Diese geht über eine bloße Präsentation von Inhalten und Protagonisten weit hinaus. Andrea Kiewel ist das Bindeglied zwischen dem, was auf den Fernsehgartenbühnen gezeigt wird und denen, die es vor Ort und zuhause am Bildschirm verfolgen. Es gelingt ihr, nahe an den Künstlern zu sein, ohne dabei den Kontakt zum Publikum zu verlieren und umgekehrt. Dazu kommen ihre Spontanität und Schlagerfertigkeit, die für unser Format von unschätzbarem Wert sind. Freilich polarisiert sie damit auch gelegentlich, doch auch das gehört zum Erfolgsgeheimnis. Der «Fernsehgarten» ohne Andrea Kiewel wäre atmosphärisch kaum derselbe.

In den vergangenen Jahren wurde der «Fernsehgarten» deutlich jünger, schneller und popkultureller – etwa durch Motto-Shows oder Social-Media-Momente. War das eine bewusste Strategie?
Dieser Weg wurde von uns sehr bewusst eingeschlagen, weil er ganz einfach notwendig wurde, um den «Fernsehgarten» auch in der heutigen Medienwelt präsent zu halten. Ein Format, das weiterhin relevant bleiben möchte, darf sich nicht darauf ausruhen, nur ein liebgewonnenes Gewohnheitsprogramm zu sein. So hat sich der «Fernsehgarten» heute auch auf den Social-Media-Kanälen etabliert und dort neue Zielgruppen aufgetan. Mittlerweile hat unser Instagram-Account knapp 150K Follower. Er versucht nicht, eine Streamingshow zu sein, sondern bleibt bewusst ein breites Sommer-Unterhaltungsprogramm — nur eben in einer zeitgemäßeren Verpackung.

Gleichzeitig gibt es auch Zuschauerinnen und Zuschauer, die den eher traditionellen «Fernsehgarten» vermissen. Wie gelingt der Balanceakt zwischen Kultstatus und Modernisierung?
Behutsam, angemessen und wohl überlegt beschreibt die Vorgehensweise wohl am treffendsten. Die äußere Form verändert sich dabei deutlich schneller als der innere Kern der Show. Bühne, Musikrichtungen, Bildsprache, Inhalte, Tempo wurden modernisiert. Die Grundintention der Show, ein Wohlfühlprogramm zu bieten, wurde jedoch stets weiterverfolgt und nie verwässert oder gar aufgegeben. Nur so konnte der «Fernsehgarten» mit den Jahrzehnten zu einem TV-Klassiker werden. Bei vielen genießt er mittlerweile sogar Kultstatus.

Der «Fernsehgarten» lebt stark von Spontanität und Live-Momenten. Wie herausfordernd ist es heute noch, eine solche Open-Air-Show Woche für Woche live zu produzieren?
Die größte Herausforderung bleibt das Prinzip „live unter freiem Himmel“. Anders als im Studio lässt sich draußen nicht alles vollständig vorhersehen und kontrollieren: Wetter, Wind, Regen, Temperatur, Lichtverhältnisse oder Geräuschkulissen verändern sich ständig. Jede Sendung braucht deshalb detaillierte Ausweich- und Sicherheitspläne. Schon ein plötzlicher Regenschauer kann Kameratechnik und Bühnenabläufe beeinflussen. Zuweilen müssen bestimmte Programmpunkt wie artistische Darbietungen oder Rekordversuche aufgrund von widrigen Wetterverhältnissen im Ablauf zeitlich anders eingeplant oder an einen anderen Ort auf dem Gelände verschoben werden. Im schlimmsten Fall, wenn die Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden kann, müssen sie sogar komplett entfallen.

Hinzu kommt die enorme logistische Verdichtung. Viele Umbauten passieren in Sekunden. Während vorne moderiert wird, arbeiten hinter den Kulissen parallel Bühnencrew, Regie, Ton, Licht, Aufnahmeleitung und Sicherheitsteams an den nächsten Programmsegmenten.

Wetterkapriolen, technische Pannen oder virale Momente gehören inzwischen fast schon zur Geschichte der Sendung. Haben solche unperfekten Augenblicke den Kultstatus sogar mit aufgebaut?
Das halte ich durchaus für möglich. Viele besondere und erinnerungswürdige Momente sind im «Fernsehgarten» gerade wegen ihres Charmes des Unperfekten entstanden. Solche Pannen, unvorhersehbare Situationen oder improvisierte Reaktionen machen die Sendung menschlich und immer wieder interessant.

Andrea Kiewels Zusammenarbeit mit Weight Watchers sorgte zuletzt für Diskussionen. Glauben Sie, dass solche Debatten dem Verhältnis zwischen Moderatorin und Publikum langfristig schaden können – oder unterschätzt man die Loyalität der «Fernsehgarten»-Zuschauer?
Dieses Ereignis liegt fast 20 Jahre zurück und weder der Popularität Andrea Kiewels noch der Beliebtheit des «Fernsehgartens» dauerhaften Abbruch getan.

Viele junge Künstlerinnen und Künstler treten heute selbstverständlich im «Fernsehgarten» auf. Hat sich die Wahrnehmung der Show innerhalb der Musik- und Unterhaltungsbranche verändert?
Lange Zeit galt der «Fernsehgarten» innerhalb der Fernseh- und Musikbranche als Format für den traditionellen Schlager. Heute ist die Sendung musikalisch deutlich breiter aufgestellt und präsentiert ein vielfältiges und abwechslungsreiches Spektrum von Schlager, Pop und Rock für alle Geschmäcker und alle Zielgruppen. Dass sich der einstige Versuchsballon „Rock im Garten“, eine Folge, in welcher ausschließlich Hard Rock- und Heavy Metal-Bands bei uns auftreten, in kürzester Zeit beim Publikum etablieren konnte, ist der wohl deutlichste Beweis.

Viele Künstler zeigen sich uns gegenüber immer wieder von der besonderen Atmosphäre im «Fernsehgarten» angetan. Das begeisterungsfähige Publikum trägt die Stars wie auf Händen und macht einen Auftritt zum besonderen Erlebnis. Bemerkenswert ist dabei, dass sich die Zuschauer und Zuschauerinnen gleichermaßen von etablierten Acts wie von Newcomern begeistern lassen, die sich hier nicht selten zum ersten Mal einem großen Publikum vorstellen können. Insofern wird der «Fernsehgarten» auch innerhalb der Plattenbranche als Präsentationsfläche für neue Künstler und neue Songs geschätzt.

In Zeiten von Streaming und Mediatheken wirkt eine lineare Liveshow fast wie ein Gegenmodell zum heutigen Medienkonsum. Ist genau das vielleicht die besondere Stärke des «Fernsehgartens»?
Wenn der Begriff „Gegenmodell“ hier Anwendung finden soll, dann in dem Sinne, dass der «Fernsehgarten» vor allem dann seine volle Faszination entfaltet, wenn er als ein gemeinschaftliches und gleichzeitiges Erleben eines Showprogramms verstanden wird. Üblicherweise wird heute gern flexibel, zeitversetzt und fragmentiert in Form von kurzen Clips konsumiert. Der «Fernsehgarten» bietet ein Event, das „in Echtzeit“ das gemeinsame Dabeisein und Mitmachen zelebriert.

«Immer wieder sonntags» endet nach dieser Saison. Werden Musikfans bei Ihnen ein Zuhause bekommen? Wie sehen Sie den Wegfall dieser Show?
Wir pflegen einen kollegialen Kontakt zum Team von «Immer wieder sonntags» und wünschen ihnen eine erfolgreiche letzte Staffel. Unser Hauptaugenmerk liegt auf unserer eigenen Sendung und wir freuen uns auf eine Jubiläumssaison voller Musik und Lebensfreude auf dem Lerchenberg.

Vielen Dank für Ihre Zeit!
19.06.2026 12:09 Uhr Kurz-URL: qmde.de/172530
Fabian Riedner

super
schade


Artikel teilen


Tags

ZDF-Fernsehgarten Fernsehgartens Fernsehgarten Immer wieder sonntags

◄   zurück zur Startseite   ◄
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel

Qtalk-Forum » zur Desktop-Version

Impressum  |  Datenschutz und Nutzungshinweis  |  Cookie-Einstellungen  |  Newsletter