Während Deutschland 2006 im Fußball-„Sommermärchen“ versank und die Fernsehsender auf Sonne, gute Laune und Event-Unterhaltung setzten, versuchte ProSieben drei Jahre später mit «Sommermädchen» seine ganz eigene Sommer-Euphorie zu erzeugen – pünktlich vor der nächsten großen Fußball-WM wirkt das Format heute wie ein kurioses Relikt einer völlig anderen TV-Zeit.
Heute wirkt das Konzept fast wie ein Fiebertraum des späten Privatfernsehens der 2000er Jahre: junge Frauen in Bikinis, Wettkämpfe auf Wasserrutschen, schräge Partyspiele und dazu eine Mischung aus Castingshow, Reality-TV und Strandurlaub. Doch genau daraus machte ProSieben im Sommer 2009 tatsächlich eine große Samstagabendshow.
«Sommermädchen» hieß das Format und schon damals war vielen Beobachtern klar, dass hier weniger ein langfristiger Fernsehhit entstand als vielmehr ein besonders kurioses Zeitdokument.
Dabei klang die Idee zunächst fast logisch. Ende der 2000er Jahre boomten Castingshows weiterhin, gleichzeitig funktionierten leichte Sommer-Formate im deutschen Fernsehen oft erstaunlich gut. ProSieben wollte offenbar eine Mischung aus «Germany’s Next Topmodel», Gameshow und Urlaubsfantasie etablieren. 16 Kandidatinnen aus 16 Bundesländern reisten nach Spanien, wo sie in einem Feriencamp gegeneinander antreten mussten. Allerdings ging es weniger um klassische Talente als um Aufgaben wie Luftmatratzen-Aufblasen, Turmspringen oder Wasserrutschen.
Moderiert wurde die erste Staffel von Steven Gätjen und Charlotte Engelhardt. Gerade Engelhardt war damals beinahe überall im Privatfernsehen präsent. Das Duo führte durch sechs zweistündige Samstagabendfolgen, die ab Juli 2009 um 20.15 Uhr ausgestrahlt wurden. Schon die Platzierung zeigte allerdings ein Problem: Für einen großen Samstagabend-Hit wirkten Konzept und Produktionsgröße letztlich zu klein.
Die Quoten bestätigten diesen Eindruck schnell. Zwar startete «Sommermädchen 2009» mit immerhin 0,93 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern sowie 8,7 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe ordentlich, doch wirklich überzeugen konnte die Sendung zunächst nicht. Erst gegen Ende der Staffel stabilisierten sich die Werte etwas. Die fünfte Folge erreichte mit 12,8 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen sogar knapp den ProSieben-Senderschnitt. Insgesamt blieb das Format aber hinter den Erwartungen zurück.
Bemerkenswert ist heute vor allem, wie gnadenlos die Show bereits damals kritisiert wurde. Zahlreiche Medien warfen ProSieben Sexismus und Demütigungsfernsehen vor. Besonders der sogenannte „Body Check“ sorgte für Diskussionen. Zwei Juroren bewerteten die Kandidatinnen nach wechselnden Kriterien und entschieden teilweise äußerst subjektiv über deren Attraktivität oder Auftreten. Teilweise wurden Kandidatinnen symbolisch in einen Pool geschubst, wenn sie nicht überzeugten.
Vor allem der damalige Umgangston wirkt aus heutiger Sicht erstaunlich hart. „Spiegel Online“ schrieb damals, «Sommermädchen» unterbiete sogar Til Schweigers «Mission Hollywood». Andere Kritiker warfen dem Sender vor, Frauen vor allem auf Äußerlichkeiten zu reduzieren. Tatsächlich entstand oft der Eindruck, dass weniger sportlicher Ehrgeiz als vielmehr Bikini-Aufnahmen und möglichst peinliche Situationen im Mittelpunkt standen.
Gleichzeitig war «Sommermädchen» aber auch typisch für eine Fernsehära, in der Reality-TV immer stärker eskalierte. Die Grenze zwischen harmloser Unterhaltung und kalkulierter Bloßstellung verschwamm zunehmend. Formate wie «Das Model und der Freak», «Beauty and the Nerd» oder diverse Castingshows arbeiteten damals häufig mit ähnlichen Mechanismen. «Sommermädchen» bündelte viele dieser Elemente praktisch in Reinform.
Interessant ist, dass ProSieben die Idee trotz der mäßigen Resonanz nicht sofort aufgab. 2011 kehrte das Format überraschend zurück. Diesmal setzte der Sender auf Jana Ina Zarrella und Giovanni Zarrella als Moderatorenpaar. Außerdem wurde das Konzept leicht verändert. Statt 16 Kandidatinnen traten nun nur noch zehn Frauen gegeneinander an. Verantwortliche Produzenten erklärten damals offen, man habe „aus dem Sommermädchen 2009 sehr viel gelernt“. Tatsächlich wollte man die albernen Strandspiele reduzieren und stattdessen stärker auf „Challenges“ setzen. Auch das Budget wurde erhöht. Inhaltlich blieb die Grundidee allerdings dieselbe: attraktive junge Frauen in sommerlicher Kulisse bei Wettkämpfen beobachten.
Der Neustart entwickelte sich jedoch zum völligen Desaster. Schon die ersten beiden Donnerstagabend-Ausgaben erreichten nur 8,2 beziehungsweise 7,7 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe. Damit lag die Show klar unter dem Senderschnitt. ProSieben reagierte ungewöhnlich schnell und zog «Sommermädchen 2011» nach nur zwei Primetime-Folgen aus dem Abendprogramm ab. Die restlichen Episoden liefen anschließend nur noch am Freitagnachmittag. Spätestens dort war klar, dass das Format endgültig gescheitert war. Die verbliebenen Folgen kamen teilweise nur noch auf rund 300.000 Zuschauerinnen und Zuschauer. In der Zielgruppe sackten die Marktanteile teils auf unter sechs Prozent ab. Für eine aufwendig produzierte Reality-Show war das vernichtend.
Rückblickend wirkt «Sommermädchen» heute wie ein Übergangsformat zwischen den klassischen Castingshows der 2000er Jahre und dem späteren Reality-TV-Boom. Viele Mechanismen, die heute bei Formaten wie «Love Island», «Are You The One?» oder «Too Hot To Handle» selbstverständlich sind, waren damals bereits erkennbar – nur deutlich unbeholfener umgesetzt. Hinzu kommt, dass sich gesellschaftliche Erwartungen an solche Formate inzwischen massiv verändert haben.
Viele Szenen aus «Sommermädchen» würden heute vermutlich sofort heftige Diskussionen in sozialen Netzwerken auslösen. Gerade die starke Objektivierung der Kandidatinnen und der teils spöttische Umgangston wären im heutigen Fernsehen deutlich schwieriger vermittelbar. Und dennoch bleibt die Sendung ein faszinierendes Relikt ihrer Zeit. Denn kaum ein anderes Format zeigt so deutlich, wie sehr das Privatfernsehen damals versuchte, aus möglichst einfachen Ideen große Eventshows zu bauen. Dass daraus am Ende eher unfreiwillige Fernsehkultur entstand, macht «Sommermädchen» heute fast schon wieder sehenswert.
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