Während «The Traitors» international als Reality-Phänomen gilt, zeigt Australien ein anderes Bild: Bei Network 10 blieb das Format quotenschwach, wurde abgesetzt.
In vielen Ländern gilt
«The Traitors» als eines der spannendsten Reality-Formate der vergangenen Jahre. Die Regeln sind einfach, die Mechanik ist stark und das Spiel mit Lüge, Misstrauen und öffentlicher Enttarnung funktioniert im besten Fall wie ein Krimi, bei dem das Publikum mehr weiß als viele der Kandidaten. In Großbritannien, den USA oder den Niederlanden wurde daraus ein erstaunlich erfolgreiches Format, das klassische Reality-TV-Muster mit Gesellschaftsspiel, Psychologie und Schlosskulisse verbindet. Doch der internationale Erfolg bedeutet nicht automatisch, dass die Sendung überall ein Straßenfeger wird. Das zeigte sich bereits in Deutschland bei RTL – und noch deutlicher in Australien.
Dort startete «The Traitors Australia» am 16. Oktober 2022 bei Network 10. Die erste Staffel wurde von Rodger Corser moderiert, bestand aus zwölf Episoden und spielte im Robertson Hotel in New South Wales. 24 Kandidaten traten an, am Ende gewann Alex Duggan als Verräterin die komplette Gewinnsumme von 250.000 australischen Dollar. Auf dem Papier war das ein starkes Formatpaket: ein bekanntes internationales Konzept, eine hochwertige Kulisse, ein klarer Spielmechanismus und ausreichend Stoff für Diskussionen. Doch die linearen Quoten blieben überschaubar.
Schon der Auftakt kam nur auf 257.000 Zuschauer in der Overnight-Auswertung. Mit zeitversetzter Nutzung wurden daraus 466.000 Zuschauer. Die zweite Folge lag bei 253.000 beziehungsweise 469.000 Zuschauern, die dritte bei 265.000 und insgesamt 472.000. Das waren keine katastrophalen Werte, aber für ein großes Primetime-Realityformat eben auch kein Durchbruch. Besonders auffällig: Selbst die stärkste Folge der ersten Staffel kam linear nur auf 309.000 Zuschauer. Insgesamt wurden später 515.000 Zuschauer ausgewiesen. Das Finale erreichte im Endgame 265.000 Zuschauer live und insgesamt 421.000. Für ein Format, das international als großer Hoffnungsträger gehandelt wurde, war das eher Kult als Massenereignis.
Network 10 hielt dennoch an der Marke fest. 2023 folgte eine zweite Staffel mit nur noch neun Episoden. Diesmal wurden Prominente und Normalos gemischt, also genau jener Schritt, den viele Sender bei schwächelnden Reality-Formaten versuchen: mehr bekannte Gesichter, mehr Boulevard, mehr Wiedererkennung. Doch auch dieser Ansatz brachte keinen Durchbruch. Die zweite Staffel startete mit 216.000 Zuschauern in der Overnight-Auswertung und 448.000 insgesamt. Folge zwei kam auf 250.000 live und 459.000 insgesamt, Folge drei auf 268.000 und 476.000. Danach wurden die Werte nicht stabiler, sondern eher unübersichtlicher. Folge sieben erreichte nur noch 211.000 Zuschauer, Folge acht 275.000. Das Endgame kam schließlich auf 322.000 Zuschauer.
Damit wurde das Kernproblem sichtbar: «The Traitors» war in Australien offenbar eine Sendung, über die manche gerne sprachen, die aber nicht genügend Menschen tatsächlich einschalteten. 2024 wurde das Format aufgrund niedriger Zuschauerzahlen abgesetzt, obwohl Network 10 später eine Rückkehr nicht völlig ausschloss. Genau diese Formulierung ist typisch für Sender, die eine Marke nicht ganz aufgeben wollen, aber mit der linearen Performance unzufrieden sind.
Der Fall erinnert an Deutschland. Auch RTL setzte große Hoffnungen in «Die Verräter – Vertraue Niemandem!». Sonja Zietlow moderierte, das Konzept war verständlich, die Promibesetzung passte zur RTL-Welt. Trotzdem wurde daraus kein linearer Straßenfeger. Das Format funktionierte eher als Streaming- und Gesprächsangebot denn als großes RTL-Event am Abend. Genau darin liegt die Schwierigkeit: «The Traitors» ist ein sehr gutes Format für Fans, aber nicht automatisch ein Format für alle.
Der Grund liegt in der Erzählweise. Klassisches Reality-TV lebt oft von klaren Konflikten, lauten Figuren und sofort verständlichen Emotionen. «The Traitors» funktioniert dagegen über Beobachtung, Verdacht und Strategie. Wer einschaltet, muss aufpassen. Man muss Rollen kennen, Allianzen verstehen und Abstimmungen verfolgen. Das ist reizvoll, aber es verlangt mehr Aufmerksamkeit als viele andere Shows. In einer fragmentierten Medienwelt ist das ein Vorteil für treue Fans, aber ein Nachteil für den schnellen Massenkonsum.
Australien zeigt das besonders deutlich. Die Sendung hatte eine treue Anhängerschaft und wurde international durchaus wahrgenommen. Trotzdem reichten die Zahlen für Network 10 nicht. Das ist ein wichtiger Unterschied: Ein Format kann in sozialen Medien beliebt sein, bei Kritikern gut wegkommen und dennoch im linearen Fernsehen zu klein bleiben. Gerade bei «The Traitors» ist diese Lücke besonders groß. Die Sendung eignet sich hervorragend für Diskussionen nach der Ausstrahlung, für Podcasts, Fanforen und Clips. Aber diese Aufmerksamkeit übersetzt sich nicht automatisch in hohe Primetime-Reichweiten.
Bemerkenswert ist dennoch, dass Network 10 die Marke nicht endgültig begraben hat. Im September 2025 wurde ein dritter Anlauf für 2026 angekündigt. Rodger Corser kehrt nicht zurück, stattdessen übernimmt Gretel Killeen die Moderation. Außerdem zieht die Produktion nach Neuseeland um und wird stärker mit der dortigen Version verzahnt. Geplant ist ein Cast aus Reality-TV-Persönlichkeiten. Damit nähert sich Australien stärker dem amerikanischen Modell an, das mit bekannten Reality-Gesichtern deutlich mehr Aufmerksamkeit erzeugte.
Ob das reicht, ist offen. Die bisherigen Zahlen sprechen eher dafür, dass Australien kein natürlicher «Traitors»-Markt war. Die erste Staffel hatte mit Normalos keinen Durchbruch, die zweite mit Promi-Anteil ebenfalls nicht. Nun soll ein kompletter Reality-Cast die Wende bringen. Das kann funktionieren, wenn die Kandidaten stark genug sind und Network 10 die Sendung als Event inszeniert. Es kann aber auch zeigen, dass das Problem tiefer liegt: Vielleicht ist «The Traitors» in Australien schlicht ein Format, das mehr Kultpotenzial als Massenkraft besitzt.
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