«Germany’s Next Topmodel»: Warum am Ende doch nur Models gesucht werden

Mit Diversität, älteren Kandidaten und Männern wollte «Germany’s Next Topmodel» moderner werden – doch die Quoten zeigen seit Jahren, dass das Publikum vor allem eines sehen will: klassische Models und spektakuläre Transformationen.

Die Castingshow «Germany’s Next Topmodel» hat in den vergangenen Jahren vieles ausprobiert. Während andere Formate krampfhaft an alten Mechanismen festhielten, öffnete sich die ProSieben-Sendung schrittweise für gesellschaftliche Debatten. Es wurden ältere Kandidatinnen gecastet, Frauen mit Kurven bekamen eine Bühne, später kamen Männer dazu. In den vergangenen Staffeln sprach Heidi Klum häufig über Diversität, Body Positivity und die Idee, dass Schönheit heute vielfältiger sei als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren.

Doch ein Blick auf die Quoten und die Entwicklung des Formats zeigt: Die Zuschauer interessieren sich bei «Germany’s Next Topmodel» weiterhin vor allem für eines – für Models. Nicht für gesellschaftspolitische Botschaften, nicht für Reality-TV-Persönlichkeiten und auch nicht für einen Wettbewerb, der möglichst viele Lebensrealitäten abbilden soll. Das Publikum will Transformationen sehen, Laufsteg-Momente, Foto-Shootings und Kandidatinnen oder Kandidaten, die den klassischen Modelgedanken verkörpern.

Gerade deshalb ist bemerkenswert, dass die Sendung trotz aller Experimente weiterhin zu den stärksten Marken von ProSieben gehört. Während vergleichbare Anpassungen im Ausland oft scheiterten, gelang es dem deutschen Ableger erstaunlich lange, sein Publikum mitzunehmen. Dennoch lässt sich inzwischen erkennen, dass bestimmte Entwicklungen die Marke verwässern.

Schon während der Corona-Pandemie begann «Germany’s Next Topmodel» seine Ausrichtung deutlich zu verändern. Die Sendung öffnete sich stärker für Body Positivity und präsentierte bewusst Kandidatinnen, die nicht dem klassischen Laufstegideal entsprachen. Dazu kamen ältere Frauen, Teilnehmerinnen mit unterschiedlichsten Hintergründen und später schließlich auch Männer.

In der öffentlichen Wahrnehmung galt diese Entwicklung zunächst als modern. Schließlich stand die Modebranche jahrelang in der Kritik, ein unrealistisches Schönheitsbild zu vermitteln. Viele Medien lobten ProSieben damals dafür, gesellschaftliche Veränderungen aufzugreifen. Die Sendung wirkte plötzlich weniger elitär und wollte demonstrieren, dass Schönheit nicht nur aus Konfektionsgröße 34 besteht. Doch genau an diesem Punkt entstand ein Problem: «Germany’s Next Topmodel» verlor zeitweise seine klare Identität.

Denn der Titel der Show lautet nicht „Germany’s Next Influencer“, nicht „Germany’s Next TV-Persönlichkeit“ und auch nicht „Deutschlands sympathischster Mensch“. Die Sendung verspricht seit ihrer ersten Staffel die Suche nach einem Topmodel. Das Publikum verbindet damit eine ganz bestimmte Fantasie: internationale Laufstege, Hochglanzkampagnen, Disziplin, Wandelbarkeit und Glamour. Viele Zuschauer akzeptierten zwar neue Kandidatentypen, aber nur solange diese weiterhin glaubwürdig innerhalb dieser Modewelt funktionierten. Genau hier lag die Schwierigkeit vieler späterer Staffeln. Die Sendung begann zunehmend, Geschichten über persönliche Schicksale, Selbstfindung oder gesellschaftliche Repräsentation zu erzählen, während die eigentliche Modelsuche oft in den Hintergrund rückte.

Das machte sich auch in den Einschaltquoten bemerkbar. Zwar blieb «Germany’s Next Topmodel» für ProSieben lange ein überdurchschnittlich starkes Format, doch die ganz großen Höhen früherer Jahre wurden seltener erreicht. Während die 16. Staffel im Jahr 2021 im Durchschnitt noch 2,59 Millionen Zuschauer sowie 1,71 Millionen Umworbene erreichte und starke 20,3 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe holte, ging die Reichweite in den folgenden Jahren Schritt für Schritt zurück. Staffel 15 aus dem Corona-Jahr 2020 lag im Schnitt noch bei 2,45 Millionen Zuschauern und 18,3 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen. Ein Jahr später erreichte die Sendung mit Staffel 16 ihren späten Höhepunkt: Im Finale am 27. Mai 2021 schalteten 3,06 Millionen Zuschauer ein, in der Zielgruppe wurden überragende 25,4 Prozent Marktanteil erzielt. Auch Staffel 17 blieb zunächst stark und erreichte im Schnitt noch 2,26 Millionen Zuschauer. Besonders bemerkenswert: Die Folge vom 10. März 2022 kam auf 2,87 Millionen Zuschauer sowie 27,2 Prozent Marktanteil bei den jungen Erwachsenen.

Danach setzte jedoch ein klarer Abwärtstrend ein. Staffel 17 kam 2022 noch auf 2,26 Millionen Gesamtzuschauer und 20,9 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen. 2023 sackte die Reichweite bereits auf durchschnittlich 1,86 Millionen Zuschauer ab, während der Zielgruppenmarktanteil mit 19,3 Prozent zwar weiterhin stark blieb, aber nicht mehr an frühere Spitzenwerte herankam. 2024 stagnierte die Sendung bei 1,86 Millionen Zuschauern und 19,8 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe. Die jüngeren Staffeln lagen schließlich nur noch bei rund 1,5 Millionen Zuschauern und etwa 17 Prozent Marktanteil bei den Werberelevanten. Für ProSieben sind das weiterhin gute Werte, allerdings nicht mehr die dominierende Event-Fernsehmarke früherer Jahre. Die älteren Staffeln lebten stark von einer klaren Inszenierung: Konkurrenzdruck, harte Shootings, internationale Reisen und Kandidatinnen, die tatsächlich wie zukünftige Models wirkten. In den vergangenen Jahren rückten dagegen häufiger Reality-Elemente und emotionale Hintergrundgeschichten in den Mittelpunkt.

Interessant ist dabei vor allem der internationale Vergleich: In den USA wurde die Marke «America’s Next Top Model» ursprünglich zu einem riesigen Erfolg. Tyra Banks prägte das Format über viele Jahre und schuf eine Castingshow, die weltweit adaptiert wurde. Doch gerade in den späteren Jahren begann die Sendung immer stärker mit neuen Konzepten zu experimentieren. Es kamen Männer dazu, später entstanden Staffeln mit gemischten Geschlechtern. Gleichzeitig verschob sich der Fokus zunehmend vom klassischen Modelbusiness hin zu Reality-TV-Mechanismen.

Das Publikum reagierte darauf zunehmend desinteressiert. Die Quoten sanken kontinuierlich, der ursprüngliche Sender The CW stellte das Format schließlich ein. Danach versuchte VH1 sogar zweimal, die Marke neu zu beleben. Doch beide Anläufe scheiterten vergleichsweise schnell. Die Sendung wirkte nicht mehr wie ein Wettbewerb um Modekarrieren, sondern eher wie ein gewöhnliches Reality-Format unter vielen.

Gerade dieser Vergleich ist für Deutschland spannend. Denn ProSieben gelang es zunächst deutlich besser als den amerikanischen Produzenten, die Marke modern erscheinen zu lassen, ohne sie vollständig zu zerstören. Heidi Klum besitzt dabei einen enormen Vorteil: Sie ist selbst bis heute eng mit dem Modebusiness verbunden und fungiert gleichzeitig als mediale Leitfigur der Sendung. Dadurch konnte «Germany’s Next Topmodel» auch dann noch glaubwürdig wirken, als andere Versionen international bereits an Bedeutung verloren hatten. Trotzdem zeigen die vergangenen Jahre, dass sich das Publikum nicht beliebig von der ursprünglichen Idee entfernen lässt.

Wenn Zuschauer einschalten, wollen sie Menschen sehen, die zumindest potenziell in die internationale Modewelt passen könnten. Genau deshalb funktionieren klassische Umstylings, Catwalk-Trainings und Foto-Shootings weiterhin besser als viele der emotionalen Nebenhandlungen. Das zeigt sich besonders deutlich in den Folgen, in denen der Wettbewerb wieder stärker im Mittelpunkt steht. Seit vielen Jahren gibt es innerhalb fast jeder Staffel eine Episode, die zuverlässig deutlich höhere Quoten erzielt als das Umfeld: die große Umstyling-Folge. Sobald Heidi Klum den Kandidatinnen die Haare abschneiden lässt, reagieren die Zuschauer bis heute außergewöhnlich stark. Genau diese Episoden stehen exemplarisch dafür, was das Publikum eigentlich sehen möchte. Es geht um Transformation, Veränderung und den klassischen Modelgedanken.

Die Zahlen zeigen dieses Muster sehr deutlich. In Staffel 17 erreichte die Umstyling-Folge im März 2022 starke 2,87 Millionen Zuschauer und 27,2 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe – ein Wert, den die restliche Staffel kaum noch erreichte. Auch 2023 funktionierte dieses Prinzip weiterhin: Die Folge vom 16. März kam auf 2,24 Millionen Zuschauer und 23,5 Prozent Marktanteil bei den jungen Erwachsenen. 2024 sahen 2,32 Millionen Menschen zu, dazu wurden 25,6 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe gemessen. Selbst die jüngeren Staffeln mit insgesamt schwächeren Reichweiten zeigen dieses Muster weiterhin. Im Februar 2025 erreichte eine der zentralen Umstyling- und Transformationsfolgen noch einmal fast 1,91 Millionen Zuschauer, während die Staffel im Durchschnitt deutlich darunter lag.

Bemerkenswert daran ist vor allem, dass diese Folgen fast immer extrem klassisch funktionieren. Die Zuschauer schalten nicht wegen gesellschaftlicher Debatten ein, sondern wegen der Inszenierung eines Model-Makeovers. Lange Haare fallen zu Boden, Kandidatinnen brechen in Tränen aus, andere feiern ihren neuen Look – und plötzlich entsteht genau die Mischung aus Glamour, Härte und Transformation, die «Germany’s Next Topmodel» ursprünglich groß gemacht hat. Sobald echte Castings, Jobs oder Laufsteg-Auftritte thematisiert werden, wirkt die Sendung fokussierter. Die Zuschauer bekommen dann genau das, was sie von «Topmodel» erwarten.

Umgekehrt verlieren viele Episoden an Spannung, wenn die Produktion zu stark versucht, gesellschaftliche Debatten abzubilden. Natürlich gehört Diversität heute zur Realität der Medienbranche. Doch Fernsehen funktioniert selten dann am besten, wenn es permanent versucht, moralische Botschaften zu transportieren. Das eigentliche Erfolgsgeheimnis von «Germany’s Next Topmodel» war nämlich nie gesellschaftliche Repräsentation. Die Sendung lebte von einer Hochglanzfantasie.

Schon die frühen Staffeln funktionierten wie eine Art modernes Märchen. Junge Frauen aus Deutschland bekamen plötzlich Zugang zu einer glamourösen Welt, die normalerweise unerreichbar schien. Fotos in Los Angeles, Laufstege in Paris oder Shootings mit internationalen Fotografen erzeugten eine Sehnsucht, die weit über gewöhnliches Reality-TV hinausging. Diese Fantasie funktioniert aber nur, wenn die Kandidatinnen tatsächlich wie potenzielle Models inszeniert werden.

Genau deshalb gerät die Sendung immer dann in Schwierigkeiten, wenn sie zu sehr versucht, alle möglichen gesellschaftlichen Gruppen gleichzeitig abzubilden. Denn das Publikum bewertet die Kandidaten am Ende nicht danach, wie sympathisch oder repräsentativ sie wirken, sondern danach, ob sie in diese glamouröse Modewelt passen. Das bedeutet nicht automatisch, dass nur extrem dünne junge Frauen erfolgreich sein dürfen. Auch die Modebranche selbst hat sich verändert. Unterschiedliche Körpertypen oder Altersgruppen spielen heute tatsächlich eine größere Rolle als noch vor zwanzig Jahren. Aber selbst diese Entwicklungen folgen innerhalb der Branche bestimmten ästhetischen Regeln.

Die Zuschauer merken deshalb schnell, ob jemand wirklich modellhaft wirkt oder eher als Symbolfigur gecastet wurde. Genau darin liegt die zentrale Erkenntnis der vergangenen Jahre: «Germany’s Next Topmodel» funktioniert am besten, wenn die Sendung nicht krampfhaft versucht, eine gesellschaftliche Mission zu erfüllen. Denn sobald der Wettbewerb zu offensichtlich als Bühne für Botschaften genutzt wird, verliert das Format seine Glaubwürdigkeit. Die Zuschauer wollen keine pädagogische Fernsehsendung sehen. Sie wollen Mode, Konkurrenz und Transformation.

Dazu passt auch, dass viele der erfolgreichsten Momente der jüngeren Staffeln erstaunlich klassisch funktionieren. Große Catwalks, spektakuläre Shootings oder harte Entscheidungen erzeugen weiterhin Aufmerksamkeit. Dagegen bleiben zahlreiche Debatten über Selbstliebe oder Diversität oft eher Randnotizen, die medial diskutiert werden, aber nicht zwingend zusätzliche Zuschauer bringen.

Die Einführung männlicher Kandidaten zeigt dieses Problem besonders deutlich. Auf dem Papier wirkte die Entscheidung modern und zeitgemäß. Schließlich haben viele internationale Modehäuser längst männliche und weibliche Models gemeinsam in Kampagnen. Doch innerhalb der Sendung führte die Erweiterung zu einer Verwässerung des ursprünglichen Konzepts. Denn plötzlich musste die Produktion zwei unterschiedliche Wettbewerbe parallel erzählen. Statt einer klaren Dramaturgie entstand häufig ein unausgewogener Mix aus verschiedenen Kandidatengruppen, die kaum direkt miteinander vergleichbar waren.

Hinzu kam, dass das Publikum über Jahre eine sehr klare Erwartungshaltung entwickelt hatte. «Germany’s Next Topmodel» war immer eine Show über junge Frauen auf dem Weg in die Modewelt. Die Erweiterung auf Männer veränderte diese Identität fundamental. Natürlich sorgte die Neuerung kurzfristig für Aufmerksamkeit. Langfristig stellte sich aber die Frage, ob die Marke dadurch tatsächlich stärker wurde.

Die Quotenentwicklung deutet eher darauf hin, dass das Format inzwischen stärker von seiner Bekanntheit lebt als von echter Begeisterung. Gerade in den vergangenen Jahren zeigte sich, dass einzelne Episoden zwar weiterhin deutlich über Senderschnitt performen können, aber die frühere Selbstverständlichkeit eines großen Fernsehereignisses verloren gegangen ist. Früher lagen zahlreiche Folgen regelmäßig oberhalb der Drei-Millionen-Marke, während heute bereits Werte von knapp zwei Millionen Zuschauern als Erfolg gelten. Besonders auffällig ist dabei, dass die Marktanteile in der jungen Zielgruppe oft stabiler bleiben als die Gesamtreichweiten. Das zeigt, dass «Germany’s Next Topmodel» weiterhin ein relevantes Format für junge Zuschauer ist, gleichzeitig aber im breiteren Publikum an Strahlkraft eingebüßt hat. «Germany’s Next Topmodel» bleibt für ProSieben wichtig, doch die Sendung wirkt heute weniger wie ein gesellschaftliches Ereignis als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren.
29.05.2026 12:04 Uhr Kurz-URL: qmde.de/172072
Fabian Riedner

super
schade


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