Die Kritiker: «Mensch Mutti!»

Eine Primaballerina aus Paris zieht zurück in die Provinz, um das Fitnessstudio von Mutter und Schwester zu retten. Über einen Film, der zu viel wohlfühlen will...

Stab

Darsteller: Steffi Kühnert, Frida-Lovisa Hamann, Lucie Heinze, Marc Benjamin, Max Woelky, Anna Sophie Schindler
Kamera: Alexander Palm
Drehbuch: Constanze Behrends und Lena Gouverneur
Regie: Christine Rogoll
Manche Filme wollen mit großer Behutsamkeit vom „einfachen Leben“ erzählen und dabei doch vor allem ein sehr genau kalkuliertes Bild davon entwerfen, wie Provinz, Familie und Bodenständigkeit im deutschen Fernsehfilm auszusehen haben. «Mensch Mutti!» gehört von Anfang an genau in diese Kategorie.

Im Zentrum steht Serafina Hopp, gespielt von Frida-Lovisa Hamann, eine gefeierte Primaballerina, die aus Paris in ihre sachsen-anhaltische Heimat zurückkehrt, nachdem ihr Vater gestorben ist. Was als kurzer Besuch geplant war, entwickelt sich rasch zur klassischen Konfrontation zwischen Großstadtindividualismus und familiärer Verpflichtung. Die Mutter Christa, verkörpert von Steffi Kühnert, kämpft mit ihrer Tochter Daniela (Lucie Heinze) um das Überleben ihres Fitnessstudios, während Serafina plötzlich erkennen soll, dass das wahre Leben womöglich nicht in Paris, sondern in Gerlau stattfindet.

Das Problem von «Mensch Mutti!» beginnt indes schon bei dieser Konstruktion. Der Film vertraut seinem Grundkonflikt so sehr, dass er ihn kaum jemals hinterfragt. Paris steht hier erwartbar für Oberflächlichkeit, Leistungsdruck und emotionale Kälte, die Provinz dagegen für Echtheit, Zusammenhalt und menschliche Wärme. Das ist nicht grundsätzlich falsch, aber erschreckend schematisch erzählt. Die Geschichte entwickelt sich dadurch mit einer Vorhersehbarkeit, die beinahe jede emotionale Überraschung im Keim erstickt. Schon früh ist klar, dass Serafina nicht einfach wieder abreisen wird, dass alte Konflikte aufgearbeitet werden müssen und dass der attraktive Steinmetz Mike (Marc Benjamin) natürlich mehr ist als nur eine zufällige Begegnung.

Dabei hätte der Film durchaus Zutaten für etwas Komplexeres gehabt. Besonders interessant ist zunächst die Figur der Mutter Christa. Kühnert spielt sie mit jener spröden Genauigkeit, die sie seit Jahren zu einer der verlässlichsten Schauspielerinnen des deutschen Fernsehens macht. Ihre ehemalige DDR-Kaderturnerin trägt ihre Härte wie eine Rüstung, unter der sich Enttäuschungen, Stolz und Überforderung verbergen. Immer dann, wenn «Mensch Mutti!» ihr wirklich zuhört, entsteht ein glaubwürdiger Film über Frauen, die ihr Leben lang funktioniert haben und nun feststellen müssen, dass ihre Welt sich verändert hat.

Auch Lucie Heinze bringt als Schwester Daniela eine angenehm widerständige Energie hinein. Daniela ist keine bloße Provinzkarikatur, sondern eine Frau, die sich von der glamourösen Schwester längst herabgesetzt fühlt und ihre Verletzungen hinter Pragmatismus versteckt. Die Szenen zwischen den Schwestern gehören klar zu den stärkeren Momenten des Films, weil hier zumindest kurz echte Reibung entsteht.

Nur leider traut sich «Mensch Mutti!» nur selten, diese Konflikte wirklich auszuhalten. Fast jede Konfrontation wird relativ schnell wieder abgefedert, jede Schärfe mit Humor oder Sentimentalität entschärft. Das Drehbuch von Constanze Behrends und Lena Gouverneur besitzt zwar ein Gespür für kleine Alltagsmomente, aber zugleich eine große Angst vor Ambivalenz. Viele Figuren wirken weniger wie echte Menschen als wie Stellvertreter bestimmter Haltungen: die ehrliche Provinzfrau, die entfremdete Künstlerin, die strenge Mutter, der verlässliche Handwerker. Der Film beobachtet sie liebevoll, aber eben auch mit einer gewissen Vereinfachung.

Besonders sichtbar wird das in der Darstellung der Provinz selbst. Gerlau erscheint als eine Art emotionales Gegenmodell zur anonymen Großstadtwelt. Alles wirkt überschaubar, direkt und letztlich heilbar. Selbst wirtschaftliche Sorgen und familiäre Spannungen besitzen hier eine fast gemütliche Fernsehdramaturgie. Das mag für einen Wohlfühlfilm legitim sein, nimmt der Geschichte aber jede gesellschaftliche Schärfe. Gerade weil der Film mehrfach Themen wie Strukturwandel, Generationskonflikte oder weibliche Selbstverwirklichung streift, wäre etwas mehr Mut zur Realität interessant gewesen.

Hinzu kommt ein Tonfall, der gelegentlich unangenehm erklärend wirkt. Figuren sprechen oft genau das aus, was der Film vermitteln möchte, statt es entstehen zu lassen. Gerade die Dialoge über Heimat, Erfolg oder Lebensentscheidungen besitzen stellenweise eine didaktische Note, die dem Film die Leichtigkeit nimmt, die er eigentlich anstrebt.

Gerade deshalb ist die Enttäuschung so groß: «Mensch Mutti!» hätte ein kluger Film über Rückkehr, Herkunft und weibliche Lebensentwürfe werden können. Stattdessen entscheidet er sich meist für die bequemere Variante – für Versöhnung, für Wohlgefühl und für eine romantisierte Vorstellung davon, dass das eigentliche Glück womöglich doch immer schon in der Heimat auf einen gewartet hat. Das ist keineswegs unerquicklich, aber eben auch ein wenig zu harmonisch, um wirklich lange nachzuwirken.

Der Film «Mensch Mutti!» wird am Freitag, den 29. Mai um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.
27.05.2026 11:20 Uhr Kurz-URL: qmde.de/172063
Oliver Alexander

super
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Mensch Mutti!

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