Die Produzentin Gaby Jung spricht über die ARD-Degeto-Komödie «Mensch Mutti!», starke Frauenfiguren zwischen Fitnessstudio und Familienchaos sowie die Herausforderung, ostdeutsche Lebensrealitäten humorvoll und gleichzeitig glaubwürdig zu erzählen. Außerdem erklärt sie, warum Rückkehrer-Geschichten so viel gesellschaftliches Konfliktpotenzial besitzen – und weshalb manchmal gerade die kleinen Chancen die wichtigsten im Leben sind.
Frau Jung, «Mensch Mutti!» verbindet Familiengeschichte, Provinzkomödie und ostdeutsche Prägungen. Was hat Sie an diesem Stoff sofort überzeugt?
Bereits der erste Pitch hat mich absolut überzeugt. Die Frauenfiguren sind unglaublich warmherzig und lebensnah, und das Fitnessstudio bietet dafür ein wunderbar humorvolles Setting.
Im Zentrum stehen drei sehr unterschiedliche Frauenfiguren aus verschiedenen Generationen. Wie wichtig war Ihnen diese weibliche Perspektive bei der Entwicklung des Films?
Die weibliche Perspektive war mir enorm wichtig. Gemeinsam mit den beiden Autorinnen Constanze Behrends und Lena Gouverneur sowie der Regisseurin Tine Rogoll hatten wir unterschiedliche Sichtweisen, die wir glücklicherweise alle in dem Stoff unterbringen konnten.
Der Film erzählt von Leistungsdruck, Selbstverwirklichung und familiären Erwartungen. Warum funktionieren gerade solche Themen heute so gut?
Das Thema Selbstoptimierung begegnet uns heute ständig, wird aber im Fitnessstudio auf die Spitze getrieben. Aber was passiert eigentlich, wenn alles erreicht ist? Wenn die Träume erfüllt sind? Serafina tanzt an der Pariser Oper. Ihr Lebenstraum ist in Erfüllung gegangen. Und dann? Diese Frage fand ich spannend, denn die Antwort ist entweder: auf zu neuen, größeren Zielen, oder wir besinnen uns darauf, was wir für uns selber wollen, ohne das der Rest der Welt es zur Kenntnis nimmt. Der Steinmetz Mike bringt es im Film auf den Punkt: Er hat sehr wohl Ambitionen, nämlich glücklich zu sein.
Mit Christa steht eine ehemalige DDR-Kaderturnerin im Mittelpunkt. Wie wichtig war es Ihnen, ostdeutsche Biografien differenziert und ohne Klischees zu erzählen?
Das war mir in der Tat sehr wichtig. Natürlich gibt es Unterschiede in den Biographien zwischen ost- und westdeutschen Frauen. Und die zeigen wir. Christa wollte mit dem Team der DDR zu Olympia. Da musste sie sich den Regeln des Staates unterordnen. Sie wohnt auf dem Land und ihr Lebensumfeld ist geprägt von dem Umbruch, der hier stattgefunden hat. Wir zeigen auch ein bisschen Ostalgie. Aber dann gleich auch wieder die Gegenwart. Die Rettungsaktion für das marode Fitnessstudio würde in westdeutschen Regionen ähnlich stattfinden. Und auf der emotionalen Seite ist es nicht so viel anders als bei allen anderen Frauen ihrer Alterskohorte. Sie ist eine Mutter mit zwei erwachsenen Töchtern und einer Enkeltochter, die ihre Firma retten muss.
«Mensch Mutti!» bewegt sich ständig zwischen Humor und emotionalen Konflikten. Wie schwierig ist es, diese Balance als Produzentin richtig zu steuern?
Unter jeder guten Komödie liegt ein Drama. Das ist ein allbekannter dramaturgischer Leitsatz. Den haben wir uns zu Herzen genommen. Christa bricht die Lebensgrundlage weg. Ihre Töchter müssen sich kümmern. Das hätte auch ein Drama werden können. Es war uns aber wichtig, mit den Figuren zu lachen und zu leiden.
Mit Steffi Kühnert, Lucie Heinze und Frida-Lovisa Hamann haben Sie ein sehr prägnantes Ensemble zusammengestellt. Worauf haben Sie beim Casting besonders geachtet?
In erster Linie müssen die Schauspieler*innen und die Figuren zusammenpassen. Unsere drei Hauptdarstellerinnen haben sich sofort miteinander wohlgefühlt und absolut glaubhaft eine Familie verkörpert. Das ist sehr viel wichtiger als beispielsweise physiognomische Ähnlichkeit. Es sind drei sehr unterschiedliche, starke Frauen, die dem Publikum viel Identifikationspotenzial bieten.
Die Geschichte spielt bewusst nicht in der Großstadt, sondern in der Provinz. Welche Rolle spielt dieser Schauplatz für die Dynamik des Films?
Eine tragende Rolle spielen in unserem Film die Motive. Wir hatten das große Glück, die Turnhalle in Mansfeld und das Sportstudio genau so vorzufinden, wie wir sie im Film zeigen. Als wir die Halle das erste Mal betraten, konnten wir unser Glück kaum fassen. Zudem haben alle vor Ort so großartig mitgeholfen, dass wir hinter der Kamera denselben Zusammenhalt spürten, den wir vor der Kamera zeigen. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist etwas ganz Besonderes – es prägt die Geschichte und ist, wie ich finde, perfekt in der Provinz verortet.“
Serafina kehrt als erfolgreiche Primaballerina aus Paris zurück in ihre Heimat. Warum eignen sich Rückkehrer-Geschichten besonders gut, um gesellschaftliche Spannungen sichtbar zu machen?
Unser Plot bedient eine universelle menschliche Erfahrung: In Paris ist Serafina eine Fremde geblieben, doch nach ihrer Rückkehr gehört sie auch nicht mehr ganz in ihr Heimatdorf. Diese Heimkehr zwingt sie zur Konfrontation mit der eigenen Herkunft und dem, was sie zurückgelassen hat. Ungelöste Konflikte, alte Hierarchien und verkrustete Strukturen – aber auch die Schrulligkeiten des Dorflebens – treten für die Rückkehrerin nun umso deutlicher hervor. Gemeinsam mit ihr entdeckt das Publikum so die Familie und die Dorfgemeinschaft neu.
Gedreht wurde in Sachsen-Anhalt. Wie wichtig war Ihnen Authentizität bei Schauplätzen und Atmosphäre?
Das war uns besonders wichtig. Einige Motive haben wir im Film genau so gezeigt, wie wir sie im Original vorgefunden haben. Für die authentische Atmosphäre war uns außerdem wichtig, dass der sächsische Dialekt nur von Personen gesprochen wird, die ihn auch als Muttersprache oder Heimatdialekt mitbringen.
Der Film erzählt auch vom Konflikt zwischen „Bleiben“ und „Weggehen“. Ist das aus Ihrer Sicht weiterhin ein sehr deutsches – oder speziell ostdeutsches – Thema?
Ich glaube, das ist ein universelles Thema. Die Frage, wo ich meinen Lebensmittelpunkt habe, stellt sich jedem Menschen irgendwann.
Sie waren sowohl als Produzentin als auch beim Casting beteiligt. Verändert dieser doppelte Blick Ihre Arbeit an Figuren und Stoffen?
Ja, sehr. Das Casting ist für mich das Bindeglied zwischen dem geschriebenen Wort und der Realität auf dem Bildschirm. Man entwickelt ein sehr feines Gespür dafür, wie stark die richtige Besetzung die Dynamik eines Stoffes noch einmal komplett verändern und aufwerten kann. Die Chemie zwischen den Figuren und die emotionale Tiefe, die sie miteinander entwickeln, sind enorm wichtig.
ARD-Degeto-Filme stehen oft für emotional zugängliche Unterhaltung. Was macht «Mensch Mutti!» innerhalb dieses Umfelds besonders?
«Mensch Mutti!» zeigt drei starke Frauenfiguren in der ostdeutschen Provinz. Wir bieten große Emotionen und feinen Humor. Dabei lachen wir nicht über die Figuren, sondern mit ihnen. Das war uns wichtig und hat den Film zu etwas Besonderem gemacht.
Wenn Zuschauerinnen und Zuschauer den Film gesehen haben: Was würden Sie sich wünschen, dass sie über Familie, Herkunft und zweite Chancen mitnehmen?
Ich hoffe, dass sie mit einem Gefühl der Milde und Freundlichkeit auf ihre Familie und ihre Herkunft blicken. Die Chancen im Leben sind nicht immer die großen Angebote, sondern manchmal auch die kleinen Möglichkeiten.
Danke für Ihre Zeit!
Das Erste strahlt «Mensch Mutti» am 29. Mai 2026, um 20.15 Uhr aus. Der Film ist ab 27. Mai in der ARD Mediathek abrufbar.
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