Der nette Bigfoot, den heute niemand mehr auf dem Autodach nach Hause fahren würde. Der Familienfilm aus den Achtzigern wollte Herz, Humor und Abenteuer verbinden.
Es beginnt mit einem der seltsamsten Momente der Achtzigerjahre-Familienunterhaltung: Eine amerikanische Familie fährt im Wald versehentlich Bigfoot an und beschließt spontan, die vermeintliche Leiche aufs Autodach zu schnallen und mit nach Hause zu nehmen. Weil man damit vielleicht berühmt werden könnte. Schon dieser Einstieg zeigt, wie sehr sich die Sichtweise auf Tiere, Kreaturen und „das Andere“ verändert hat.
«Harry and the Hendersons» (Deutsch: «Bigfoot und die Hendersons») aus dem Jahr 1987 war damals als warmherzige Fantasy-Komödie gedacht, irgendwo zwischen «E.T.» und Sitcom-Familienchaos. Heute wirkt die Grundidee teilweise erstaunlich befremdlich. Dieses Besitzdenken – ein unbekanntes Wesen mitzunehmen, zu untersuchen oder als Trophäe zu präsentieren – passt kaum noch in eine Zeit, in der selbst Zoos oder Orca-Shows kritisch hinterfragt werden.
Dabei war «Harry and the Hendersons» damals durchaus erfolgreich. Der Film spielte weltweit rund 50 Millionen Dollar ein und gewann sogar den Oscar für das beste Make-up. Verantwortlich dafür war kein Geringerer als Rick Baker, einer der größten Spezialeffekt-Künstler Hollywoods. Baker hatte zuvor bereits mit «An American Werewolf in London» Filmgeschichte geschrieben und schuf mit Harry einen Bigfoot, der gleichzeitig riesig, bedrohlich und erstaunlich niedlich wirken sollte.
Unter dem Fell steckte Kevin Peter Hall, der zwei Meter groß war und schon den Predator gespielt hatte. Hall verlieh Harry trotz kaum vorhandener Sprache eine gewisse Wärme und Menschlichkeit. Tragischerweise starb Hall bereits 1991 mit nur 35 Jahren an den Folgen einer HIV-Infektion nach einer Bluttransfusion. Für viele Fans blieb seine Darstellung trotzdem der eigentliche Grund, warum der Film überhaupt funktioniert.
Im Zentrum steht aber vor allem John Lithgow als Familienvater George Henderson. Lithgow war damals längst ein angesehener Schauspieler, unter anderem durch «Garp und wie er die Welt sah» oder später «Dexter» und «The Crown». Doch genau hier liegt eines der Probleme des Films: Lithgow spielt praktisch permanent im überdrehten Familienkomödien-Modus. Viele Szenen erinnern eher an eine alberne Sitcom als an ein fantastisches Abenteuer.
Regisseur William Dear wollte offensichtlich einen Spielberg-artigen Familienfilm drehen. Tatsächlich war Steven Spielberg über seine Firma Amblin Entertainment indirekt beteiligt. Und genau das merkt man ständig. Der Film versucht verzweifelt, das Gefühl von «E.T.» nachzubauen: die Vorstadtfamilie, die emotionale Verbindung zu einem außergewöhnlichen Wesen, die Botschaft über Menschlichkeit und Verständnis. Nur fehlt hier das Geheimnisvolle. Harry ist vom ersten Moment an eher ein großer zotteliger Hund als ein mystisches Wesen. Kritiker warfen dem Film schon damals vor, einfach nur Spielberg zu kopieren. Roger Ebert meinte, dem Film fehle jede Ehrfurcht vor der Idee eines Bigfoot. Statt eines mysteriösen Wesens bekomme man einen liebenswerten Riesen, der Kühlschränke plündert und Chaos im Wohnzimmer anrichtet.
Trotzdem entwickelte sich der Film über die Jahre zu einem Fernsehdauerbrenner. Gerade in Deutschland lief «Harry und die Hendersons» immer wieder im Nachmittagsprogramm. Das lag vermutlich daran, dass der Film perfekt in diese Ära passte: harmlose Familienunterhaltung mit ein bisschen Fantasy, etwas Slapstick und einer klaren Moralbotschaft. Interessant ist heute vor allem, wie sehr sich die Perspektive verändert hat. Der Film präsentiert Bigfoot zunächst tatsächlich wie eine Art Sensation oder Jagdtrophäe. Die Hendersons denken sofort an Ruhm und Aufmerksamkeit. Erst später erkennen sie, dass Harry Gefühle hat und lieber frei leben möchte. In modernen Filmen würde diese Erkenntnis vermutlich deutlich früher kommen – oder die Familie würde das Wesen gar nicht erst mitnehmen.
Hinzu kommt: Viele Gags wirken heute erstaunlich laut und anstrengend. Der Humor der Achtziger bestand oft aus hysterischem Geschrei, hektischen Reaktionen und physischem Chaos. Das altert nicht immer gut. Gleichzeitig hat der Film aber eine gewisse naive Herzlichkeit, die man modernen Familienblockbustern manchmal abspricht. Nach dem Kinoerfolg entstand sogar noch eine TV-Serie, die mehrere Jahre lief. Doch weder Regisseur William Dear noch der Film selbst konnten daraus langfristig ein großes Franchise machen. Dear verschwand später eher im B-Movie- und Fernsehbereich. John Lithgow dagegen wurde immer erfolgreicher und zählt heute zu den angesehensten Charakterdarstellern Hollywoods.
«Harry and the Hendersons» bleibt deshalb ein seltsames Zeitdokument. Einerseits steckt darin echtes handgemachtes Achtzigerjahre-Kino mit praktischen Effekten und nostalgischer Familienfilm-Atmosphäre. Andererseits wirkt die Grundidee heute fast überholt: Ein unbekanntes Wesen wird eingefangen, untersucht und wie ein kurioses Objekt behandelt. Vielleicht ist genau das der Grund, warum solche Filme heute kaum noch entstehen. Moderne Zuschauer würden vermutlich sofort fragen, warum man Bigfoot überhaupt aufs Autodach schnallt, statt einfach Hilfe zu holen oder ihn in Ruhe zu lassen. Die Hendersons dagegen sehen zuerst eine Sensation und erst später ein Lebewesen. Und genau darin steckt vielleicht die eigentliche Botschaft dieses merkwürdigen Films.
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