Katharina Wackernagel und Rick Okon machen zufällig im Zug Bekanntschaft miteinander und wollen ihre Beziehungsprobleme lösen. Was folgt, ist einer der klügeren Filme des Sonntagabends im ZDF.
Stab
Darsteller: Katharina Wackernagel, Rick Okon, Jane Chirwa, Aurel Manthei, Emilie Neumeister, Anton Spieker
Schnitt: Thomas Krause
Musik: David Grabowski
Kamera: Andreas Bergmann
Drehbuch: Sathyan Ramesh
Regie: Constanze KnocheMit «Zwei am Zug» versucht Regisseurin Constanze Knoche etwas, das im deutschen Gegenwartsfilm fast schon als Wagnis gelten darf: einen Beziehungsfilm zu drehen, der weder in die kalkulierte Netflix-Leichtfüßigkeit noch in jene bleierne Bedeutungsprosa kippt, die hierzulande so oft für ansprechende Unterhaltung gehalten wird. Dass ihr das über weite Strecken gelingt, liegt vor allem daran, dass dieser Film seinen Figuren zuhört, selbst dann, wenn sie sich gerade um Kopf und Kragen reden.
Alles nimmt seinen Anfang mit zwei Menschen die sich zufällig im Zug treffen: beide emotional verheddert, beide mit dem diffusen Gefühl, im eigenen Leben nur noch Nebenrollen zu spielen. Sandra, gespielt von Katharina Wackernagel, betreibt mit ihrem Mann Christian eine Kneipe und hat sich offenbar so gründlich im Funktionieren eingerichtet, dass ihr die eigene Sehnsucht nur noch als leises Hintergrundrauschen begegnet. Otis wiederum, den Rick Okon mit nervöser Freundlichkeit und melancholischer Ungeschicklichkeit spielt, liebt seine beste Freundin Bill und hat sich in die paradoxe Lage manövriert, ausgerechnet der verständnisvollste Mensch im Raum zu sein und zugleich derjenige mit dem geringsten Selbstwertgefühl.
Der Film interessiert sich weniger für die Frage, ob diese beiden zueinanderfinden, sondern dafür, warum Menschen überhaupt so hartnäckig an emotionalen Sackgassen festhalten. Autor Sathyan Ramesh schreibt Dialoge, die manchmal fast demonstrativ alltäglich wirken und gerade dadurch ihre Wirkung entfalten. In vielen deutschen Liebesdramen wird gesprochen, als hätten alle Beteiligten vorher drei Semester Philosophie studiert. Hier dagegen reden Menschen so, wie Menschen eben reden: ein bisschen zu viel, ein bisschen aneinander vorbei, oft mit dem verzweifelten Versuch, die eigene Unsicherheit hinter Pointen oder Lebensweisheiten zu verstecken.
Das Beste an «Zwei am Zug» ist deshalb sein Vertrauen in Zwischentöne. Wenn Sandra und Otis sich im Park zu ihren halb ironischen, halb therapeutischen „Personal Trainings“ treffen, entsteht etwas Seltenes: ein Film über emotionale Intimität, der nicht permanent erklären muss, dass sie bedeutend ist. Die beiden beobachten einander, korrigieren sich, spielen sich Mut zu und sabotieren sich zugleich. Das hat Witz, manchmal sogar echten Screwball-Charme, aber eben auch eine Traurigkeit, die der Film nie sentimentalisieren muss.
Dass dabei nicht alles funktioniert, gehört ebenfalls zur Wahrheit. Vor allem im letzten Drittel beginnt «Zwei am Zug», seine sorgfältig austarierte Ambivalenz zugunsten dramaturgischer Konstruktionen zu opfern. Der Film möchte hier die emotionalen Spiegelungen seiner Beziehungen zuspitzen, verliert dabei aber etwas von jener beiläufigen Glaubwürdigkeit, die ihn zuvor ausgezeichnet hat. Manche Konflikte wirken dann weniger entdeckt als arrangiert.

Interessant ist letztlich vor allem, wie konsequent sich «Zwei am Zug» gegen romantische Eindeutigkeit sperrt. Das hier ist kein Film über die große Liebe als Erlösung, sondern über Menschen, die lernen müssen, überhaupt erst einmal ehrlich mit sich selbst zu werden. Dass dabei nicht jede Erkenntnis befreiend ausfällt, gehört zu den klügeren Beobachtungen des Films.
Vielleicht ist «Zwei am Zug» am Ende sogar stärker in seinen Unsicherheiten als in seinen Lösungen. Aber genau darin liegt auch seine Qualität. Der Film weiß, dass Beziehungen selten an fehlender Liebe scheitern, sondern häufiger daran, dass Menschen sich selbst nicht verstehen – und er besitzt die Gelassenheit, daraus kein melodramatisches Spektakel zu machen, sondern ein leises, klug beobachtetes Stück Gegenwart.
Der Film «Zwei am Zug» wird am Sonntag, den 17. Mai um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt.
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