In der ARD-Komödie «Rosen und Reis» gerät eine eigentlich schlicht geplante Hochzeit zunehmend außer Kontrolle. Schauspielerin Nikola Kastner spricht im Interview über gesellschaftlichen Erwartungsdruck, komödiantische Eskalationen und warum ihre Figur Inka trotz aller Turbulenzen eine selbstbestimmte Frau bleibt.
Frau Kastner, in «Rosen und Reis» spielen Sie Inka, deren Hochzeit völlig aus dem Ruder läuft – was hat Sie an dieser Figur besonders gereizt?
Diese Figur hat einfach ein wunderbares komödiantisches Potenzial! Sie steckt zwischen ihren eigenen Hochzeitsvorstellungen – kein Trubel, „mehr Punk!“ – und dem Druck von außen, vor allem durch ihre Schwiegermutter. Dieser innere Konflikt begleitet sie durch den ganzen Film.
Robert Löhr, der Autor, hat die Figur herrlich nonkonformistisch, schlagfertig und gleichzeitig empathisch angelegt – das hat mich sehr gereizt.
Wie haben Sie diesen inneren Konflikt angelegt?
Inka weiß letztlich genau, wie sie heiraten möchte: so unspektakulär wie möglich. Ihre Schwiegermutter möchte genau das Gegenteil. Es beginnt also mit kleineren Kompromissen um des lieben Friedens willen – in der Hoffnung, dass ihr Verlobter seiner Mutter endlich selbst die Grenzen aufzeigt. Im Laufe der Geschichte verändert sich jedoch Inkas innerer Konflikt: Plötzlich wird ihre Kompromissbereitschaft von schlechtem Gewissen und Mitleid bestimmt, und die geplante bürgerliche Traumhochzeit scheint kaum noch aufzuhalten zu sein…
Die Figur ist hochschwanger und gleichzeitig mitten im emotionalen Chaos. Verändert dieser Zustand die Perspektive auf die Ereignisse?
Für Inka hat eine Hochzeit schlicht nicht so viel Gewicht, und sie hängt diesen Tag emotional nicht so hoch. Hochschwanger vor den Altar zu treten im „f*… Februar“, um der Familie einen Gefallen zu tun, ist für sie also erst mal in Ordnung, anderenfalls hätte sie sich von Anfang an dagegen gewehrt. Denn Inka geht Konflikten eigentlich nicht aus dem Weg – im Gegensatz zu ihrem Verlobten. In der Planung war bis dato jedoch auch nicht die Rede von weißen Tauben und sonstigem Bohei…
Die Hochzeit wird immer größer, während Inka eigentlich etwas ganz anderes möchte. Ist das auch ein Kommentar auf gesellschaftliche Erwartungen rund um „den perfekten Tag“?
Absolut. Diese gesellschaftlichen Erwartungen werden heute stark durch das geprägt, was uns in den sozialen Medien als vermeintliche Traumhochzeit präsentiert wird. Hochzeiten haben dadurch zunehmend einen repräsentativen Charakter bekommen: Der „perfekte Tag“ soll plötzlich als Beweis oder Stellvertreter für die Liebe fungieren – und erzeugt schon im Vorfeld enormen Druck.
Gleichzeitig bietet dieser Erwartungsdruck eine tolle komödiantische Fallhöhe. Mittendrin steht Inka mit ihrem Hang zur Anarchie. Ausgerechnet sie wird als Braut zum bodenständigen Fremdkörper dieser Geschichte.
«Rosen und Reis» lebt stark von Tempo, Dialogwitz und Eskalation. Wie schwierig ist es, diese Balance zwischen Komödie und emotionaler Ernsthaftigkeit zu halten?
Komödie kommt meines Erachtens gar nicht ohne Gegengewicht aus. Sie funktioniert am besten, wenn unter all dem Witz ein glaubwürdiger Konflikt liegt, der auch mal weh tut. Wirklich schönes Komödienschauspiel entsteht für mich dann, wenn selbst die absurdesten Szenen mit einer fast schon kompromisslosen Ernsthaftigkeit gespielt werden. Das macht die Komödie dann auch wunderbar kathartisch, wenn Dramatisches ins Komische übersetzt wird. Mir hilft diese Technik übrigens auch im Alltag häufig …
Ihre Figur trifft schließlich eine sehr klare Entscheidung. War es Ihnen wichtig, Inka nicht nur als Getriebene, sondern als selbstbestimmte Frau zu zeigen?
Ich habe Inka von Beginn an nicht als passive Figur empfunden, sondern als selbstbestimmte Frau. Ihr ist diese Hochzeit mit all dem Tamtam zunächst einfach nicht wichtig genug, um wirklich aktiv zu werden. Oft sind es in Filmen ja gerade die Bräute, denen dieser hochzeitliche Perfektionismus zugeschrieben wird.
Ihre „klare Entscheidung“ ist deshalb auch ein entscheidender Ausdruck dieser Selbstbestimmtheit, die mir bei Frauenfiguren generell wichtig ist. Filme, in denen Frauen den Mann fragen: „Was machen wir denn jetzt?“, werden zum Glück seltener.
Der Film erzählt parallel mehrere Beziehungsgeschichten. Wie wichtig ist das Zusammenspiel im Ensemble für das Funktionieren der Komödie?
Das Zusammenspiel ist meines Erachtens alles entscheidend! Ich liebe dieses Ensemble so sehr. Ich habe mich schon vor der ersten Klappe auf die Zusammenarbeit gefreut, nachdem das Zusammenspiel bei „Käse und Blei“ bereits so fantastisch war. Mit diesen Kolleg:innen entsteht etwas über die geschriebene Szene hinaus. Ich neige leider dazu, die Fassung zu verlieren, wenn Menschen zu lustig sind. Für mich war das teilweise Leistungssport.
Wie haben Sie die Zusammenarbeit am Set erlebt?
Anneke Kim Sarnau, Oliver Wnuk, Holger Stockhaus, Johannes Kienast, Marlene Morreis, Viktoria Trauttmansdorff … das sind natürlich alles erfahrene Komödien-Genies, die sich einen Ball nach dem anderen zuwerfen und noch lustiger zurückspielen. Wir hatten eine diebische Freude am Zusammenspiel. Dabei entsteht neben den gescripteten Jokes auch ein situativer Humor. Das liebe ich besonders an der Arbeit im Ensemble.
Täuschung, Seitensprünge und Missverständnisse treiben die Handlung voran. Was macht solche klassischen Motive für moderne Komödien immer noch so reizvoll?
Die Übersetzung von Unglück ins Komödiantische kann kaum an Reiz verlieren. Täuschung, Seitensprünge, Missverständnisse – hier können viele Menschen andocken. Fast alle Menschen sind mit diesen Dynamiken schon in Kontakt gekommen. Sich als Publikum mit den dramatischen Motiven zu verbinden und dann herzlich darüber lachen zu dürfen, kann total erlösend sein. Das ist die Katharsis der Komödie.
Ihre Karriere umfasst viele unterschiedliche Genres – von Drama bis Comedy. Was reizt Sie persönlich besonders an der Arbeit in einer Ensemble-Komödie wie dieser?
Man hat einfach eine fantastische Zeit. Letztlich schaut man den Kolleg:innen ja tagtäglich am Set bei der Arbeit zu, wie sie Jokes live testen – ich kann mir kaum etwas Lustigeres vorstellen. Jedes Genre hat natürlich seinen ganz eigenen Reiz. Aber ich komme immer wieder gern zur Komödie zurück oder ertappe mich dabei, auch in anderen Genres heimlich den Humor zu suchen …
Glauben Sie, dass Filme wie «Rosen und Reis» auch deshalb funktionieren, weil sie überspitzt zeigen, was viele aus dem eigenen Leben kennen?
Ja, ganz genau. Zudem haben sich viele Menschen durch neue Sehgewohnheiten und die Gewöhnung an Social-Media-Content an ein enormes Tempo gewöhnt. Schnell erzählte Komödien mit hoher Gag-Dichte passen da, denke ich, gut hinein.
Wenn Sie auf den Film blicken: Was würden Sie sich wünschen, was das Publikum aus dieser Geschichte über Liebe, Ehrlichkeit und Beziehungen mitnimmt?
Ich finde, «Rosen und Reis» ist hinter all dem Humor auch sehr berührend. Letztlich sind es doch die Beziehungen zu anderen Menschen, für die es sich lohnt zu kämpfen und die ein Leben bereichern – egal, wie diese Beziehungen am Ende aussehen. Ich würde mir wünschen, dass wir als Gesellschaft lernen, wieder gnädiger aufeinander zu schauen und auch mal Konflikte und andere Meinungen auszuhalten.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
«Rosen und Reis» wird am Freitag, den 22. Mai, um 20.15 Uhr ausgestrahlt. Der Film ist ab 19. Februar in der ARD Mediathek.
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