Podstars: «Eine Frau namens Naddel»

Die Podcast-Serie zeichnet das Leben von Nadja Abd el Farrag nach – und wird zugleich zur schonungslosen Analyse eines Medienbetriebs zwischen Sexismus, Voyeurismus und öffentlicher Demütigung.

Mit «Eine Frau namens Naddel» widmet sich das SZ-Magazin einer Figur, die über Jahrzehnte fester Bestandteil deutscher Boulevard- und Fernsehgeschichte war – obwohl kaum jemand wirklich wusste, wer sie eigentlich war. Nadja Abd el Farrag, besser bekannt als „Naddel“, wurde in den 1990er-Jahren zu einer der ersten großen Trash-Prominenten Deutschlands. Die Podcast-Serie versucht nun, hinter das öffentliche Bild zu schauen.

Schon die erste Folge macht deutlich, dass hier keine reine Chronologie eines Promi-Lebens erzählt werden soll. Vielmehr geht es um Mechanismen: um öffentliche Rollenbilder, Machtverhältnisse und die Frage, wie Medien Menschen formen und zerstören können. Ausgangspunkt ist der Tod Abd el Farrags im Jahr 2025. Plötzlich äußerten sich zahlreiche Wegbegleiter betroffen, obwohl dieselbe Öffentlichkeit sie über Jahre hinweg zur Projektionsfläche für Häme und Spott gemacht hatte.

Die Serie rekonstruiert ihren Weg von einer jungen Frau aus Hamburg zur dauerpräsenten Boulevardfigur. Zentral dabei ist ihre Beziehung zu Dieter Bohlen, die sie überhaupt erst in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Der Podcast beschreibt diese Konstellation nicht bloß als Liebesgeschichte, sondern als Teil eines Systems, in dem Abd el Farrag zunehmend auf die Rolle „die Ex von Bohlen“ reduziert wurde. Besonders die mediale Dreiecksbeziehung mit Verona Pooth zeigt, wie Boulevardmedien private Konflikte über Jahre hinweg vermarkteten.

Dabei arbeitet die Serie konsequent heraus, wie stark Sexismus, Rassismus und gesellschaftliche Vorurteile die öffentliche Wahrnehmung beeinflussten. Naddel wurde weniger als eigenständige Persönlichkeit behandelt denn als Figur für Unterhaltung, Schlagzeilen und öffentliche Vorführungen. Der Podcast erinnert an Fernsehmomente, die heute verstörend wirken: Busen-Wiegen bei Sat.1, Schuldensendungen bei RTL oder ihre spätere Reduktion auf Trash-TV-Auftritte und Ballermann-Bühnen.

Gleichzeitig vermeidet die Serie eine einfache Opfererzählung. Sie zeigt auch Abd el Farrags eigene Probleme – Alkohol, Orientierungslosigkeit, psychische Belastungen und ihr Leben in einem Umfeld, das oft mehr von Ausnutzung als von Hilfe geprägt war. Dadurch entsteht ein komplexeres Bild einer Frau, die zwischen öffentlicher Rolle und persönlicher Krise zunehmend zerrieben wurde.

Formal verbindet «Eine Frau namens Naddel» klassische Dokumentation mit gesellschaftlicher Analyse. Host Lara Fritzsche führt durch die Serie, die stark auf Archivmaterial, Zeitzeugen und journalistische Recherche setzt. Die Folgen erzählen nicht nur ein Prominentenschicksal, sondern spiegeln zugleich den Wandel deutscher Medienkultur seit den 1990er-Jahren. Am Ende stellt der Podcast eine unbequeme Frage: Hat sich der Umgang mit Frauen in der Öffentlichkeit tatsächlich verändert oder funktionieren viele Mechanismen bis heute ähnlich?

10.05.2026 12:49 Uhr Kurz-URL: qmde.de/171592
Sebastian Schmitt

super
schade


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Eine Frau namens Naddel

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