Nach dem ungewöhnlichen Voting des Vorjahres richtet Wien den 70. Eurovision Song Contest aus. Die diesjährige Show bringt neue Regeln, klare Favoriten und Sarah Engels für Deutschland.
Es gibt Jahre beim
«Eurovision Song Contest», in denen nicht nur der Sieger hängen bleibt, sondern vor allem das Voting. 2025 gehörte dazu: Dass die Schweiz im Publikumsvoting komplett leer ausging und null Punkte erhielt, wirkte für viele Beobachter wie eine dieser «ESC»-Absurditäten, die noch lange nachhallen. Nun folgt in Wien der 70. Wettbewerb – und wieder wird es am Ende um Zahlen gehen. Insgesamt werden 4.118 Punkte vergeben: Jedes der 35 teilnehmenden Länder verteilt jeweils 58 Jury- und 58 Zuschauerpunkte, hinzu kommt ein weiterer internationaler Voting-Block. Schon diese Zahl zeigt, wie groß die Maschine «ESC» inzwischen geworden ist – und wie viele Stellschrauben darüber entscheiden, ob ein Favorit wirklich gewinnt oder ein vermeintlicher Außenseiter nach oben gespült wird.
Der «Eurovision Song Contest 2026» steht unter dem Motto „United by Music“. Vom 12. bis 16. Mai richtet Wien den Wettbewerb aus, nachdem JJ im Vorjahr mit „Wasted Love“ für Österreich gewonnen hatte. Austragungsort ist die Wiener Stadthalle, die bereits 2015 «ESC»-Schauplatz war. Für Österreich ist es nach 1967 und 2015 die dritte Austragung des Wettbewerbs, erneut in der Hauptstadt. Moderiert wird die Jubiläumsausgabe von Michael Ostrowski und Victoria Swarovski, im Green Room übernimmt Emily Busvine.
Doch die Jubiläumsausgabe ist nicht nur eine große Musikshow, sondern auch ein Wettbewerb mit politischen und strukturellen Spannungen. 35 Länder nehmen teil – so wenige wie noch nie seit Einführung der Halbfinals 2004. Mit Irland, Island, den Niederlanden, Slowenien und Spanien fehlen gleich mehrere etablierte Teilnehmer. Besonders der Rückzug Spaniens sorgt für eine Zäsur, da damit erstmals ein Big-Five-Land nicht vertreten ist. Im Finale stehen deshalb nur 25 Beiträge: die 20 Qualifikanten aus den Halbfinals, Gastgeber Österreich sowie Deutschland, Frankreich, Italien und das Vereinigte Königreich.
Auch die Regeln wurden angepasst und das durchaus grundlegend. Erstmals seit 2022 stimmen die Jurys wieder in den Halbfinals mit ab. Gleichzeitig wurde die Anzahl der Juroren erhöht und die Zusammensetzung erweitert, um mehr musikalische Perspektiven abzubilden. Das Publikumsvoting wurde hingegen begrenzt: Statt bisher 20 Stimmen kann jeder Zuschauer nur noch maximal zehn Votes abgeben. Die Europäische Rundfunkunion reagiert damit auf Diskussionen über auffällige Votingmuster und will den Wettbewerb wieder stärker auf musikalische Qualität ausrichten. Dass vor allem im Ausland lebenden jüdische Bürger für Israel anrufen, ist vielen Rundfunkanstalten ein Dorn im Auge – ohne den Rassismus offen zu benennen.
Für Deutschland markiert der Jahrgang 2026 einen strukturellen Neuanfang. Erstmals seit 1995 liegt die Verantwortung nicht mehr beim NDR, sondern beim SWR. Mit Sarah Engels schickt man eine erfahrene Künstlerin ins Rennen, die den Vorentscheid mit „Fire“ gewann. Der Song bewegt sich im internationalen Pop-Mainstream, setzt auf klare Strukturen und eingängige Hooks. Die Herausforderung wird darin bestehen, daraus eine starke Bühneninszenierung zu entwickeln. Gerade Deutschland scheiterte in den vergangenen Jahren häufig daran, dass Beiträge zwar solide produziert waren, aber im Gesamtpaket nicht hervorstachen. „Baller“ aus dem vergangenen Jahr holte einen soliden Platz, Engels könnte dies wiederholen.
Ein Blick auf die Wettmärkte zeigt ein relativ klares Bild – zumindest auf den ersten Blick. Finnland führt mit deutlichem Abstand. Linda Lampenius und Pete Parkkonen bringen mit „Liekinheitin“ einen Beitrag ins Rennen, der musikalisch eigenständig ist und zugleich die typische «ESC»-Dramatik bedient. Dahinter folgt Griechenland mit Akylas und „Ferto“, einem Titel, der stärker auf Rhythmus und Performance setzt. Dänemark, Australien und Frankreich komplettieren die erweiterte Spitzengruppe. "Song, Persönlichkeit, Inszenierung - die richtige Mischung macht’s. Ein Erfolgsrezept gibt es nicht, um den «ESC» zu gewinnen", meint Thorsten Schorn, der das Finale kommentiert. "Der finnische Beitrag kriegt gerade besonders viel Aufmerksamkeit. Auch weil das zentrale Instrument darin eine Violine ist. Und die darf mit Sondergenehmigung ausnahmsweise live gespielt werden statt des üblichen Halb-Playbacks. Hoffentlich vergeigen die Finnen das nicht. Ohnehin werden wir erst am Finalabend wissen, wen die Jurys und das TV-Publikum ganz vorne sehen und auf welchen Song sich letztendlich ganz Europa einigen kann. Insofern wird es spannend, ob sich am Ende wirklich einer der Favoriten aus den Wettbüros durchsetzt. Da hat es schon oft Überraschungen gegeben."
Doch der «ESC» wäre nicht der «ESC», wenn sich alles so eindeutig prognostizieren ließe. Luxemburg etwa könnte mit Eva Marija und „Mother Nature“ ein Kandidat sein, der sich im Verlauf der Proben und Shows nach vorne schiebt. Der Song besitzt emotionale Tiefe und könnte sowohl bei Jurys als auch beim Publikum punkten. Auch Deutschland sollte man nicht vorschnell abschreiben. Sarah Engels bringt die notwendige Erfahrung mit, um auf großer Bühne zu bestehen – entscheidend wird sein, ob „Fire“ visuell und dramaturgisch einen eigenen Moment kreiert.
Für Gastgeber Österreich bleibt die Lage schwer einzuschätzen. Cosmó tritt mit „Tanzschein“ auf Deutsch an: Ein mutiger Ansatz, der sich bewusst vom internationalen Mainstream absetzt. Das kann funktionieren, wenn Inszenierung und Atmosphäre stimmen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass der Beitrag im starken Teilnehmerfeld untergeht. Österreich ist damit die vielleicht größte Unbekannte im Wettbewerb, eine Wette mit offenem Ausgang.
Auffällig ist zudem, dass klassische osteuropäische Beiträge in diesem Jahr nicht zu den Topfavoriten zählen. Länder wie Serbien, Armenien oder Lettland spielen in den Prognosen nur Nebenrollen. Die Ukraine bleibt zwar traditionell ein Faktor, doch insgesamt deutet vieles darauf hin, dass der Sieg eher nach Nordeuropa oder Westeuropa gehen könnte. Die Rückkehr der Jurys in den Halbfinals dürfte diesen Trend zusätzlich verstärken, da reine Publikumseffekte etwas abgeschwächt werden.
Thorsten Schorn, Kommentator für Deutschland, teilte Quotenmeter mit: "Sarah lässt sich regelrecht in ihren Song fallen. Da habe ich schon bei der ersten Probe kurz die Luft angehalten, denn sie macht alle Stunts selbst. Als wir uns beim deutschen Finale in Berlin persönlich kennengelernt haben, hat sie mich sehr beeindruckt, weil sie schon da mit einer bemerkenswerten Präzision geprobt hat und sehr ehrgeizig ist. Sie will es jetzt wissen und wird in Wien die bestmögliche Show abliefern. Außerdem kommt sie mit ihrer Persönlichkeit, ihrer sympathischen und offenherzigen Art, überall gut an - das ist hier in Wien und auch in den Social Media Reaktionen ständig zu spüren. Wir können uns wirklich darüber freuen, dass sie Deutschland beim «ESC» repräsentiert. Und das mit der Platzierung sollten wir grundsätzlich nicht zu verbissen sehen. Mit dem «Eurovision Song Contest» ist ein erstklassiger Fernsehabend garantiert, unabhängig davon, wo Deutschland am Ende landet.
Auch die Show selbst setzt auf Kontinuität und Jubiläumscharakter. Im Finale wird ein großes Medley aus 70 Jahren ESC-Geschichte präsentiert, unter anderem mit Künstlern wie Alexander Rybak oder Lordi. Zudem soll die Produktion technisch neue Maßstäbe setzen, etwa durch den Einsatz moderner Kameratechnik und ein aufwendiges Bühnenbild mit mehreren LED-Elementen und Lichtsystemen.
Für die deutschsprachigen Zuschauer bleibt die gewohnte Struktur erhalten. Das Erste, ORF 1 und SRF 1 senden ein gemeinsames Rahmenprogramm, moderiert von Barbara Schöneberger. Die Halbfinals laufen in Deutschland bei One, das Finale zusätzlich im Ersten. Kommentator ist erneut Thorsten Schorn. Am Ende wird sich der ESC 2026 an genau dem messen lassen müssen, was ihn seit Jahrzehnten ausmacht: an drei Minuten pro Beitrag und an den 4.118 Punkten, die darüber entscheiden, wer gewinnt und wer leer ausgeht. Wie Schorn sagt: "Der «ESC» ist unglaublich facettenreich und eine Wundertüte. Ob Mainstream oder verrückt und schräg. Alles ist möglich, ich liebe das."
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