Ein Film, der alle Zutaten für einen spannenden Krimi hätte. Bringt er sie auch zusammen?
Stab
Darsteller: Picco von Groote, Tom Radisch, Barnaby Metschurat, Marie Schöneburg, Wolf Bachofner, Sofie Eifertinger
Schnitt: Raimund Vienken
Musik: Boris Bojadzhiev, Lukas Kiedaisch
Kamera: Stefan Spreer
Drehbuch: Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser
Regie: Marcus O. RosenmüllerEs gibt Filme, die schon in den ersten Minuten eine gewisse Behäbigkeit ausstrahlen – und dann gibt es «Ostfriesensturm», der diese Behäbigkeit fast schon kultiviert. Denn was als düsterer Thriller mit regionaler Verankerung beginnt, entpuppt sich über seine Laufzeit hinweg als erstaunlich spannungsarme Angelegenheit, die sich zusehends in ihrer eigenen Ernsthaftigkeit verheddert.
Dabei ist die Ausgangslage durchaus vielversprechend: Ein Mord am menschenleeren Strand, eine zweite Leiche im Tierpark, dazu der Verdacht auf organisierte Kriminalität – das klingt nach einem soliden Fundament für einen vielschichtigen Krimi. Doch das Drehbuch von Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser scheint mehr daran interessiert zu sein, Spuren zu legen, als sie sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Schnell zerfasert die Geschichte, verliert ihren Fokus und ersetzt echte Dramaturgie durch das Aneinanderreihen vermeintlich bedeutungsschwerer Wendungen.
Regisseur Marcus O. Rosenmüller inszeniert das Ganze mit einer Gravitas, die nicht immer gerechtfertigt wirkt. Szenen werden gedehnt, Blicke bedeutungsvoll verlängert, Dialoge mit Pausen durchzogen, als würde allein die Verlangsamung schon Tiefe erzeugen. Tatsächlich entsteht jedoch häufig der Eindruck, dass hier Zeit gefüllt werden muss – und das ist selten ein gutes Zeichen. Der Film will viel: Familiendrama, Serienkiller-Thriller, Milieustudie. Am Ende bleibt von allem etwas übrig, aber nichts wirklich überzeugend.
Besonders problematisch gerät dabei die Figurenzeichnung. Ann Kathrin Klaasen, gespielt von Picco von Groote, wirkt über weite Strecken erstaunlich distanziert. Ihre Ermittlungsarbeit bleibt funktional, ihre persönliche Betroffenheit behauptet der Film eher, als dass er sie zeigt. Tom Radisch als Frank Weller agiert solide, bleibt aber ebenfalls blass. Die Nebenfiguren – so zahlreich sie auch sind – werden oft nur angerissen.
Technisch bewegt sich «Ostfriesensturm» derweil auf solidem Fernsehniveau. Die Kamera von Stefan Spreer fängt die norddeutsche Landschaft stimmungsvoll ein, ohne dabei visuell wirklich zu überraschen. Die Musik von Boris Bojadzhiev und Lukas Kiedaisch unterstreicht die düstere Atmosphäre, neigt jedoch dazu, Emotionen überzubetonen, statt sie organisch entstehen zu lassen.

Was dem Film am Ende fehlt, ist ein klarer erzählerischer Zugriff. Die verschiedenen Handlungsstränge – organisierte Kriminalität, familiäre Abgründe, psychologische Ausnahmesituationen – stehen nebeneinander, ohne sich wirklich gegenseitig zu verstärken. Statt eines Sogs entsteht ein ständiges Innehalten, ein Stolpern von Szene zu Szene. So bleibt «Ostfriesensturm» ein Film, der viel will, aber erstaunlich wenig erreicht. Die Zutaten für einen packenden Thriller sind vorhanden, doch ihre Verarbeitung bleibt unerquicklich. Am Ende steht ein Werk, das sich ernst nimmt, ohne wirklich etwas zu sagen – und das damit leider in einer Enttäuschung kulminiert.
Der Film «Ostfriesensturm» wird am Samstag, den 2. Mai um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt.
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