Lana Daher: ‚Erinnerung ist nicht linear, ebenso wenig wie Trauma‘

In «Do You Love Me» setzt Regisseurin Lana Daher ausschließlich auf Archivmaterial und erschafft daraus einen ebenso persönlichen wie fragmentarischen Liebesbrief an Beirut.

Frau Daher, «Do You Love Me» ist ein Film, der ausschließlich aus Archivaufnahmen besteht. Was hat Sie an dieser Form des Geschichtenerzählens besonders angesprochen?
Was mich zum Erzählen mit Archivmaterial zog, war sowohl persönliche Neugier als auch eine Notwendigkeit. Im Libanon haben wir kein einheitliches Nationalarchiv und keine einzige, gemeinsame historische Erzählung, daher fühlte ich mich dazu gedrängt, mit diesen fragmentierten Tönen und Bildern zu arbeiten, die für mich – an sich – weniger klassische Formen der Geschichte darstellten. Das Archivmaterial ermöglichte es mir, Erinnerung nicht als etwas Feststehendes zu erforschen, sondern als etwas Konstruiertes, Emotionales und oft Widersprüchliches. Es wurde zu einer Möglichkeit, die Vergangenheit zu erforschen und gleichzeitig die Gegenwart besser zu verstehen, was mir ermöglichte, mich gleichzeitig mit persönlicher und kollektiver Geschichte auseinanderzusetzen.

Ihr Film wirkt wie ein visueller Strom aus Erinnerungen, Klängen und Fragmenten. Wie haben Sie diese einzigartige Erzählstruktur entwickelt?
Ich bin den Film nicht auf sehr traditionelle Weise angegangen. Ich habe Jahre damit verbracht, zu recherchieren und zu schneiden / zu organisieren und neu zu organisieren, während ich recherchierte. Ich ging beim Schreiben so vor, als würden wir einen Spielfilm schreiben, aber er wurde eher von Emotionen als von der Handlung geleitet. Die Struktur entstand im Schnittprozess, wo wir einer Logik der Resonanz folgten, bei der Bilder über die Zeit hinweg miteinander kommunizieren. Erinnerung ist nicht linear, ebenso wenig wie Trauma, daher war es wichtig, dass sich der Film als eine Reihe von Fragmenten, Empfindungen und Echos entfaltet und nicht als chronologische Erzählung.

Sie erwähnen, dass ein Gefühl der Desorientierung bewusst als stilistisches Mittel eingesetzt wird. Welche Wirkung hoffen Sie damit beim Publikum zu erzielen?
Die Desorientierung spiegelt die Erfahrung der Erinnerung selbst wider, besonders an einem Ort wie Beirut, wo sich persönliche und kollektive Geschichten ständig überschneiden. Dies ist auch ein Spiegelbild meiner Lebenserfahrung im Libanon. Für mich ist Beirut eine sehr chaotische Stadt, die überwältigend sein kann, und die Zukunft dort zu planen, fühlt sich manchmal unmöglich an. Anstatt den Betrachter zu erklären oder zu führen, wollte ich, dass er dies spürt und in eine emotionale Erfahrung eintaucht. Dieses Gefühl der Fragmentierung lädt das Publikum dazu ein, sich aktiv einzubringen, die Teile selbst miteinander zu verbinden und etwas zu erleben, das näher daran ist, wie Erinnerung und Trauma tatsächlich funktionieren. hier.

«Do You Love Me» ist als eine Art Liebesbrief an Beirut gedacht. Was bedeutet diese Stadt für Sie persönlich als Künstlerin?
Beirut ist mein Zuhause. Dort habe ich den größten Teil meines Lebens verbracht. Es ist die Stadt, die mich geprägt und zu der Person gemacht hat, die ich heute bin. Beirut ist tief mit meiner Identität verbunden, sowohl persönlich als auch künstlerisch. Es ist eine Stadt, die mich immer wieder herausfordert. Meine Beziehung zu ihr ist komplex: Sie ist voller Liebe, aber auch voller Fragen, Widersprüche und manchmal Schmerz. Der Film entstand aus einem sehr persönlichen Bedürfnis heraus, darüber nachzudenken, was es bedeutet, an einem Ort zu leben, der von ständigen Krisen geprägt ist, und wie diese Realität die eigene Identität, Erinnerungen und Emotionen formt. Was im Film weniger offensichtlich ist und in den stillen, unsichtbaren Räumen verbleibt, sind die Hoffnungen und Träume, die ich für diese Stadt hege.

Der Film vereint sehr unterschiedliche Quellen, von Heimvideos bis hin zu professionellem Filmmaterial. Wie bist du bei der Auswahl und Zusammenstellung des Materials vorgegangen?
Der Rechercheprozess war umfangreich und oft schwierig, insbesondere da es kein zentrales Archiv gab. Ich arbeitete mit einer Vielzahl von Quellen: Filmen, privaten Sammlungen, journalistischem Filmmaterial, Fotografien, Podcasts, Radio, Musik, Büchern und sogar verlassenen Archiven. Die Auswahl richtete sich in erster Linie nach dem Thema sowie nach Emotionen: Ich fragte mich immer, ob ein Bild bei mir Anklang fand oder etwas in mir auslöste. Es war mir sehr wichtig, dass der Film aus der Perspektive von Zivilisten, gewöhnlichen Menschen und Künstler*innen erzählt wird. Ich wollte keine einzige Stimme oder kein einziges Gesicht eines Politikers zeigen. Gleichzeitig gab es eine ethische Dimension: Ich entschied mich, Bilder zu vermeiden, die zu gewalttätig oder aufdringlich wirkten, und konzentrierte mich stattdessen auf Andeutungen statt auf direkte Darstellung.

Ihre Arbeit bewegt sich an der Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion. Wo ziehen Sie persönlich die Grenze zwischen diesen beiden Formen – oder ist sie für Sie bewusst fließend?
Für mich ist diese Grenze bewusst fließend. Auch wenn das Material ausschließlich aus Archivaufnahmen besteht, rückt es durch die Art und Weise, wie es durch Struktur, Rhythmus und emotionale Logik zusammengesetzt ist, nahe an die Fiktion heran. Wir sind sogar an den Schnitt herangegangen, als würden wir eine fiktionale Erzählung konstruieren. Für mich ist es nicht entscheidend, ob etwas Dokumentarfilm oder Fiktion ist, sondern ob es ein bedeutungsvolles emotionales und filmisches Erlebnis schafft.

Sie haben den Film auch über Ihre eigene Produktionsfirma produziert. Wie wichtig war Ihnen die kreative Kontrolle über ein so persönliches Projekt?
Kreative Kontrolle war unerlässlich. Dies ist ein sehr persönlicher Film, auch wenn er mit einer kollektiven Stimme spricht. Diese Kontrolle zu behalten, ermöglichte es mir, die Absichten des Films zu wahren – insbesondere seinen Fokus auf Emotionen statt auf politischen Diskurs und seine Weigerung, sich auf bekannte oder sensationelle Bilder zu stützen. Das gab mir die Freiheit, mir die nötige Zeit zu nehmen und einem intuitiven, organischen Prozess zu folgen. Aber ich hätte den Film ohne die Unterstützung des deutschen Koproduzenten (Jasper Mielke von Wood Water Films) nicht beginnen können, und ich hätte den Film ohne den französischen Produzenten (Jean Laurent Csinidis von Films de Force Majeure) nicht fertigstellen können, der ein unverzichtbarer Partner in diesem Projekt war.

Der Film zeigt ein breites Spektrum an Emotionen – von Intimität bis hin zur Lebensfreude. Wie schaffen Sie es, diese Komplexität zu vermitteln, ohne sich auf eine traditionelle dramatische Struktur zu stützen?
Das emotionale Spektrum ergibt sich aus dem Material selbst und aus der Art und Weise, wie es zusammengesetzt ist. Anstelle eines traditionellen Erzählbogens habe ich mich auf Rhythmus, Kontrast und Akkumulation gestützt. Musik, Stille und das Zusammenspiel der Bilder tragen dazu bei, diese Stimmungswechsel zu erzeugen. Es geht weniger darum, auf einen Höhepunkt hinzuarbeiten, als vielmehr darum, verschiedene emotionale Zustände nebeneinander bestehen zu lassen und miteinander in Resonanz treten zu lassen.

Zusätzlich zum Film haben Sie eine Website mit einem kuratierten Archiv erstellt. Welche Rolle spielt dieses digitale Projekt in Ihrem Gesamtverständnis von Erinnerung und Film?
Die Website erweitert die Auseinandersetzung des Films mit dem Thema Erinnerung, indem sie das Archiv auf eine andere Art und Weise zugänglich macht. Während der Film eine kuratierte, emotionale Reise bietet, ermöglicht die digitale Plattform eine offenere, nicht-lineare Auseinandersetzung. Sie ist ein Verzeichnis der im Film verwendeten Quellen, das die Archive in den Vordergrund rückt, da dieser Film ohne den Beitrag dieser Künstler nicht hätte entstehen können.

Ihre Arbeit basiert auf intensiver Recherche, wirkt aber gleichzeitig sehr intuitiv. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Struktur und künstlerischer Freiheit?
Das Gleichgewicht entsteht dadurch, dass beide Prozesse nebeneinander existieren dürfen. Die Recherche war langwierig und rigoros, aber sobald ich in die Schnittphase eintrat, versuchte ich, offen und intuitiv zu bleiben. Wir hatten bestimmte Regeln und Absichten, aber innerhalb dieses Rahmens ließen wir den Film sich organisch entwickeln. In gewisser Weise bildete die Struktur das Fundament, doch die Intuition bestimmte die endgültige Form.

Sie sind auch in der Kunst- und Musikszene von Beirut aktiv. Inwieweit prägen diese Einflüsse Ihre filmische Arbeit?
Sie prägen sie zutiefst. Der Film selbst entstand ursprünglich aus einem Interesse an der Beziehung zwischen Musik und Krieg, und Klang bleibt ein zentrales Element. Beiruts Kunstszene, ihre Zerbrechlichkeit, Kreativität, Widersprüche – all das fließt direkt in meine Arbeit ein. Es ist nicht nur ein Einfluss; es ist Teil des Umfelds, aus dem der Film hervorgeht.

Welche Gedanken oder Gefühle möchten Sie idealerweise bei den Zuschauern wecken, nachdem sie den Film gesehen haben?
Mir geht es weniger darum, eine bestimmte Botschaft zu vermitteln, als vielmehr darum, ein intimes, emotionales Erlebnis zu schaffen. Ich hoffe, dass die Zuschauer auf einer persönlichen Ebene eine Verbindung zum Film herstellen können, auch wenn sie nichts über den Libanon wissen. Ich hoffe, sie können den Libanon in einem neuen Licht sehen. Im Idealfall wird der Film zu einem Raum der Reflexion über Erinnerung, Identität und die Art und Weise, wie wir sowohl persönliche als auch kollektive Geschichte in uns tragen. Für manche kann er kathartisch wirken; für andere eröffnet er vielleicht einfach neue Wege des Fühlens und Verstehens.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Do You Love Me» startet am Donnerstag, 7. Oktober, in den deutschen Kinos.

Transparenzhinweis: Zwischen Autorin und Quotenmeter bestand die Vereinbarung, dass nicht über den Krieg gesprochen wird.
05.05.2026 12:00 Uhr Kurz-URL: qmde.de/171288
Fabian Riedner

super
schade


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Do You Love Me

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