Johannes Hegemann spricht über seine Rolle als Olivia Jones, die emotionale Reise vom Außenseiter zur Ikone und warum die Geschichte heute aktueller denn je ist.
Herr Hegemann, Sie verkörpern in «Olivia» Oliver Knöbel auf seinem Weg zur Ikone Olivia Jones. Was hat Sie an dieser Geschichte besonders berührt?
Mich berührt an Olivias Geschichte sehr, dass sie nie den Mut verloren hat ihren Weg zu gehen, trotz all der Rückschläge und Schwierigkeiten, die sie immer wieder erleben musste. Und dass sie sich trotz all der Aggression und Ablehnung nie hat verbittern lassen, sondern offen, zugewandt und mit ganz viel Liebe durch die Welt geht.
Die Figur erlebt Ablehnung, Gewalt und Ausgrenzung – gerade in ihrer Heimat. Wie haben Sie sich dieser emotionalen Wucht angenähert?
Ich habe versucht mich den starken Emotionen, die Oliver durchlebt, so gut wie möglich zu öffnen. Sie zu meinen Emotionen zu machen. Das braucht ein bisschen Vorbereitung, um richtig in die Figur und ihre ganze Gefühlslandschaft einzutauchen. Dazu gehören dann auch die eigene Fantasie, Inspiration von Außen und ein paar eigene Erfahrungen.
Oliver findet erst auf St. Pauli einen Raum, in dem er sich entfalten kann. Was erzählt dieser Ortswechsel über Freiheit und Selbstfindung?
Es erzählt vor allem viel über St.Pauli. St. Pauli ist Vieles und darunter auch ein Hafen für Ausgestoßene, für Menschen, die woanders nicht akzeptiert werden für das, was sie sind. St. Pauli verkörpert das Gegenteil von einem engstirnigen Provinznest und ist in all seiner rauen Herzlichkeit der Ort an dem Olivia Jones geboren wird und leben kann.
«Olivia» basiert auf der Biografie „Ungeschminkt“. Wie eng haben Sie sich an die realen Erlebnisse von Olivia Jones gehalten – und wo gab es künstlerische Freiheiten?
Das Drehbuch von David Ungureit nimmt sich natürlich ein paar Freiheiten und erzählt nicht einfach eins zu eins das Buch „Ungeschminkt“ nach. Es wird verdichtet und auch verändert um so eine große Geschichte in knapp 90 Minuten erzählen zu können. Manches ist so passiert, anderes nicht ganz genau so. Und in meiner Interpretation von Oliver und Olivia habe ich mich sowieso an ganz verschiedenen Dingen orientiert und war gar nicht so stark auf „Ungeschminkt“ fokussiert.
Die Verwandlung zur Bühnenfigur ist zentral für die Geschichte. Wie haben Sie sich körperlich und mental auf diese Transformation vorbereitet?
Ich komme ja vom Theater, habe jahrelang in Hamburg am Thalia-Theater gespielt. Von daher ist mir das Performen auf Bühnen nicht fremd. Ich habe mich beim Drehen der verschiedenen Olivia-Auftritte sehr wohl gefühlt und das total genossen. Neu war für mich das Tanzen auf High Heels. Da hilft dann nur üben, üben, üben bis man sich sicher und grazil auf den Dingern bewegen kann.
Mit Annette Frier spielen Sie intensive Familienszenen. Wie wichtig ist diese Mutter-Sohn-Beziehung für das emotionale Fundament des Films?
Die Beziehung zu seiner Mutter ist extrem prägend für Olivers ganzes Leben und somit auch für unseren Film. Die Ablehnung, die er durch sie erfährt, die damit einhergehende Enttäuschung und Trauer auf der einen Seite. Aber auch die große Liebe zu seiner Mutter, sein Bemühen um sie und das niemals Aufgeben auf der anderen Seite. Das alles trägt sehr zum späteren Selbstverständnis von Olivia Jones bei.
Travestie ist im Film nicht nur Kunstform, sondern auch Ausdruck von Identität. Welche Bedeutung hat diese Dimension für Ihre Darstellung gehabt?
Eine sehr große Bedeutung. Oliver findet über die Travestie die Möglichkeit sich auszudrücken, ein Selbstverständnis zu entwickeln. Sie gibt ihm Bestätigung, Selbstvertrauen und auch Zuneigung nach der er sich so sehr sehnt. Travestie, oder heutzutage Drag, ist politisch, empowernd und unterhaltend. Mir ist nochmal bewusst geworden, welche Wucht diese Kunstform hat, welche Kraft sie geben kann und wie wichtig sie beim Kampf für Freiheit und Selbstbestimmung war und ist.
«Olivia» erzählt auch von Toleranz und gesellschaftlicher Veränderung. Glauben Sie, dass der Film heute eine besondere Relevanz hat?
Es gab in den letzten Jahrzehnten zum Glück eine gesellschaftliche Entwicklung hin zu mehr Offenheit, Akzeptanz und Toleranz gegenüber nicht heteronormativen Lebensentwürfen. Aber diese Entwicklungen sind hart erkämpft worden und leider nach wie vor nicht einfach selbstverständlich. Und momentan hat man eher den Eindruck, dass diese Entwicklung rückläufig ist. Das gesellschaftliche Klima wird wieder rauer. Hass, Ablehnung und Unverständnis gegen queere Menschen nehmen eher zu als ab. Deswegen hat dieser Film ganz klar auch heute eine große Relevanz.
Olivia Jones ist heute eine bekannte öffentliche Figur – Sie erzählen aber vor allem den Weg dorthin. Was war Ihnen wichtiger: die Ikone zu zeigen oder den verletzlichen Menschen davor?
Als Schauspieler interessiert es mich natürlich mehr den Menschen zu spielen als nur die Ikone. Ich hatte viel Spaß mich auch Olivias typischer Sprechweise, ihrer Gestik und ihren Bewegungen anzunähern. Aber am Ende geht es darum eine berührende Figur zu zeigen, die voller widersprüchlicher Gefühle, Ängste, Träume und Sorgen ist. Ein Mensch mit dem man sich identifizieren kann.
Danke für Ihre Zeit!
Das ZDF zeigt «Olivia» am Mittwoch, den 13. Mai, um 20.15 Uhr. Bereits seit 5. Mai kann der Film beim ZDF gestreamt werden.
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