In «Nürnberg» verkörpert Tom Keune den NS-Funktionär Robert Ley und erklärt im Gespräch, warum er bewusst jede Form von Empathie mit der Figur vermeiden wollte.
Herr Keune, Sie sagen über Robert Ley: „Ich will, dass die Zuschauer ihn verurteilen.“ Wie verändert dieser Ansatz Ihre schauspielerische Arbeit im Vergleich zu anderen Rollen?
Es dreht meinen schauspielerischen Ansatz im Vergleich zu anderen Rollen um 180 Grad, was die Publikumswirkung betrifft. Robert Ley ist ein Charakter ohne Schuldbewusstsein, unerschütterlich in seinem Glauben, moralisch im Recht zu sein. Solche Menschen sind nicht erreichbar. Genau das hat mich interessiert: nicht, ihn verständlich oder entschuldbar zu machen, sondern seine Gefährlichkeit zu zeigen. Einen radikalen Dogmatisten, der Macht hatte und keinen Zweifel zuließ. Einem Charakter versuche ich mich normalerweise auf einer anderen Ebene zu nähern. Ich versuche mich – so gut es geht – in diesen Menschen hineinzuversetzen, ihn zu verstehen, dem Publikum die Verurteilung möglichst schwer zu machen, weil es seine Perspektive versteht. Auch wenn er der klassische Schurke ist. Das war bei Robert Ley nicht mein Ziel.
Schauspiel bedeutet oft, auch für Antagonisten Verständnis zu entwickeln. Wo lag bei Robert Ley die Grenze zwischen psychologischer Annäherung und bewusster Distanz?
Es handelt sich ja bei dem Charakter um eine historische Person, von der viel überliefert wurde. Die Kombination aus fundamentaler Ideologie, Alkoholsucht und seiner unfallbedingten Stirnlappenschädigung, gab schon einiges an Futter. Dazu die überlieferte Einschätzung von dem Psychiater Dr. Kelley, dem in seinen Sitzungen ein komplett unberechenbarer und von Stimmungsschwankungen geprägter Dr. Ley begegnet ist. Das heißt, das was Ley mitbringt ist das, was ich eigentlich ebenfalls sonst in meiner Charakterarbeit vermeide: Komplette Zuständlichkeit. Nicht die Reflektion eines Zustands, nicht der Kampf, um in einen Zustand zu gelangen, nicht der Kampf, um ihn zu überwinden. Das gab mir auf der einen Seite sehr viel Spielmöglichkeiten, auf der anderen Seite musste ich mich gar nicht um Distanz bemühen. Die hat sich von vornherein eingestellt.
Ley entzog sich dem Prozess durch Suizid. Wie haben Sie diesen historischen Umstand in Ihre Figurenarbeit einbezogen?
Sein Suizid ist für ihn die logische Konsequenz. Er lässt sich nicht verurteilen, weil er sich nicht für schuldig hält. Das ist die Quintessenz seines Charakters. Er ist bis zum Ende davon überzeugt, richtig gehandelt zu haben und der richtigen Ideologie zu folgen. Ohne zu viel zu verraten ist die Art seines Suizids der Beweis für seinen starken Willen und seine unerschütterlichen Glaubenssätze.
«Nürnberg» erzählt einen historischen Wendepunkt: Erstmals wurden Kriegsverbrecher international juristisch belangt. Welche Verantwortung spürt man als deutscher Schauspieler in einem solchen Stoff?
Eine große. Eine so große, dass ich tatsächlich länger überlegt habe, ob ich das Projekt zusage, oder nicht. Ich habe schon einige Castings zu Filmen mit NS-Inhalten abgelehnt. In diesem Fall hat mich das Script überzeugt. Und auch die Buchvorlage von Jack El-Hai „Der Nazi und der Psychiater“ hat mich gefesselt. Beim zweiten Casting mit Regie und Produktion hab ich mich ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt und gesagt, dass ich mich freuen würde, die Rolle zu spielen. Aber das ich das nur auf eine Weise tun kann. Wenn sie die Figur anders erzählen wollen, wäre das natürlich legitim, aber dann würde ich das nicht spielen. Nach dem Casting hab ich dann gedacht: Okay, das wars! Aber das wäre auch total okay gewesen. Ich wollte da keinen Kompromiss und auch am Set keinerlei inhaltliche Diskussion, was die Figur betrifft. Wenn ich so was spiele, muss ich das vollumfänglich unterschreiben können.
Sie spielen an der Seite von Russell Crowe als Hermann Göring und Rami Malek. Wie war die Zusammenarbeit in einem internationalen Ensemble – auch im Hinblick auf unterschiedliche historische Perspektiven?
Da es mein erster internationale Film war, kann ich da natürlich keine Regel ableiten. Vielleicht läuft es immer so, vielleicht war es eine Ausnahme, ich kann nur sagen, dass mich die Augenhöhe, die Professionalität, der Respekt und die Unterstützung aller Gewerke und Kollegen sehr beeindruckt hat. Durch die oben beschriebene Casting-Situation hatte ich ehrlich gesagt kurz Respekt vor der eigenen Courage. Denn wenn man so ein breites Kreuz behauptet, muss man ja auch liefern. Glücklicherweise konnte ich aber direkt in meiner ersten Szene emotional extrem in die Vollen gehen. Das hat mir ein solides Fundament für alle weiteren Drehtage gebaut und zu meiner Freude auch dazu geführt, dass die Figur noch weiter entwickelt wurde. Was die unterschiedliche historische Perspektive betrifft: Ich bin mit dem Wissen um die furchtbaren Verbrechen der NS-Diktatur groß geworden. Wir haben uns in Geschichte mit dieser Zeit umfassend befasst, haben auf einer Stufenfahrt Dachau besucht, kollektiv mit der Schule damals Schindlers Liste geguckt. Das Original Filmmaterial, das während des Prozesses im Film zu sehen ist, war mir bekannt. Es ist nach wie vor unerträglich und macht mich ohnmächtig wütend, aber es war mir bekannt. Und ich war verwundert, dass sehr viele internationale Kollegen, ob aus den Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada, Vereinten Königreich oder Ungarn, solche Aufnahmen noch nie gesehen hatten. Nun war ich selbst bei den Drehtagen im Gerichtssaal aus bekannten Gründen nicht dabei. Ein deutscher Kollege hat mir aber die schockierten Reaktionen geschildert und wurde auch mit der Frage konfrontiert, wie man als Deutscher mit dieser Vergangenheit lebt. Seine Antwort: mit Aufarbeitung und Auseinandersetzung. Und das kann ich nur unterschreiben.
Der Film entsteht unter der Regie von James Vanderbilt, der als Drehbuchautor komplexe politische Stoffe kennt. Welche Tonalität war für die Darstellung von Ley vorgegeben – eher nüchtern, konfrontativ oder psychologisch zugespitzt?
Ich kann nicht sagen, welcher der drei Begriffe es am besten trifft. Die Arbeit mit James Vanderbilt war sehr eng und auf Augenhöhe. Wir haben uns anhand von Originalreden Leys Tonfall genähert und seinen Fanatismus als Fundament gelegt, an Sätzen gefeilt, an Worten. Er hat mir da ein großes Vertrauen entgegengebracht. Mir ging es aber nicht darum, ihn gestisch oder sprachlich genau zu treffen. Ich habe mich damit kaum auseinandergesetzt. Sonst wäre ich in die Gefahr gelaufen, in die Imitation zu rutschen oder in eine Dialektshow abzudriften. Vielleicht trifft es die Spannbreite von infantil bis unberechenbar impulsiv am besten.
Sie leben heute offen in einer Regenbogenfamilie – ein Lebensentwurf, der vom NS-Regime systematisch verfolgt wurde. Hat dieser biografische Hintergrund Ihre Haltung gegenüber der Figur Robert Ley beeinflusst?
Nein. Selbst wenn ich nicht in dieser Familienkonstellation leben würde, hätte ich keine andere Haltung. Die intensive Beschäftigung mit einer Originalrede von Robert Ley, die fast wortgleich in eine Szene übernommen wurde, hat mich kurz fassungslos gemacht – wegen der Eindeutigkeit der Geisteshaltung und der offenen Anstachelung. Neu war mir das nicht, aber die Direktheit war erschreckend. Meine Abscheu könnte nicht größer sein, unabhängig jeglicher Lebensentwürfe oder Familienformen.
Wie vermeidet man es, einer historisch so eindeutig belasteten Figur ungewollt Charisma oder Faszination zu verleihen?
Ich möchte da jetzt keine Blaupause erstellen, da gibts ja sicher individuelle Zugänge und Wege. Mein Weg war: Ich lasse ihn nicht zweifeln. Mein Ziel war es, nicht eine Sekunde lang die Hoffnung zu säen, dass er etwas verstanden hat oder ein Schuldgefühl entwickelt. Sollte das Publikum Mitleid mit ihm verspüren, wäre ich gescheitert. Ich sehe meine Aufgabe als Schauspieler darin, meine persönliche Eitelkeit von meiner zu spielenden Rolle strikt zu trennen. Wenn sich das in einer RomCom vermischen sollte… okay. Nicht das Ziel aber auch nicht dramatisch. Die eigene Eitelkeit in so einer Rolle und in so einem historischen Kontext nicht außen vor lassen zu können, wäre hingegen fahrlässig.
Historienfilme laufen immer Gefahr, Täterfiguren dramaturgisch zu „interessant“ zu machen. Wie schafft man es, historische Genauigkeit und moralische Klarheit in Balance zu halten?
Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Frage richtig verstehe. Die historische Genauigkeit habe ich versucht, mit überlieferten Fakten zu erreichen, die moralische Klarheit mit meinen Werten. Aber es ist nicht meine Aufgabe als Schauspieler, eine Wertung mitzuspielen. Der Charakter dient für mich immer als Projektionsfläche für das Publikum. Dort muss meiner Meinung nach die Wertung stattfinden. Ich bin mit einem sehr klaren Bewusstsein für die historische Verantwortung und die Ideologie dieser Zeit in die Vorbereitung gegangen. Diese fehlende Naivität hat mir geholfen, einen sicheren Abstand zu halten. Ohne die Taten von meinem Charakter zu verharmlosen.
Wenn das Publikum nach dem Kinobesuch über Robert Ley spricht – was soll idealerweise hängenbleiben: Abscheu, Erkenntnis, historische Einordnung?
Der Film läuft ja bereits weltweit und ein paar Rückmeldungen gibts daher schon. Unter anderem schrieb mir jemand, dass die Figur Robert Ley bei ihm „wie so ein ganz schlechter Geschmack lange hängen bleibt“. Besser gehts nicht.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
«Nürnberg» ist ab 7. Mai in deutschen Kinos zu sehen.
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