Ein Serienkiller, zwei Identitäten und sehr viel Kunstblut: Dieser Thriller wurde 2007 zum Karriere-Tiefpunkt von Lindsay Lohan und später zum Kultfall.
«I Know Who Killed Me» respektive «Ich weiß, wer mich getötet hat» ist einer dieser Filme, bei denen man schon nach wenigen Minuten ahnt, dass hier nicht einfach ein Thriller entgleist ist, sondern ein kompletter Zug in Zeitlupe von der Brücke fährt. Lindsay Lohan spielt darin gleich zwei Rollen: Aubrey Fleming, eine brave Klavierschülerin aus gutem Haus, und Dakota Moss, eine Stripperin, die behauptet, nicht Aubrey zu sein. Nachdem Aubrey von einem Serienkiller entführt und verstümmelt wurde, taucht eine junge Frau wieder auf, der eine Hand und ein Bein fehlen. Alle halten sie für Aubrey. Sie selbst besteht darauf, Dakota zu sein.
Was folgt, ist ein wilder Mix aus Serienkillerfilm, Folterhorror, Twin-Peaks-Atmosphäre, Giallo-Farben und Esoterik über angeblich miteinander verbundene Zwillinge. Der Film badet in Blau und Rot, als wolle er Dario Argento zitieren, erzählt aber eine Geschichte, die immer abstruser wird. Am Ende stellt sich heraus: Aubrey und Dakota sind tatsächlich Zwillinge, die getrennt wurden, und Dakota kann Aubrey über eine Art körperliche Verbindung spüren. Das ist so kühn wie albern und genau diese Mischung machte den Film zunächst zum Gespött.
Der Kinostart war ein Desaster. Weltweit spielte «I Know Who Killed Me» nur rund 9,7 Millionen Dollar ein und wurde von der Kritik regelrecht zerlegt. Bei Rotten Tomatoes liegt der Film bei neun Prozent, Metacritic kam auf 16 von 100 Punkten, und das Publikum vergab laut CinemaScore sogar die seltene Note F. Bei den Goldenen Himbeeren gewann der Film sieben Preise, darunter schlechtester Film, schlechteste Regie, schlechtestes Drehbuch und schlechteste Schauspielerin – wobei Lindsay Lohan gleich doppelt ausgezeichnet wurde.
Für Lohan fiel der Film in eine besonders schwierige Phase. Während der Produktion wurde sie mehrfach von persönlichen Problemen, Klinikaufenthalten und massiver Boulevard-Berichterstattung begleitet. Sie konnte den Film wegen einer Festnahme kurz vor dem Start kaum bewerben. Rückblickend ist schwer zu trennen, was am Film selbst verrissen wurde und was an der damaligen medialen Lust, Lohan öffentlich scheitern zu sehen. Gerade deshalb wurde «I Know Who Killed Me» später neu gelesen: als Film über eine junge Frau, deren Körper, Identität und öffentliches Bild zerlegt werden. Lohan selbst verschwand danach nicht, ihre Karriere veränderte sich aber deutlich. Nach Jahren mit kleineren Projekten, TV-Auftritten und Schlagzeilen gelang ihr bei Netflix ein sichtbares Comeback mit romantischen Komödien wie «Falling for Christmas» und «Irish Wish». Aus dem ehemaligen Teen-Star wurde eine Darstellerin, deren Rückkehr inzwischen selbst Teil ihrer öffentlichen Erzählung ist.
Regisseur Chris Sivertson blieb dem Genre treu. Er drehte später unter anderem «All Cheerleaders Die», «Heartthrob» und weitere Thriller- und Horrorstoffe. Interessant ist, dass er «I Know Who Killed Me» nie bloß als Schrott betrachtete, sondern als bewusst stilisiertes, surreales Märchen mit Hitchcock-, De-Palma- und Lynch-Einflüssen. 2019 sprach er sogar von einer deutlich längeren, rund dreieinhalbstündigen Fassung, in der vor allem Ermittlungs- und FBI-Szenen ausführlicher gewesen seien. Drehbuchautor Jeff Hammond wurde durch diesen Film nicht gerade zum gefragten Hollywood-Namen. Später erklärte er jedoch, viele der Widersprüche seien Absicht gewesen: Der Film solle campy und ernst, künstlich und brutal, absurd und emotional zugleich sein. Dass gerade diese Unentschiedenheit 2007 als totale Unfähigkeit gelesen wurde, passt zur Rezeptionsgeschichte.
Auch die Nebenbesetzung ist rückblickend erstaunlich prominent. Julia Ormond spielte weiter in Film und Fernsehen, Neal McDonough blieb ein vielbeschäftigter Charakterdarsteller in Serien, Actionfilmen und Comic-Adaptionen, Brian Geraghty war später unter anderem in «Boardwalk Empire», «Chicago P.D.» und «Big Sky» zu sehen. Kameramann John R. Leonetti arbeitete später als Regisseur und Kameramann weiter, unter anderem im Horrorbereich. Komponist Joel McNeely erhielt für seine Musik sogar Lob – ausgerechnet bei einem Film, der sonst fast überall durchfiel.
Warum war «I Know Who Killed Me» so schlecht? Weil er zu viele Filme gleichzeitig sein will. Er möchte Serienkillerthriller, Folterhorror, psychologisches Drama, Kunstkino und Märchen sein. Er erklärt zu viel und zugleich zu wenig. Er nimmt seine verrücktesten Ideen völlig ernst und wirkt dadurch unfreiwillig komisch. Aber genau das macht ihn heute interessanter als viele glattere Fehlgriffe. Inzwischen wird der Film immer wieder als moderner amerikanischer Giallo neu bewertet. Programmkinos, Festivals und Kritiker entdeckten seine künstliche Farbdramaturgie, seine kaputte Star-Persona und seine groteske Symbolik neu. Aus dem angeblichen Karriere-Tiefpunkt wurde kein Meisterwerk, aber ein faszinierender Unfall.
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