PIXL VISN-Gründer Andrei Stirbu: ‚Qualität hat viel mit Technologie und Budget zu tun‘

Seine Akademie gilt als beste VFX-Schule der Welt: Andrei Stirbu erklärt, warum Ausbildung heute global funktioniert, welche Rolle KI spielt – und weshalb echte Emotionen nicht digital ersetzt werden können.

Herr Stirbu, Ihre Akademie wurde 2025 zur besten VFX-Schule der Welt gekürt – wie erklären Sie sich diesen internationalen Erfolg ausgerechnet von Köln aus?
Der internationale Erfolg beruht vor allem darauf, dass die Bewertung als beste VFX-Schule ausschließlich auf der Qualität der Arbeiten unserer Studenten basiert. Besonders dabei ist, dass unsere Studenten direkt von aktiven Profis aus der Branche lernen. Sie werden online unterrichtet von Artists z.B. aus Kalifornien, London oder Vancouver, und arbeiten damit von Anfang an auf internationalem Standard.

Der Standort spielt eine Rolle, aber vielleicht anders, als viele denken. Unsere Studenten kommen aus der ganzen Welt nach Köln. Für sie und ihre Familien ist wichtig, dass die Stadt während der Ausbildung bezahlbar, sicher und lebenswert ist. Genau das bietet Köln und schafft damit die Voraussetzung, sich wirklich auf die Ausbildung zu konzentrieren. Dass rund 70 Prozent unserer Studenten extra dafür hierherziehen, zeigt, wie entscheidend dieser Faktor ist.

Sie haben selbst viele Jahre in Kanada in der Branche gearbeitet. Was hat Sie dazu bewogen, nach Deutschland zu kommen und hier eine eigene Akademie aufzubauen?
Meine Familie und ich kommen ursprünglich aus Rumänien. Bevor wir nach Kanada gezogen sind, haben wir einige Jahre in Leverkusen gelebt, von 1990 bis 1994. Diese Zeit hat mich sehr geprägt und ist mir bis heute in guter Erinnerung geblieben.

Als mein Geschäftspartner Robb und ich beschlossen, eine Schule für digitale Produktion zu gründen, habe ich Deutschland ins Spiel gebracht. Bei genauerem Hinsehen wurde schnell klar, dass es hier keine Bildungseinrichtung gab, die mit der Qualität nordamerikanischer Schulen mithalten konnte. Es gab zwar Angebote im Bereich 3D, VFX oder Games, aber nichts auf vergleichbarem Niveau. Für uns war das nicht nur eine Lücke, sondern auch eine echte Chance, etwas aufzubauen, das wir uns selbst früher gewünscht hätten.

PIXL VISN bildet Talente aus, die später an Produktionen wie «Game of Thrones» oder «The Mandalorian» arbeiten. Wie nah ist Ihre Ausbildung tatsächlich an der Realität großer Studios?
Das ist wahrscheinlich unser größter Vorteil. Bei uns unterrichten ausschließlich aktive Branchenprofis, also Menschen, die täglich in großen Produktionen arbeiten. Insgesamt sind es rund 42 Dozenten und Mentoren aus Studios wie Disney, ILM, WETA, Ubisoft oder EA. Dadurch entsteht eine Ausbildung, die sich sehr nah an der Realität orientiert. Für die Studios ist das ein wichtiger Punkt, denn sie wissen, dass unsere Absolventen nicht nur theoretisches Wissen mitbringen, sondern genau verstehen, wie in der Praxis gearbeitet wird.

Viele Zuschauer unterschätzen, wie viel VFX in modernen Produktionen steckt. Wie hoch ist der Anteil digitaler Effekte heute wirklich?
Ein Blick zurück zeigt, wie stark sich die Branche verändert hat. 1993 kam «Jurassic Park» in die Kinos, ein Meilenstein, vor allem wegen der ersten 3D Dinosaurier. Was viele nicht wissen, insgesamt sind dort nur etwa sechs Minuten digitale Dinosaurier zu sehen. Der Rest wurde mit klassischen Animatronik-Techniken umgesetzt. Heute ist das kaum noch vorstellbar. In modernen Produktionen wird nahezu jedes Bild digital bearbeitet. Bei einem Film wie «Avengers Endgame» waren rund 2000 Künstler aus 13 Studios weltweit beteiligt. Das zeigt, wie zentral VFX inzwischen für das Erzählen von Geschichten geworden ist.

Hat sich die Bedeutung von VFX durch Streamingdienste wie Netflix oder Disney+ noch einmal verändert?
Ich würde sagen, eigentlich nicht. Es ist im Grunde derselbe Job, nur in größerem Umfang. Mit dem technologischen Fortschritt wird es immer günstiger, gute Qualität zu produzieren, was vor allem kleineren Produktionen zugutekommt, die keine 300 Millionen Dollar für einen Film ausgeben möchten.

Viele denken, Qualität hängt vor allem davon ab, wie talentiert ein Studio ist. In Wirklichkeit hat sie sehr viel mit Technologie und Budget zu tun. Je höher das Budget, desto mehr Zeit steht für Qualität zur Verfügung. Und je besser die Technologie, desto effizienter kann man diese Qualität erreichen.
Ein Punkt, der oft unterschätzt wird, ist die sogenannte Pipeline. Also wie die Arbeit organisiert wird und wie sie zwischen Artists, Supervisors und Kunden hin und her geht. Eine gut funktionierende Pipeline ist für die Qualität und Effizienz eines Projekts extrem wichtig.

Ihre Studierenden durchlaufen eine 18-monatige Intensivausbildung. Was unterscheidet Ihr Konzept von klassischen Film- oder Designstudiengängen?
Ich würde sagen, fast alles. Und wir unterscheiden uns nicht nur, in vielen Bereichen sind wir eigentlich das genaue Gegenteil. Klassische Studiengänge sind meist länger angelegt, unsere Ausbildung ist bewusst kompakt. Dort steht oft Theorie im Vordergrund, bei uns geht es vor allem um praktische Arbeit. Während traditionelle Hochschulen großen Wert auf Abschlüsse wie einen Bachelor legen, ist für uns entscheidend, dass unsere Absolventen tatsächlich einen Job in der Branche bekommen. Wir sind nicht einmal staatlich anerkannt. Und ein weiterer wichtiger Unterschied ist, dass wir nicht mit klassischen Lehrern oder Professoren arbeiten, sondern ausschließlich mit aktiven Branchenprofis.

Welche Fähigkeiten sind heute entscheidend, um in der internationalen VFX-Industrie erfolgreich zu sein?
Viele sehen die Branche vor allem als kreatives Feld, und Kreativität ist natürlich wichtig. Wer jedoch langfristig erfolgreich sein möchte, braucht auch ein starkes technisches Verständnis.

Entscheidend ist das Verständnis für Prozesse und Workflows. Wer Abläufe optimieren kann, Tools entwickelt und die Arbeit für Teams effizienter gestaltet, ist in der Branche besonders gefragt. Die VFX-Welt ist voller kreativer Menschen. Wer zusätzlich Strukturen schafft, die anderen helfen, besser zu arbeiten, bringt einen echten Mehrwert.

Die Branche gilt als kreativ, aber auch extrem fordernd. Wie bereiten Sie Ihre Studierenden auf den Arbeitsdruck in großen Produktionen vor?
Das passiert bei uns fast automatisch. Durch die enge Zusammenarbeit mit Branchenprofis erleben die Studenten von Anfang an, wie der Arbeitsalltag aussieht. Außerdem geht es bei uns nicht um Noten. Die Studenten arbeiten an eigenen Projekten, die ihnen wirklich wichtig sind. Viele investieren freiwillig 45 bis 60 Stunden pro Woche, einfach weil sie dafür brennen und ihre Ideen umsetzen wollen. Am Ende zählt nicht die Note, sondern ob man die Arbeit eigenständig umsetzen kann. Studios interessieren sich für die Projekte und die angewandten Techniken, nicht für Noten.

Deutschland ist nicht unbedingt als VFX-Hochburg bekannt. Woran liegt das – und ändert sich das gerade?
Aus Sicht der breiten Öffentlichkeit stimmt das. International betrachtet steht Deutschland jedoch besser da, als viele denken. Nordamerika ist inzwischen sehr teuer geworden, wenn es um Film oder Spieleproduktionen geht. Deutschland ist zwar kein Niedriglohnland, aber dennoch attraktiv genug für viele Produktionen. Ein Teil vieler bekannter Filme und Serien entsteht auch hier, in Städten wie Köln, Frankfurt, Stuttgart, Berlin oder München. Dazu gehören unter anderem «Avengers», «Guardians of the Galaxy», «Game of Thrones», «Fallout» oder «The Mandalorian».

Ihre Absolventinnen und Absolventen arbeiten weltweit. Bleibt Deutschland für viele trotzdem nur eine Ausbildungsstation?
Das Gegenteil ist der Fall. Rund 80 Prozent unserer Absolventen bleiben in Deutschland und arbeiten hier. Die Branche ist hier größer und vielfältiger, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Einige Beispiele aus der deutschen VFX-Industrie:
Trixter: https://www.trixter.de/projects/
Rise: https://www.risefx.com/rise-visual-effects-studios-work-projects.php
bepic: https://bepic.studio/work/

Künstliche Intelligenz verändert aktuell viele kreative Berufe. Welche Auswirkungen hat sie auf die VFX-Industrie?
Unsere Branche hat sich schon immer gemeinsam mit neuen Technologien weiterentwickelt, und KI ist da keine Ausnahme. Ich glaube, man muss diese Frage in zwei Teile aufteilen. Zum einen, was aktuell mit KI passiert, und zum anderen, was in Zukunft passieren wird.

Im Moment wird KI bereits in der Branche eingesetzt, allerdings nicht so, wie viele es sich vorstellen. Sie ist vor allem ein Werkzeug, das Artists dabei hilft, schneller zu arbeiten, sodass sie sich stärker auf die Details konzentrieren können, die am Ende wirklich den Unterschied machen.

Wenn man auf die Zukunft blickt, könnte man sagen, sie ist eigentlich schon da. Auf Plattformen wie Instagram oder TikTok sieht man bereits heute, zu welchen Ergebnissen KI in der Lage ist. Aber wenn man genauer hinschaut, fällt auf, dass es trotz dieser beeindruckenden Entwicklungen keinen wirklich relevanten Kurzfilm gibt, der komplett mit KI erstellt wurde. Nicht einmal im Bereich von zehn oder fünfzehn Minuten. Warum ist das so?

Die Branche hat schon vor längerer Zeit verstanden, dass sich das Publikum emotional nicht mit rein KI generierten Inhalten verbindet. Wir gehen nicht ins Kino, um einfach nur schöne Bilder zu sehen. Wir gehen ins Kino, weil wir etwas fühlen wollen. Wenn ein Film wie «Avatar» komplett von KI erstellt wäre, würde er wahrscheinlich nicht dieselbe Wirkung haben. Das gilt genauso für Musik, Games und viele andere Bereiche, in denen Emotion eine zentrale Rolle spielt.

Gibt es Bereiche innerhalb von VFX, die in den kommenden Jahren besonders stark wachsen werden?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Studios weiterhin versuchen werden, KI gezielt einzusetzen, um Artists zu unterstützen. In vielen Bereichen kann sie Arbeitsprozesse deutlich erleichtern und beschleunigen. Gleichzeitig ist sie aber auch eine Technologie, mit der man sehr vorsichtig umgehen muss. Am Ende stellt sich die Frage, wie viel KI und wie viel menschliche Arbeit das Publikum überhaupt akzeptiert. Im Moment reagieren viele Zuschauer schon sehr sensibel, selbst auf kleinste Anteile von KI in einer Produktion. Ob sich diese Haltung in Zukunft verändert, bleibt abzuwarten.

Schauen Sie auch Rohmaterial an und wundern sich, dass nur noch im Greenscreen gedreht wird?
Greenscreen ist mittlerweile fast schon eine ältere Technik. Heute setzt man immer häufiger auf Virtual Production. Dabei werden digitale Umgebungen in Echtzeit auf großen LED-Wänden dargestellt. Das eröffnet ganz neue kreative Möglichkeiten und verändert die Art, wie Geschichten visuell umgesetzt werden. Wie Virtual Production funktioniert, kann man sehr gut in diesem Video sehen:



Wenn Sie auf Ihre eigene Karriere zurückblicken: Was war der entscheidende Moment, der Sie geprägt hat?
Es gab keinen einzelnen ausschlaggebenden Moment, sondern eine Reihe prägender Erfahrungen: mein Einstieg in die Filmbranche, meine Zeit als Supervisor und schließlich die Gründung von PIXL VISN. Besonders formend waren jedoch die Anfangsjahre der Akademie. Mein Geschäftspartner Robb und ich sind mit 100.000 Euro in einem völlig neuen Umfeld gestartet. Diese ersten Jahre waren anspruchsvoll und von vielen Herausforderungen geprägt aber genau diese Phase hat uns nachhaltig gestärkt und den Grundstein für alles Weitere gelegt.

Und ganz grundsätzlich: Was fasziniert Sie persönlich bis heute an der Arbeit mit digitalen Welten?
Seit der Gründung von PIXL VISN arbeite ich selbst nicht mehr direkt in der Produktion. Was mich heute antreibt, ist die Entwicklung unserer Studenten. Jemanden auf einer Messe kennenzulernen und ihn später im Abspann von «Game of Thrones» wiederzufinden, ist ein ganz besonderes Gefühl. Unsere Studenten haben eine sehr persönliche Verbindung zu uns. PIXL VISN ist für sie mehr als nur eine Schule. Es ist der Einstieg in eine Branche, für die viele von ihnen eine echte Leidenschaft entwickeln.

Vielen Dank für Ihre Zeit!
24.04.2026 12:35 Uhr Kurz-URL: qmde.de/171067
Fabian Riedner

super
schade


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Game of Thrones The Mandalorian Jurassic Park Avengers Endgame Avengers Guardians of the Galaxy Fallout Avatar

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