Im September 1994 startete die Kult-Serie «Friends». 30 Jahre später spricht Mario Thunert mit Chandler-Sprecher Michael Iwannek über die Anfänge, Entwicklungen in der Synchro-Branche, und das tragische Schicksal von Matthew Perry.
Herr Iwannek, neben Matthew Perry vertonen Sie Zach Galifianakis, Jon Favreau und Figuren in «The Office», «Young Sheldon», «Two and a half men» und vielen mehr. Würden Sie trotzdem sagen, dass die Synchronisation des Chandler Bing Ihre bisher prägendste war?
Zu der Zeit war «Friends» natürlich der absolute Hammer. Das schoss dann auf einmal total durch die Decke in Amerika. Ich begann bereits kurz nach dem Mauerfall als Synchronschauspieler zu arbeiten, aber das war natürlich die Rolle, die am bekanntesten war. Dadurch wurden bestimmte Leute überhaupt erst auf mich als Synchronsprecher aufmerksam.
Damals hatte Synchron-Arbeit nicht diesen Stellenwert, den es heute hat, beispielsweise durch Social-Media. Da wussten geschätzt 50 – 60 Prozent überhaupt nicht, was Synchronisation ist. Durch solche Kanäle werden Synchronsprecher heutzutage schon eher mal gehyped oder in den Mittelpunkt gerückt, früher war man total hinter dem Vorhang.
Würden Sie sagen, dass die Figur Chandler auch vom Anspruch her Ihr Highlight war, oder würden Sie da eher eine Ihrer anderen Rollen sehen, die sie gesprochen haben?
Da gabs sicherlich noch andere Sachen, die wahrscheinlich anspruchsvoller waren und nicht so bekannt sind. Aber
einer meiner Höhepunkte war es schon. Ich bekam dadurch jedenfalls eine ganz andere Präsenz in der Branche, was durch den Boom Mitte der 90er verstärkt wurde, als Leo Kirch viele Serien einkaufte und vertonen ließ - eine Zeit, in der die Synchronisation von Serien und Sitcoms richtig durchgestartet ist.
Viele Künstler*innen sind genervt, wenn Sie immer wieder auf die eine Rolle angesprochen werden, weil das zwar Kult, aber auch die Gefahr der Reduzierung darauf beinhaltet...
Also jetzt mit etwas Abstand freut es mich. Wir «Friends»-Sprecher hatten beispielsweise eine Anfrage von einem Hochzeitspaar, das die Serie sehr liebte. Für die haben wir dann extra ein Friends-Special eingesprochen. Eine riesige Überraschung und das Größte, was die erlebt haben.
Bevor Sie 1996 mit Ihrer Arbeit an «Friends» starteten, waren Sie unter anderem für «Mord ist ihr Hobby», «Law & Order» und «Akte X» tätig. War das dann eine Umstellung, als Sie in den komödiantischen Bereich kamen?
Naja, das Komische lag mir auch schon vor «Friends». Es gab beispielsweise die Sitcom «Head Of The Class» (86-91), da habe ich mit vielen inzwischen bekannten Sprechern eine Klasse jugendlicher Schüler synchronisiert.
Grundsätzlich bin ich nach meiner Gesangsausbildung in die Branche gerutscht, indem ich zunächst Musicals synchronisiert habe. Im Vorfeld dachte ich noch, dass ich mal Sänger werden würde, dafür hätte ich allerdings in die Provinz gemusst. Ich wollte aber Berlin in der Aufbruchstimmung nach der Wende nicht verlassen und Teil sein des 'Wind of Change'. Dort habe ich schließlich den Synchro-Weg weiter beschritten und das Gesangliche vernachlässigt.
Können Sie konkret schildern, wie Sie dann zu «Friends» kamen, beziehungsweise wie das Projekt an Sie herangetragen wurde?
Es wurde wie üblich ein Casting gemacht. Weil man in Branchenkreisen schon grob wusste, wer für welche Rollen in Frage kommt, kamen nur 3-4 Anwärter auf eine Figur, für die sie dann vorsprachen. Über die Jahre sind es oft die selben, die zur Ausscheidungs-Runde kommen.
Also das Synchronisationsstudio für das Sie bereits tätig waren, hatte Sie dann direkt in diesen Auswahlkreis gezogen?
Genau so ist das. Ich selbst wusste zunächst ja gar nicht, was dieses «Friends» ist. Es gab kein Internet, wo man sich im Vorhinein informieren konnte. Mittlerweile werden die internationalen Neustarts ja im Netz angekündigt und besprochen. Damals war das alles viel jungfräulicher. Das hatte wiederum auch einen gewissen Reiz, weil man einfach unbefangen an die Sache ran ging.
Aber gab es nicht zumindest Ausschnitte, mit denen Sie sich vorbereiten konnten fürs Vorsprechen?
Nein, man ist da einfach hin und hat das aufgenommen. Heute bekommt man im Vorfeld kein Material, weil das alles unter Geheimhaltung steht, damit nichts an die Medien gelangt. Damals hingegen hätte man etwas bekommen können, wenn man gefragt hätte. Aber die guten Leute hatten eher den Anspruch, das aus dem Hut zu zaubern. Nach ein paar Staffeln hat mir dann natürlich schon die Routine geholfen, die Rolle immer besser kennenzulernen.
Das heißt, auf den Stil und Duktus von Perrys Chandler mussten Sie sich anfangs spontan intuitiv einstellen...
Absolut! Das ist beim Synchron glaube ich das Geheimnis – da muss man in die Rolle reinschlüpfen und möglichst versuchen, den Gestus zu treffen. Eben ohne, dass es gewollt klingt - genau das ist das Schwere. Es ist von Vorteil, wenn man als Synchronschauspieler ein Talent zur Imitation hat, um eine gewisse Tonalität nachzuempfinden und weiterzugeben.
Es war also Ihr Ansatz, am Spiel und auch am akustischen Ausdruck von Matthew Perry zu partizipieren.
Richtig. Also das, was ich da sehe, so zu transportieren, wie ich es empfinde.
Als Sie zum ersten Mal gesehen haben, wie Matthew Perry seine Rolle spielt, haben Sie das direkt als etwas Spezielles oder gar Besonderes empfunden?
Ne, also das würde ich jetzt nicht übertreiben. Aber ich merkte schon, dass das ne tolle Besetzung war und dass das alles 'zahnte'. Da kam schon mehr rüber, als bei so einem Konfektions-Schnulli-Kram.
Können Sie sagen, wie Sie sich diesem Chandler im Laufe der Zeit immer weiter genähert haben? Wie Sie ihn für sich charakterisiert und definiert haben?
Im Verlauf kriegt man immer mehr mit, was so die Eigenheiten und Marotten der Figuren sind. Das modelliert man dann ein bisschen deutlicher heraus. Am Anfang ist das wie für die Original-Darsteller manchmal noch etwas verkrampft, aber der Krampf löst sich mit der Zeit. Das ist schön zu sehen, wie dann so eine Leichtigkeit kommt.
Wo ich auch drauf hinaus wollte: Darstellerisch hatte ich bei «Friends» oft das Gefühl, dass sich das Spiel durch eine ungewöhnliche Körperlichkeit und Energetik, ja schon Affektiertheit auszeichnete, welche sich eben auch auf den akustischen Ausdruck übertrug. Sprich mit überzogenen Stimmen gearbeitet wurde.
In Amerika wird generell zu einem schauspielerischen Übertreiben tendiert. Da wurde immer schon mehr mit den Augen gemacht, immer schon mehr mit den Gesten, mit Ausrufen wie „Oooohh, Uuuhhh“ und anderen Superlativen. Das kam mir entgegen, weil da eine gewisse Übertreibung im Spiel ist, die Spaß macht – das ist Futter für Schauspieler! Und dieses kindlich Affektierte passt deshalb zu «Friends», weil die Figuren in einer Phase zwischen Erwachsenwerden und 'Noch-Küken-Sein' stecken.
Lassen Sie mich nochmal kurz auf Ihre Gesangsausbildung zu sprechen kommen. In diesem Zusammenhang habe ich mich gefragt, ob sie Ihnen geholfen hat, eine stimmliche Varianz - gar einen Sing-Sang - in die Synchro zu bringen, der mir aufgefallen ist.
Sing-Sang klingt immer etwas nach Einheitsbrei. Durch meinen musikalischen Hintergrund bin ich grundsätzlich immer auf Original-Tonhöhe mit dem Schauspieler. Wohingegen viele, die nicht aus der Musik kommen, mit ihrer Bariton-Standardstimme draufsprechen, egal in welcher Stimmlage die Rolle agiert. Wenn Perry also mit der Stimme variierte, konnte ich mitgehen.
Wenn wir nun vom Inhaltlichen zum Übergeordneten gehen, nähern wir uns wieder dem Begriff des 'Synchron-Schauspielers', den wir im Verlauf schon genannt haben. Ist Ihnen die Kennzeichnung des 'Spielens' wichtig?
Entscheidend ist, ob du die Figur mit Leben ausfüllst. Also ob du das Spiel, das der Schauspieler da verkörpert,
auch spielerisch rüberbringst. Dass du als Zuschauer nicht mehr darüber nachdenkst, ist der jetzt synchronisiert oder nicht – im Idealfall sollte man das vergessen. Deshalb ist der Begriff 'Synchronschauspieler' schon treffend. Durch künstliches Generieren mit KI würde deshalb kulturell auch vieles verloren gehen.
Können Sie skizzieren, wie sich die Arbeitsweise in der Synchronisationsbranche von damals zu heute verändert hat?
Damals bei «Friends» stand ich noch mit meinen Partnern (teilweise bis zu fünf) zusammen vor dem Mikro und konnte die Betonung des Gegenübers direkt wahrnehmen. Inzwischen läuft nur noch alles einzeln ohne die Kollegen ab. Dadurch entstanden früher natürlich auch eher persönliche Beziehungen untereinander. Nach der Synchron-Arbeit ist man dann noch ein Bier miteinander trinken gegangen, was heute auch nicht mehr so üblich ist, weil alle zu beschäftigt sind oder gar nicht mehr aufeinandertreffen.
Ich nehme an, der Punkt Beziehungen trifft auch auf ihre alten Friends-Kollegen Andrea Aust, Gerald Schaale, Roland Frey, Nadja Reichardt und Maja Dürr zu.
Ja, wir fünf sind immer noch freundschaftlich verbunden und haben unseren zwischenzeitlich losen Kontakt mittlerweile wieder intensiviert. Man altert ja zusammen und da haben wir uns entschlossen, das wieder mehr aufleben zu lassen. Gerade auch, weil man sich als Sprecher heutzutage im Studio kaum noch sieht. Wir haben auch eine «Friends»-WhatsApp-Gruppe und treffen uns regelmäßig zum Essen, wo wir über die alten Zeiten quatschen. Das versuchen wir halbjährlich hinzukriegen.
Leider müssen wir zum Abschluss des Interviews noch auf das tragische Schicksal von Matthew Perry eingehen, der das 30-Jährige Jubiläum nicht mehr miterleben konnte.
2021 gab es ja nochmal dieses Special für Netflix. Da habe ich schon irgendwie gespürt, dass das wie ein Abschiednehmen von Matthew Perry war. Als ich ihn gesehen habe, war ich regelrecht erschrocken. Er sah gesundheitlich sehr angeschlagen aus, konnte kaum richtig sprechen. Ich hab mir schon gedacht, da geht nicht mehr viel. Leider ist er ja dann 2023 auch verstorben.
Wie haben Sie die Nachricht seines Todes empfunden?
Natürlich habe ich da mitgetrauert. Denn in gewisser Weise war das ein Teil von mir, wenn du jemanden 30 Jahre lang sprichst. Meine 'Friends' haben mir damals auch kondoliert und mir geschrieben: 'Dein Chandler' ist jetzt nicht mehr da.
Auch wenn Perry zuletzt nicht gut aussah – waren Sie letztlich dann doch geschockt, als er starb?
Definitiv. Das hat mich total geschockt. In dem Moment wurde mir bewusst: Da kommt jetzt nie wieder etwas. Kein Revival, nichts.
Ein trauriger Schlusspunkt in einem interessanten Gespräch - danke Michael Iwannek.
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