In der inzwischen vierten Folge zieht es die «Zielfahnder» nach Malta: zu einem Fall, der es in sich hat.
Stab
Darsteller: Ulrike C. Tscharre, Hanno Koffler, Susanne Wuest, Godehard Giese, Kim Riedle, Mario Opinato
Musik: Michael Klaukien
Kamera: Michael Kotschi
Drehbuch: Mia Maariel Meyer
Regie: Stephan LacantEs gehört zu den eigentümlichen Qualitäten langlebiger Fernsehformate, dass sie sich irgendwann von ihrer ursprünglichen Funktion lösen und zu einer Art erzählerischem Resonanzraum werden: nicht mehr nur Krimi, sondern Reflexionsfläche für gesellschaftliche Verwerfungen, moralische Grauzonen und die Frage, wie viel Wirklichkeit man dem Publikum zumuten will. Die Reihe «Zielfahnder» hat sich in dieser Hinsicht still, aber konsequent entwickelt – und der vierte Teil, «Zielfahnder – Kalte Sonne», zeigt, dass diese Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist.
Zunächst fällt auf, wie entschieden der Film sein Thema setzt. Menschenhandel, Zwangsprostitution, systematischer Missbrauch – das sind keine Motive, die sich beiläufig erzählen lassen. Das Drehbuch von Mia Maariel Meyer entscheidet sich folgerichtig gegen jede Form von Verharmlosung. Das Netzwerk „Pink Rose“, angeführt von der von Susanne Wuest gespielten Maria Weinert, wird als das gezeigt, was es ist: ein ökonomisch organisiertes Gewaltverhältnis, das Menschen zu Ware reduziert. Der Film findet dabei eine bemerkenswerte Balance – er ist deutlich, ohne ins Exploitative zu kippen, und eindringlich, ohne sich in moralischer Selbstgewissheit zu verlieren.
Diese Balance trägt auch die Inszenierung von Stephan Lacant. Sein Blick auf Malta vermeidet die üblichen Postkartenbilder, ohne sie vollständig zu negieren. Stattdessen entsteht eine eigentümliche Spannung zwischen Licht und Bedrohung: sonnendurchflutete Straßen, die zugleich wie Beobachtungsräume wirken, offene Landschaften, in denen sich dennoch Enge einstellt. Die Kamera von Michael Kotschi trägt wesentlich zu dieser Atmosphäre bei. Sie sucht nicht die spektakuläre Einstellung, sondern die präzise – und findet dabei Bilder, die länger nachwirken, als man zunächst vermuten würde.
Im Zentrum stehen jedoch die Figuren, allen voran das Ermittlerduo. Ulrike C. Tscharre als Hanna Landauer und Hanno Koffler als Lars Röwer spielen ihre Rollen mit einer zurückgenommenen Intensität, die dem Film gut bekommt. Sie sind keine Helden im klassischen Sinn, sondern professionelle Beobachter, deren Handeln weniger von Pathos als von Beharrlichkeit geprägt ist. Gerade Tscharre gelingt es, Landauer eine leise Empathie zu geben, die nie sentimental wird. Ihre Annäherung an die fragile Ursel Meingast – gespielt von Kim Riedle – aus dem Umfeld des Zwangsprostituiertenrings gehört zu den stärkeren Passagen des Films, weil sie zeigt, dass Ermittlungsarbeit hier auch Beziehung bedeutet.
Dem gegenüber steht Susanne Wuests Maria Weinert – eine Figur, die leicht zur Karikatur hätte werden können. Doch Wuest entscheidet sich für eine andere Richtung: keine laute Dämonisierung, sondern eine kühle, kontrollierte Präsenz. Ihre Maria ist weniger ein „Monster“ als vielmehr die logische Konsequenz eines Systems, das Skrupellosigkeit belohnt. Gerade diese Nüchternheit macht die Figur unangenehm plausibel.

Nicht alles gelingt dabei gleich gut. Der Film neigt stellenweise dazu, seine Themen zu stark zu bündeln. Die Verbindung zum Schönheitschirurgen Hendrik Meingast, gespielt von Godehard Giese, wirkt dramaturgisch etwas konstruiert, als müsse der Fall noch eine zusätzliche Ebene erhalten. Dennoch verliert der Film nie vollständig seine innere Linie. Die Spannung entsteht weniger aus überraschenden Wendungen als aus einer kontinuierlichen Verdichtung. Man spürt, wie sich das Netz um Maria Weinert langsam schließt – und zugleich, wie gefährlich diese Annäherung ist.
«Zielfahnder – Kalte Sonne» funktioniert somit als solider, stellenweise sehr überzeugender Beitrag zu einer Reihe, die ihren Ton gefunden hat, ohne sich darauf auszuruhen. Er zeigt, dass Fernsehkrimi mehr sein kann als bloße Fallabwicklung – nämlich ein Medium, das sich ernsthaft mit den Abgründen seiner Stoffe auseinandersetzt.
Der Film «Zielfahnder – Kalte Sonne» wird am Samstag, den 18. April im Ersten ausgestrahlt.
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