Sky-Kommentator Joachim Hebel spricht über Datenflut, Emotionen und neue Medien und erklärt, warum Fußball im Fernsehen heute komplexer, aber nicht unbedingt besser geworden ist.
Herr Hebel, Sie haben den Fußball über viele Jahre als Kommentator und Beobachter begleitet. Wie hat sich die Art der Fernsehübertragung von Fußballspielen in dieser Zeit verändert?
Als wir damals selbst noch Zuschauer waren, war es viel schwieriger, an Informationen zu kommen. Heutzutage durch die digitalen Medien ist die Recherche viel leichter geworden - und dadurch kann man viel mehr Tiefe erreichen. Während des Spiels erhält man Live-Daten, das gab es früher auch nicht. Und dann, wie dann im Nachhinein damit umgegangen wird. Kommentare, Zuschriften auf Sozialen Medien sind ganz normal. Natürlich die „Vermarktung“ von Sprüchen, die heute ganz anders verbreitet werden.
Früher reichten oft wenige Kameras und ein Kommentator – heute gibt es Super-Slow-Motion, Datenanalysen und Second Screens. Wird Fußball im Fernsehen dadurch besser erzählt oder manchmal sogar überinszeniert?
Ich sage immer: man kann nicht zu klug sein. Also kann man auch nicht zu viel sehen. Man muss es halt dosiert und nützlich einsetzen.
Ihr Buch blickt auch auf die emotionale Seite des Fußballs. Wie wichtig sind Fernsehbilder und Kommentierung, wenn es darum geht, solche Momente für ein Publikum unvergesslich zu machen?
Mich als Person braucht es nicht für ein gutes Fußballspiel. Aber es braucht schon jemanden, der einen an die Hand nimmt, erklärt und analysiert. Ein Kommentator ist wichtig. Aber die Geschichte schreibt das Spiel - und dadurch entstehen die Emotionen. Ich kann den Zusehenden meine Emotion mitgeben, meine Rechercheergebnisse zum besseren Verständnis an die Hand geben. Aber: ich bin nicht Akteur, sondern Begleiter. Somit also untergeordnet. Das muss man sich immer wieder klarmachen.
Die Bundesliga und internationale Wettbewerbe werden heute auf unterschiedlichsten Plattformen übertragen – von klassischem Fernsehen bis Streaming. Was bedeutet diese Entwicklung für die Rolle der Kommentatoren?
Auch da muss man mit der Zeit gehen. Es ist, wie es ist. Alles verlagert sich ins Internet - somit auch der Sport und auch die damit verbundene Verwertung.
Viele Fans verfolgen Spiele inzwischen parallel über Social Media, Podcasts oder Live-Ticker. Verändert das auch die Erwartungen an TV-Übertragungen?
Jeder kann sich mittlerweile über jedes Thema informieren. Bedeutet für uns, dass wir noch mehr auf Expertise setzen sollten und müssen. Ich kann nicht einfach nur Transfermarkt vorlesen. Das kann der Nutzer am Ende selbst auch. Dafür braucht es keinen Kommentator. Meine Recherche muss für Mehrwert sorgen.
Sie haben selbst zahlreiche große Spiele kommentiert. Gibt es Momente, in denen Sie gespürt haben, dass eine Fernsehübertragung ein Stück Fußballgeschichte prägt?
Jein. Man merkt, dass man jetzt gerade Zeitzeuge eines besonderen Moments wird. Ich habe zum Beispiel damals Düsseldorf gegen Magdeburg kommentiert, als gerade in Magdeburg ein Terroranschlag verübt wurde. Da merkt man, dass jetzt jedes Wort eine gewisse Tragweite hat. Deshalb muss man vorsichtig sein. Mit Pietät. Oder ein positives Beispiel: das 7:2 von Aston Villa über Jürgen Klopp und Liverpool. Da konnte man durch Social-Media-Erwähnungen spüren, wie sekündlich mehr Leute einschalten.
Fußballübertragungen leben auch von der Balance zwischen Information und Emotion. Wie findet man als Kommentator den richtigen Ton zwischen Analyse und Begeisterung?
Das ist meistens Gefühlssache. Team A hat einen neuen Trainer. Da braucht es dann schon eine Einschätzung: Wieso der Trainerwechsel? Wo war der Neue zuvor? Was ändert sich? Bei einem 4:4 brauche ich nicht mehr viel erklären und analysieren. Da geht man einfach mit.
In den letzten Jahren ist die Taktikanalyse im Fernsehen deutlich umfangreicher geworden. Glauben Sie, dass Zuschauer heute ein tieferes Verständnis für das Spiel haben als früher?
Ja, ich denke schon. Und viele wollen das auch. Es muss halt vereinfacht eingebaut werden. Nicht, weil die Leute dumm sind - sondern weil das Bild ja weiterläuft. Es muss für das Medium verständlich sein.
Fußball ist ein globales Medienereignis geworden. Wie stark beeinflussen TV-Rechte, Vermarktung und Medieninteressen inzwischen auch die Wahrnehmung des Sports?
Naja, der Fußball wird immer größer. Man merkt, wie man auch immer auf genau solche Themen angesprochen wird. Fußball ist der größte Sport der Welt. Das zieht Sponsoren an - und die großen Player wollen das dann übertragen. Der Live-Sport funktioniert mehr denn je - und mehr als alle anderen Formate derzeit. Deshalb wird Live-Sport immer interessanter.
Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wie könnte eine Fußballübertragung in zehn oder zwanzig Jahren aussehen – und welche Rolle wird der klassische Kommentator dann noch spielen?
Die Welt wird immer undurchsichtiger und alles immer komplexer. Der Kommentator wird weitaus tiefer blicken und einschätzen müssen.
Danke für Ihre Zeit!
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