Mit «Tschernobyl 86 – Der Super-GAU» rekonstruiert Volker Heise die Reaktorkatastrophe ausschließlich anhand von Archivmaterial – und schafft so ein eindringliches Zeitdokument. Im Interview spricht der Regisseur über die Kraft historischer Bilder, den Umgang mit Desinformation im Kalten Krieg und darüber, warum die Ereignisse von 1986 bis heute nachwirken.
Herr Heise, Ihr Film «Tschernobyl 86 – Der Super-GAU» erzählt die Katastrophe von Tschernobyl ausschließlich mit Originalarchivmaterial. Was hat Sie an dieser Form des dokumentarischen Erzählens besonders gereizt?
Wir wollten den Schock erzählen, den Tschernobyl ausgelöst hat, und der heute nur schwer nachvollziehbar ist: Eine neue, noch nie dagewesene Katstrophe mit nicht zu übersehenden Folgen bricht in das Leben ein. Da schien uns der Weg über das Originalmaterial als Mittel der Wahl, weil es den Geist der Zeit atmet: Es erzeugt Unmittelbarkeit, konfrontiert direkt mit den Ereignissen, bewegt sich auf der Augenhöhe mit den Menschen - man erzählt nicht über die Vergangenheit, sondern mit der Vergangenheit.
Die Explosion von Reaktorblock 4 war ein historischer Wendepunkt. Was hat Sie persönlich an dieser Geschichte am meisten erschüttert oder überrascht, als Sie sich intensiver damit beschäftigt haben?
Überraschend sind die unterschiedlichen, gleichzeitig aber auch ähnlichen Reaktionen östlich und westlich des Eisernen Vorhangs. Im Osten werden die Ereignisse nicht nur fahrlässig beschwiegen, in Tschernobyl werden auch Menschen bewusst in größte Gefahr geschickt und jede Opposition unterdrückt. Im Westen herrscht Aufregung bis zur Hysterie. Auf beiden Seiten halten die Regierungen weiter an der Atomenergie fest, Super-GAU hin oder her, da sind sie sich über alle Systemgrenzen einig. Erschütternd ist das Schicksal der Strahlenopfer.
«Tschernobyl 86» erzählt die Ereignisse fast wie einen Thriller mit einer tickenden Uhr. Wie gelingt es, aus realen historischen Bildern eine solche dramaturgische Spannung zu entwickeln?
Unsere Ausgangsfrage war: Wie geht man mit dem Super-GAU um, mit einem Ereignis, das weder die Menschen noch die staatlichen Institutionen für wahrscheinlich hielten und auf das sie nicht vorbereitet waren? Wie bekam man das unter Kontrolle, wie kommunizierte man, welche Narrative bildeten sich, welche Dynamiken lösten sie aus? Um das spannend zu erzählen, um auch den Pulsschlag der Ereignisse zu spüren, braucht es zu allererst das Material selbst. Wir haben eine langen Vorlauf an Archivrecherche gehabt - auch an Orten, die vom russischen Krieg gegen die Ukraine heimgesucht wurden - um an einen Punkt zu kommen, von dem aus es überhaupt möglich war, diesen Film zu denken. Ohne diesen Vorlauf und ohne die Expertinnen, die an diesem Film mitgearbeitet haben und die sich in den Archiven auskennen, kein Film - und ohne die Hilfe der Kolleginnen und Kollegen in der Ukraine keine Bilder von Tschernobyl. Dann steht man vor einem riesigen Haufen Material und versucht, die Bögen der Geschichte herauszuarbeiten, verbringt also viele Stunden und Tage im Schneideraum, um die Atmosphäre von 1986 wieder zum Vibrieren zu bringen.
Ein zentrales Thema Ihres Films ist der Umgang mit Information – oder eben Desinformation. Welche Rolle spielte der Kampf um Deutungshoheit damals im Kalten Krieg?
Eine große Rolle, auf vielen Ebenen. Einmal wird der GAU von allen Parteien sofort gelesen im Kontext des Kalten Krieges und auch für die Propaganda missbraucht. Dann, vor allem im Westen, hat man ein doppeltes Problem, weil auch im eigenen Land Atomkraftwerke stehen. Man war sich bis dahin über den Eisernen Vorhang hinweg einig, dass Atomkraftwerke notwendig sind, dass sie die Zukunft sind, dass sie die Lösung aller Energieprobleme bringen. Und dann explodiert ein Reaktor. Also sagt man in der Bundesrepublik: Drüben kommunistische Problembär, hier sichere Technik. Hat nicht wirklich funktioniert.
Während in der Sowjetunion und der DDR zunächst vertuscht oder verharmlost wurde, berichteten Medien in der Bundesrepublik rund um die Uhr. Was sagt dieser Unterschied über politische Systeme und Medienfreiheit aus?
Einmal sagt es aus, dass sich Katastrophen dieser Größenordnung nicht unter den Teppich kehren lassen, von keinem System der Welt. Es sagt über autoritäre Systeme aber auch aus, dass ihre Warnsysteme nicht schnell genug funktionieren, weil man vor Ort zu viel Angst hat, schlechte Nachrichten nach oben zu übermitteln: Sie passen nicht in das Selbstbildnis und es darf nicht passieren was passieren kann. Sanktionen drohen. Während freie Medien sich auf solche Ereignisse stürzen, warten gesteuerte Medien erst auf Richtlinien und können dann eine der wesentlichsten Funktionen von Medien nicht erfüllen: Die Trüffelschweine der Risikogesellschaft zu sein. In der Bundesrepublik und im Westen generell gibt es dagegen einen Überbietungswettbewerb um die neusten Neuigkeiten, auch wenn es gerade keine gibt, hier ist Information auch immer Ware. Aber sie erfüllen zumindest die Funktion, die Menschen mit den notwendigen Informationen zu versorgen, so verwirrend, vielgestaltig und widersprüchlich sie auch sein mögen.
Der Film zeigt auch die Menschen, die unter extremen Risiken versuchten, die Katastrophe einzudämmen – Feuerwehrleute, Soldaten, Techniker. Welche Geschichten dieser Beteiligten haben Sie besonders bewegt?
Es gibt einen Moment, da wird den Verantwortlichen in Tschernobyl klar, dass nur Menschen die Umgebung des Reaktors säubern können – und dass es keine Möglichkeit gibt, sie vor den radioaktiven Strahlen zu schützen. Und dann werden die jungen Leute losgeschickt. In ihren Augen nichts als Angst.
Viele Menschen erinnern sich noch an die Angst vor der radioaktiven Wolke, an verunsicherte Eltern und widersprüchliche Expertenmeinungen. Wie stark prägt dieses kollektive Gedächtnis unsere Wahrnehmung der Katastrophe bis heute?
Bis zum Super-GAU von Tschernobyl hieß es: Reaktoren werden nicht explodieren, nicht in Millionen Jahren. Die Gewissheit ist mit Tschernobyl vorbei: Im Wesen der Technik liegt ihr Scheitern. Es gibt keinen Schutz davor. Und dieses „sie können uns nicht schützen“ hat sich eingegraben. Wenn man heute in der Bundesrepublik von der Renaissance der Atomkraft spricht, muss man den Menschen auch sagen, wie es nicht nur um die Risiken bestellt ist und dass diese Risiken real sind – und wie man sich davor schützt. Die Erfahrung zeigt: Es gibt keinen Schutz. Dessen müssen sich alle bewusst sein.
Tschernobyl gilt als einer der entscheidenden Momente, die das Vertrauen vieler Bürger in Politik und Technik erschüttert haben. Sehen Sie Parallelen zu heutigen Debatten über Krisenkommunikation?
Absolut. Für autoritäre Systeme hat man es zuletzt beim Ausbruch der Corona-Pandemie in China gesehen: Viel zu späte Kommunikation über die Seuche im Land, dann zwischen den Ländern, dann gegenseitige Schuldzuweisung, das Ergebnis ist maximale Verschlimmerung. Dann ist die Kommunikation der Bundesregierung 1986 ein Fallbeispiel für misslungene Krisenkommunikation. Zu sagen, die Bevölkerung sei nicht gefährdet und gleichzeitig vor dem Verzehr von Milch zu warnen, ist eine schlechte Idee. Bis heute verstehen es Wissenschaftler oft ungenügend, sich verständlich gegenüber Laien auszudrücken. Wer sich eine Talk-Show mit Physikern aus dem Jahr 1986 ansieht, versteht nur Bahnhof. Aber es ist auch falsch, sich hinter Wissenschaftlern zu verstecken, wie das bei der Corona-Krise oft der Fall war – am Ende muss die Politik Verantwortung übernehmen und Entscheidungen fällen und sie kohärent kommunizieren. Aber auch wenn man offen, transparent und kohärent kommuniziert, werden sich bei jedem Ereignis dieser Größenordnung – etwas Neues bricht in das Leben ein, stellt den Alltag auf den Kopf – Diskurse verselbständigen, Narrative wie Pilze aus dem Boden schießen und werden Dynamiken ausgelöst, die kaum von oben zu beherrschen sind. Dann zeigen sich die Bruchstellen einer Gesellschaft, zuletzt hat man das während der Pandemie gesehen.
Sie haben bereits mehrfach mit historischem Archivmaterial gearbeitet. Was sind die größten Herausforderungen, wenn man aus solchen Bildern eine klare und packende Geschichte formt?
Die Menge an sehr heterogenem Material: Nachrichtenschnipsel, Dokumentarfilm, Restmaterial aus Archiven, Amateuraufnahmen. Die mussten wir auf der einen Seite in eine nachvollziehbare und auch spannende Geschichte überführen, das Publikum soll ja nicht einschlafen, durften es auf der anderen Seite aber nicht zu glatt bügeln. Größte Feinde eines Dokumentarfilms – und gleichzeitig seine nahen Verwandten und seine großen Versuchungen – sind Dramaturgien, wie man sie von fiktionalen Filmen kennt. Es muss schon brüchiger und rauer, und das heißt: wirklicher sein, sonst verdreht man die Sache. Wir mussten also einen Weg zwischen diesen Polen finden - brüchiges Erzählen, wenn man so will.
Der Schutzschirm von Tschernobyl wurde beim Ukraine-Krieg beschädigt. Wird der Meiler für uns in Europa noch einmal zur Gefahr?
Für ganz Europa nicht, aber für die Menschen der Umgebung, in der Ukraine und in Weißrussland, kann es zur Gefahr werden. Der Sarkophag ist nicht umsonst gebaut worden, im Reaktor glüht und strahlt es unkontrolliert weiter. Aber auch ohne Schäden erzeugt der Krieg Gefahren: Die Sicherheit des Sarkophags kann nicht mehr so gewährleistet werden, wie es in Friedenszeiten der Fall ist. Und, Ironie der Ereignisse: In den ersten Tagen des Angriffs auf die Ukraine haben sich russische Soldaten in hochkontaminiertem Gelände eingegraben, ohne zu ahnen, wo sie sind, und welcher Gefahr sie sich aussetzen.
Ich bedanke mich für Ihre Zeit!
Das Erste zeigt die Dokumentation «Tschernobyl 86 – Der Super-GAU» am Montag, 13. April, um 23.05 Uhr. Die Dokumentation ist am Montag ab 09.05 Uhr abrufbar.
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