«Holt – Der Windkraft-Schwindler»: ‚Nicht der Täter, sondern das System‘

Mit «Holt – Der Windkraft-Schwindler» erzählen Jan Peter und Sandra Naumann weit mehr als die Geschichte eines spektakulären Betrugsfalls. Im Interview erklären die Produzenten, warum sie hinter der schillernden Figur Hendrik Holt vor allem strukturelle Schwächen, gesellschaftliche Sehnsüchte – und ein System sehen, das zu leicht auf große Versprechen hereinfällt.

Der Fall Hendrik Holt wirkt fast wie ein Wirtschaftsthriller. Wann haben Sie zum ersten Mal von dieser Geschichte erfahren – und wann war Ihnen klar, dass daraus die Dokumentation «Holt – Der Windkraft-Schwindler» werden muss?
Auf Hendrik Holt sind wir durch einen Podcast aufmerksam geworden. Schnell war klar, dass dieser Fall weit über die Geschichte eines einzelnen Betrügers hinausgeht und etwas über die heutige Gesellschaft, ihre Werte, ihre Sehnsüchte, aber auch ihre Trugbilder und Abgründe erzählt.

Dazu ist einfach eine wirklich verrückte, brisante und wahnsinnig spannende Story. Für uns stand daher recht bald fest, dass wir gerne einen Film darüber machen möchten, es hat aber natürlich eine ganze Weile gedauert, die Rahmenbedingungen zu klären. Wir hatten das große Glück, mit dem SWR innerhalb kurzer Zeit einen Partner zu finden, der dasselbe Potential in der Geschichte von Hendrik Holt gesehen hat.

Holt inszenierte sich als Visionär der Energiewende, während hinter den Kulissen ein riesiges Betrugssystem lief. Was hat Sie an dieser Mischung aus Charisma, Größenwahn und Täuschung besonders fasziniert?
Holt bewegte sich an der Schnittstelle von Politik, Wirtschaft und Energiewende – also in einem Bereich, der gesellschaftlich hoch aufgeladen ist und in dem große Versprechen, Förderlogiken und Interessen aufeinandertreffen. Sein Auftreten, seine Netzwerke und seine Art, Erfolg zu behaupten, verweisen weniger auf individuelle Raffinesse als auf strukturelle Schwächen.

Genau das hat uns interessiert. Nicht der spektakuläre Betrugsfall an sich, sondern die Frage, warum er möglich war – und warum so viele bereit waren, ihm zu glauben. Für uns erzählt dieser Fall viel über gegenwärtige Sehnsüchte nach einfachen Lösungen, schnellen Erfolgen und vermeintlichen Macherfiguren. Diese gesellschaftliche Dimension war der ausschlaggebende Grund, den Fall filmisch zu untersuchen.

«Holt – Der Windkraft-Schwindler» zeigt nicht nur den Betrug selbst, sondern auch die Mechanismen, die ihn möglich gemacht haben. Welche strukturellen Schwächen in Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft wurden für Sie dabei besonders sichtbar?
Der Fall Holt überrascht weniger durch einzelne Details als durch seine innere Logik. Er zeigt, wie leicht Systeme ins Rutschen geraten, wenn wirtschaftlicher Erfolg und Status höher bewertet werden als Kontrolle und Überprüfbarkeit.

Besonders auffällig war, wie nah ein Mensch an politische Entscheidungsträger und Institutionen herankommen kann, sobald er als erfolgreich wahrgenommen wird. Nähe entsteht hier nicht durch Inhalte, sondern durch Status – und dieser Status wird selten hinterfragt.

Der Film erzählt deshalb nicht nur von einem Täter, sondern von einem System, das anfällig ist für große Versprechen, Selbstsicherheit und Nähe zur Macht – und das Kontrolle oft erst dann ernst nimmt, wenn der Schaden bereits entstanden ist.

Sie konnten sogar mit Hendrik Holt selbst sprechen, der sich zum Zeitpunkt der Dreharbeiten im Gefängnis befand. Wie schwierig war es, diesen Zugang zu bekommen – und wie haben Sie ihn im Gespräch erlebt?
Der erste Kontakt kam über einen seiner Anwälte zustande. In einem längeren Vorlauf haben wir zunächst über mehrere Monate hinweg ausführlich telefoniert, um Erwartungen, Grenzen und Bedingungen zu klären. Uns war wichtig klarzustellen, dass der Film keine Verteidigungsschrift und kein Wohlfühlporträt sein würde, sondern eine journalistische Auseinandersetzung.

Als Hendrik Holt später in den offenen Vollzug wechselte, kam es zu einem ersten persönlichen Treffen. Die Dreharbeiten fanden nach weiteren Lockerungen im Laufe des Jahres 2025 während seiner genehmigten Ausgangszeiten statt. Dabei galten für uns dieselben Auflagen wie für ihn – unter anderem die verpflichtende pünktliche Rückkehr in die Justizvollzugsanstalt.

Der Zugang entstand dabei nicht aus Nähe, sondern aus Klarheit: Holt war bereit zu sprechen, wir waren bereit zuzuhören – unter klar definierten journalistischen Bedingungen. Ganz grundsätzlich war Hendrik Holt bereit über alles zu sprechen, es gab da keine Tabuthemen. Wie man im Film auch sieht, geht er sehr offen auf alle Fragen ein.

Ob er immer die Wahrheit sagt, ist eine ganz andere Frage - auch das ist im Film an verschiedenen Stellen lebhaft mitzuerleben. So treffen seine Aussagen auf die Berichte anderer Menschen, die über ein und dieselbe Situation etwas ganz Anderes erzählen.

Holt war offenbar ein Meister der Selbstinszenierung. Wie sind Sie filmisch damit umgegangen, seine Geschichte zu erzählen, ohne seine Selbstdarstellung unkritisch zu reproduzieren?
Hendrik Holt ist eine Figur, für die Sichtbarkeit eine zentrale Rolle spielt. Der Wunsch nach Öffentlichkeit, Aufmerksamkeit und Anerkennung ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Biografie.

Für uns war entscheidend, diesen Wunsch nicht zu bedienen, sondern zum Gegenstand des Films zu machen. Holt erhält Raum, aber keine Kontrolle. Seine Aussagen stehen nicht für sich, sondern werden überprüft, kontextualisiert und mit Akten, Widersprüchen und anderen Perspektiven konfrontiert.

Der Film fragt daher weniger nach den inneren Motiven eines Einzelnen als nach der Wirkung von Sichtbarkeit selbst: Warum Menschen, die sich so stark inszenieren, solange glaubwürdig wirken – und was geschieht, wenn diese Inszenierung zerbricht. Des Weiteren ist es bei einem Film über einen Betrüger die Überprüfbarkeit von Aussagen zentral. Gespräche allein reichen hier nicht aus. Deshalb basierte unsere Arbeit von Beginn an auf einer umfassenden Aktenrecherche. Teil unserer Vereinbarung mit Hendrik Holt war, dass er uns die vollständigen Verfahrensakten zur Verfügung stellt – mehrere zehntausend Seiten Originaldokumente aus Ermittlungen und Gerichtsverfahren. Diese Akten bildeten die Grundlage unserer Recherche und ermöglichten es uns, Aussagen einzuordnen, zu überprüfen und zu konfrontieren.

Wir haben uns bewusst nicht auf Selbstauskünfte verlassen, sondern auf belegbare Fakten. Diese Arbeitsweise war zeitaufwendig, aber notwendig – und nur möglich, weil die beteiligten Sender die Zeit und Mittel für eine tiefgehende Recherche zur Verfügung gestellt haben. Für den Film haben wir mit deutlich mehr Menschen gesprochen, als letztlich im Film zu sehen sind – darunter auch mit allen verurteilten Familienangehörigen.
Diese Gespräche waren notwendig, um den Fall in seiner Komplexität zu verstehen, Zusammenhänge einzuordnen und Aussagen überprüfen zu können. Uns war wichtig, unterschiedliche Perspektiven abzubilden: die des Täters, seines familiären und geschäftlichen Umfelds sowie die der Ermittlungsbehörden und der Journalisten, die den Fall über Jahre begleitet haben.


Am Ende kommt eben nicht nur ein verurteilter Betrüger zu Wort - sondern mit ihm die vielen engagierten Menschen, die zu eben jener Verurteilung beitrugen und damit buchstäblich einen Milliardenschaden von uns allen abwenden konnten.

Der Film arbeitet bewusst mit inszenierten Elementen und sichtbaren Filmkulissen. Warum haben Sie sich für diese ungewöhnliche Form entschieden, statt für eine klassische True-Crime-Erzählweise?
Der Film ist bewusst und sichtbar „over the top“ inszeniert. Diese Entscheidung ergibt sich aus der Geschichte selbst: Hendrik Holt hat sein Leben, seinen Erfolg und seine Rolle über Jahre hinweg selbst inszeniert – gegenüber Geschäftspartnern, in der Öffentlichkeit und in sozialen Medien. Wir greifen diese Selbstinszenierung filmisch auf und führen sie weiter, um sie offenzulegen.

Ob Bentley, Privatjet oder Luxusrestaurant – diese Sets sind nicht als reale Rekonstruktionen gedacht, sondern bewusst hergestellte Kulissen. Immer wieder zeigen wir auch den Apparat dahinter: Die Kameras, die Kulisse, das Team. Die Inszenierung bleibt stets transparent.

Ziel ist nicht Täuschung, sondern Entlarvung. Der Film behauptet nicht, diese Bilder seien „wahr", sondern macht ihre Künstlichkeit sichtbar und stellt sie überprüfbaren Fakten gegenüber. So entsteht ein hybrides dokumentarisches Format, das nicht Realität nachstellt, sondern die uns fortwährend umgebende Konstruktion von Realität wie auf Social Media selbst zum Thema macht.

Besonders spannend ist auch die Rolle der Ermittler, die den Fall über Jahre verfolgt haben. Welche Momente aus den Recherchen oder Gesprächen mit Staatsanwaltschaft und Polizei haben Sie am meisten überrascht?
Die Einsatzbereitschaft von Polizei und Staatsanwaltschaft war schon sehr beeindruckend. Das betrifft zum einen die große Anzahl der eingesetzten Beamtinnen und Beamten, aber auch deren Beharrlichkeit, die Akribie und das Engagement weit über die normalen Arbeitsstunden hinaus. Es ist ja so, dass der große Teil der Ermittlungsarbeit in der Regel unsichtbar bleibt und das Publikum gar nicht sieht, wie viel Aufwand dahintersteckt.

Das war auch hier der Fall. Das waren 15 Terabyte Daten und um die 800 Aktenordner, die von einem Team aus Dutzenden Ermittlerinnen und Ermittlern über Jahre hinweg gesammelt und ausgewertet wurden, das sind unfassbare Mengen an Informationen.

Der Betrug zielte auf eine Summe von mehr als einer Milliarde Euro. Wie konnte ein System in dieser Größenordnung so lange funktionieren, ohne früher aufzufliegen?
Das lag an einer Lücke im System, die Hendrik Holt erkannt hat.

Von den betroffenen Energiekonzernen wurde nämlich, soweit uns bekannt ist, ausschließlich die formale Korrektheit der Verträge und ebenso die rein formale Einhaltung der vereinbarten Meilensteine überprüft, also das Vorliegen bestimmter Dokumente, nicht aber deren Echtheit. Ein solcher Gegencheck war, unserer Kenntnis nach, quasi auch unmöglich, weil die Verträge zwischen Holt und den Energiekonzernen eine NDA (Geheimhaltungsvereinbarung) beinhalteten, die eine Kontaktaufnahme zu den Unterzeichnern der vorgelegten Dokumente, also zum Beispiel den Landwirten, ausschloss.

Am Ende haben wohl alle Beteiligten profitiert. Hendrik Holt hat sehr viel Geld verdient und die Konzerne hatten die auch politisch gewollten Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien in ihren Portfolios. Die Aussicht auf etwaige Verluste hat jedenfalls niemanden bei den Konzernen gestoppt, vielleicht im Wissen, diese am Ende möglicherweise gar nicht selbst tragen zu müssen...

«Holt – Der Windkraft-Schwindler» stellt auch eine größere Frage: Warum lassen sich Menschen von scheinbar erfolgreichen Persönlichkeiten so leicht blenden? Ist Hendrik Holt für Sie eher ein Einzelfall – oder ein Symptom unserer Zeit?
Hendrik Holt ist auf jeden Fall ein Mensch unserer Zeit, in der der Traum vom schnellen Geld, von teuren Autos, Privatjets, Luxusuhren, in der all diese Synonyme für Erfolg, Ruhm und Anerkennung beinahe omnipräsent ist.

Was zählt, ist die Oberfläche, die Inszenierung, das reine Versprechen. Daher funktioniert die Blendung auch so gut, weil wir in diesen komplexen Zeiten dieser Blendung glauben wollen, weil wir Erfolgsgeschichten mögen, uns einfache Lösungen wünschen, uns nach Menschen sehnen, die die Dinge für uns in die Hand nehmen. Und dabei zählen grandiose Verheißungen oft mehr als moralische Prinzipen.

Wenn Zuschauer den Film gesehen haben: Was sollen sie über Macht, Geld und Selbstinszenierung in unserer Gesellschaft vielleicht anders betrachten als zuvor?
Vielleicht haben sie eine größere Skepsis gegenüber den Insignien der Macht und des Erfolgs, weil sie ein bisschen besser verstehen, wie diese ganz bewusst zur Selbstinszenierung eingesetzt werden. Statussymbole müssen aber rein gar nichts mit der Realität zu tun haben. Zu schön, um wahr zu sein - eine alte Weisheit, die auch hier zum Tragen kommt: Es lohnt sich immer, genauer hinzusehen, vor allem dort, wo Geld scheinbar keine Rolle spielt.

Danke für Ihre Mühe!

Das Erste zeigt «Holt – Der Windkraft-Schwindler» am Mittwoch, 8. April, um 23.05 Uhr. Die Doku ist bereits seit Ende März in der ARD Mediathek.
07.04.2026 12:52 Uhr Kurz-URL: qmde.de/170379
Fabian Riedner

super
schade


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Holt – Der Windkraft-Schwindler

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