Die Kritiker: «Sternstunde der Mörder»

Zum Karfreitag zeigt Das Erste einen der atmosphärisch dichtesten Fernsehfilme seit langer Zeit, angesiedelt vor dem Hintergrund der zerfallenden NS-Diktatur im Frühjahr 1945 in Prag.

Stab

Darsteller: Nicholas Ofzcarek, Jonas Nay, Devid Striesow, Gerhard Liebmann, Jeanette Hain, Karel Dobrý
Musik: Markus Kienzl
Kamera: Philip Peschlow
Drehbuch: Klaus Burck
Regie: Christopher Schier
Es gibt Filme, die sich nicht einfach damit begnügen, ihre Geschichte zu erzählen. Sie graben tiefer, wühlen in den Schichten von Geschichte, Moral und menschlicher Abgründigkeit – und kommen dabei mit etwas zurück, das lange nachhallt. «Sternstunde der Mörder» ist genau so ein Film. Unter der Regie von Christopher Schier entfaltet sich ein düsteres, faszinierendes Panorama eines untergehenden Systems, das zugleich als präzise komponierter Thriller funktioniert sowie als vielschichtige Reflexion über Gewalt und Macht.

Schon die Ausgangssituation ist von elektrischer Spannung: Prag im Frühjahr 1945, ein Ort zwischen Zusammenbruch und Aufbruch, zwischen Terror und Hoffnung. In diese fragile Welt setzt der Film seinen Kriminalfall – den Mord an einer deutschen Offizierswitwe, der bald zu einer Serie grausamer Taten anwächst. Doch «Sternstunde der Mörder» interessiert sich nicht nur für das „Wer?“ und „Wie?“, sondern vor allem für das „Warum?“. Genau hier zeigt sich die literarische Herkunft: Die Vorlage von Pavel Kohout wird nicht einfach adaptiert, sondern in eine visuelle Sprache übersetzt, die ihre philosophische Tiefe bewahrt.

Im Zentrum stehen zwei Figuren, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und doch unauflöslich miteinander verstrickt sind. Jonas Nay spielt den tschechischen Polizisten Jan Morava mit einer bemerkenswerten Mischung aus Verletzlichkeit und Entschlossenheit. Sein Morava ist kein klassischer Held, sondern ein Mann, der im moralischen Niemandsland agiert, gezwungen, sich zwischen Loyalität, Überleben und Gewissen zu entscheiden. Ihm gegenüber steht Nicholas Ofczarek als Gestapo-Beamter Erwin Buback – eine Figur, die man nicht einfach durchschauen kann. Ofczarek verleiht ihm eine beunruhigende Ambivalenz: mal kühl berechnend, mal überraschend menschlich, immer aber von einer inneren Spannung durchzogen, die den Zuschauer in Bann hält.

Was diesen Film so besonders macht, ist die Art und Weise, wie er seine Figuren in den Strudel der Geschichte zieht. Die Ermittlungen werden zunehmend zur Nebensache, während sich die Realität des zerfallenden NS-Regimes unaufhaltsam in den Vordergrund drängt. Der Serienmörder, dessen grausame Signatur – das Entfernen der Herzen seiner Opfer – fast schon symbolisch wirkt, wird so zur Chiffre für ein System, das selbst die Essenz jeder Menschlichkeit verloren hat.

Visuell ist «Sternstunde der Mörder» gleichsam ein Ereignis. Die Kameraarbeit von Philip Peschlow fängt die bedrückende Atmosphäre Prags in eindrucksvollen Bildern ein. Schatten dominieren, Räume wirken eng und klaustrophobisch, während draußen die Welt im Chaos versinkt. Es sind Bilder, die nicht nur zeigen, sondern erzählen – von Angst, Kontrolle und dem allmählichen Zerfall einer Ordnung, die nie wirklich eine war.

Auch die Nebenfiguren sind mehr als bloßes Beiwerk. Jeanette Hain als Marleen Baumann bringt eine faszinierende Mischung aus Glamour und Tragik in den Film ein, während Devid Striesow und Gerhard Liebmann ihren Rollen ebenso eine greifbare Präsenz verleihen. Jede Figur scheint Teil eines größeren Geflechts zu sein, in dem persönliche Schicksale und historische Kräfte untrennbar miteinander verwoben sind.

Was den Film letztlich über viele Genrebeiträge erhebt, ist sein Mut zur Ambivalenz. Es gibt keine einfachen Antworten, keine klaren moralischen Linien. Stattdessen zwingt «Sternstunde der Mörder» sein Publikum, sich selbst zu positionieren – und vielleicht auch unbequeme Fragen zu stellen. Wie verhält man sich in einem System, das Unmenschlichkeit zur Norm erhebt? Wo endet Anpassung, wo beginnt Schuld?

Und doch ist der Film bei aller Schwere nie selbstgefällig. Er bleibt ein spannender, packender Thriller, der seine Zuschauer mitnimmt, sie fordert, aber nie verliert. Am Ende bleibt schließlich ein Werk, das mehr ist als die Summe seiner Teile. «Sternstunde der Mörder» ist ein Film, der sich Zeit nimmt, der seine Bilder und Figuren atmen lässt und der gerade dadurch eine Intensität erreicht, die im heutigen Fernsehen selten geworden ist.

Der Film «Sternstunde der Mörder» wird am Freitag, den 3. April um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.
31.03.2026 11:20 Uhr Kurz-URL: qmde.de/170332
Oliver Alexander

super
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Sternstunde der Mörder

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