In «Fast perfekte Frauen» erzählt Silke Bodenbender von einer Frau zwischen Kontrolle und innerem Zusammenbruch. Im Interview spricht sie über gesellschaftliche Erwartungen, kollektive Stärke – und warum es befreiend sein kann, Schwäche zuzulassen.
Frau Bodenbender, Ihre Figur Suse reist in «Fast perfekte Frauen» an die Nordsee, um nach einer schweren Zeit wieder nach vorne zu blicken. Was hat Sie an dieser Figur und ihrer inneren Schutzmauer besonders gereizt?
Ich fand es spannend, eine Figur zu spielen, die nach außen zunächst so kontrolliert und unnahbar wirkt, aber unter der Oberfläche brodelt es permanent. Das Spiel zwischen Selbstkontrolle und Kontrollverlust hat mich gereizt. Wie Menschen im wirklichen Leben faszinieren mich auch fiktive Figuren durch ihre Brüche.
Suse wirkt zunächst sehr kontrolliert und verschlossen. Wie haben Sie diese Balance zwischen Stärke und Verletzlichkeit in Ihrer Darstellung entwickelt?
Zu Beginn der Geschichte versteckt Suse sich in einer Art Schutzhaut und man erhascht nur selten einen Blick auf ihre Ängste und Sorgen, die aber immer unterschwellig präsent sind. Je mehr sie sich dann selbst in Frage stellt, desto durchlässiger wird ihre Schutzhaut, die nicht plötzlich abfällt, sondern zunächst langsam weicher wird. Als sie ihr dann aber doch sehr harsch weggerissen wird, muss sie entscheiden, ob sie sich zeigen und oder ob sie davonlaufen will.
Der Film bringt sechs sehr unterschiedliche Frauen zusammen. Was entsteht dramaturgisch, wenn Menschen aus völlig verschiedenen Lebenswelten plötzlich auf engem Raum miteinander konfrontiert sind?
Unterschiedliche Charaktere, die sich nicht aus dem Weg gehen können, sind dramaturgisch ein Geschenk, so entsteht Spannung, ohne die es keine Geschichten gibt, ob tragisch oder komisch.
Suse ist Journalistin – und ausgerechnet ein Podcast bringt später Konflikte in die Gruppe. Was sagt der Film aus Ihrer Sicht über Wahrheit, Öffentlichkeit und persönliche Verantwortung?
Suse lernt die anderen Frauen nur kennen, weil sie für einen Podcast recherchiert, dessen Macher die ziemlich klare Absicht hat, Kuren öffentlich zu diskreditieren. Während der Kur sieht Susi dann, dass diese Sicht der Dinge überhaupt nicht der Wahrheit entspricht, die sie aber immer noch verdrehen könnte, was ihr Auftraggeber von ihr einfordert. In diesem Moment muss sie sich entscheiden, ob sie mit ihrer Arbeit irgendwie Geld verdienen möchte, oder ob sie als verantwortungsvolle Journalistin handeln möchte.
«Fast perfekte Frauen» erzählt auch von der Erwartung, dass Frauen alles gleichzeitig schaffen müssen. Wie sehr spiegelt diese Geschichte gesellschaftliche Realitäten wider?
Bis heute übernehmen auch berufstätige Frauen einen Großteil der Care-Arbeit, sei es in der Kindererziehung, sei es in der Pflege, was oft eine große Belastung darstellt. Insofern spiegelt der Film eine Realität wider, wie sie ihn vermutlich viele Frauen heutzutage empfinden, wobei er vielen Problemen durch Humor und Herzlichkeit immer wieder auch ihre Schwere nimmt.
Der Film spielt mit dem Bild der „starken Frau“, das irgendwann zu bröckeln beginnt. Warum ist es manchmal gerade befreiend, Schwäche zuzulassen?
Befreiend ist das vor allem in der Gruppe mit anderen, die sich ihrerseits öffnen. So kann aus der Schwäche der einzelnen eine gemeinsame Stärke werden.
Female Empowerment ist ein zentrales Thema der Geschichte. Was bedeutet dieser Begriff für Sie persönlich – jenseits von Schlagworten?
Meine Eltern waren sehr fortschrittlich und ich wurde so erzogen, dass man als Mädchen und Frau in nichts zurückstehen muss und sich auch für andere einsetzt. Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit gerade auch außerhalb des Freundeskreises. Aber natürlich ist das nicht nur eine individuelle Aufgabe, sondern es müssen gesellschaftliche Lösungen gefunden werden.
Sie drehen hier in einem Ensemble, das stark von weiblicher Energie geprägt ist. Wie hat sich diese Konstellation am Set bemerkbar gemacht?
Es war wunderbar und äußerst lustig! Wir haben alle eine wirklich gute Zeit miteinander gehabt und uns allen einander den Raum gelassen, den man braucht, um eine Figur zum Leben zu erwecken.
Die Nordsee-Kur wirkt im Film fast wie ein geschützter Raum, in dem Veränderungen möglich werden. Welche Rolle spielt dieser Ort für die emotionale Entwicklung der Figuren?
Der Ortswechsel ist sicher ein ganz wichtiger Aspekt so einer Kur, in der man sich ja zumindest vorübergehend von den Zwängen des Alltags befreit und in einem geschützten Umfeld austauschen und fallen lassen kann. Der breite Nordseestrand, der weite Blick aufs Wasser und der alles wegblasende Wind sind da natürlich ideal.
Der Film ist eine Tragikomödie – also eine Mischung aus ernsten Themen und Humor. Wie wichtig ist diese Balance, damit eine Geschichte über Belastung und Heilung nicht zu schwer wird?
Der Humor ist auch innerhalb der Geschichte ein ganz wichtiger Bestandteil der Heilung, weil sich durch ihn vieles mit etwas Distanz erleben lässt, ohne dass man es verdrängt. Nicht umsonst heißt es, dass Lachen die beste Medizin ist.
Wenn Zuschauerinnen und Zuschauer nach dem Film über ihr eigenes Leben nachdenken: Was würden Sie sich wünschen, dass sie aus «Fast perfekte Frauen» mitnehmen?
Vielleicht die Idee, dass eine kollektive Kraft entstehen kann, wenn wir achtsam mit uns und unserem Umfeld umgehen, Bewertungen über Bord werfen und uns einander zeigen, mit unseren Ängsten und Makeln. Wir müssen nicht perfekt sein, dürfen aber auch den Mut haben, uns und die Dinge um uns zu ändern, das öffnet Türen und Horizonte.
«Fast perfekte Frauen» wird an Karfreitag ausgestrahlt. Ist dies ein Datum, um den Film besonders wirken zu lassen?
Ich finde nicht, dass der Film von Trauer handelt, eher im Gegenteil: Die Frauen lassen die Trauer hinter sich und finden neue Lebenskraft, und das passt ja ganz gut in den Frühling.
Okay, vielen Dank!
Das ZDF zeigt «Fast perfekte Frauen» an Karfreitag um 21.15 Uhr. Die Produktion ist seit 8. März in der ZDFmediathek abrufbar.
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