Warum Alex Prinz jetzt Funk verlässt

Zwei Jahre lang arbeitete der YouTuber Alex Prinz mit Funk zusammen, nun ist die Kooperation beendet. In einem langen Austrittsvideo zieht der Creator eine ernüchternde Bilanz – und liefert zugleich einen seltenen Einblick in die Arbeitsweise des öffentlich-rechtlichen Systems.

Alex Prinz, der auf seinem Kanal über Politik, Gesellschaft, Geschichte und Diskurskultur spricht, hat die Kooperation mit dem ARD-ZDF-Jugendnetzwerk Funk beendet. „Funk-Austrittsvideo, das ist eigentlich ein eigenes Genre auf YouTube. Kaum tritt man bei Funk ein, denkt man eigentlich schon drüber nach, wie man das Austrittsvideo formuliert“, sagt er gleich zu Beginn seines fast halbstündigen Statements. Es ist ein Satz, in dem bereits viel von dem steckt, was dieses Video ausmacht: Ironie, Frust, Selbstreflexion – und der Versuch, aus einer persönlichen Enttäuschung eine größere Medienanalyse zu machen.

Denn Prinz beschränkt sich nicht darauf, seine Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Jugendangebot zu beenden. Er nutzt den Abschied, um zwei Jahre Funk-Erfahrung grundsätzlich auszuwerten. Sein Fazit fällt ernüchternd aus. „Schade Funk. Es hat irgendwie nicht gepasst mit uns“, sagt er. Er habe große Hoffnung in diese gemeinsame Zeit gesetzt, sei nun aber „irgendwie erleichtert, dass es vorbei ist“. Was folgt, ist keine bloße Abrechnung im Affekt, sondern eine sehr genaue Beschreibung dessen, woran die Kooperation aus seiner Sicht gescheitert ist: an Bürokratie, an falschen Erwartungen, an struktureller Überforderung – und an einem System, das aus seiner Sicht nicht wirklich fürs Internet gebaut ist.

Prinz macht dabei früh klar, dass er seine Funk-Zeit nicht als großen Skandal oder als Zensurgeschichte erzählen will. Im Gegenteil: Die oft kolportierte Vorstellung, der öffentlich-rechtliche Rundfunk verbiete seinen Creatorn Themen oder diktiere politische Haltungen, weist er ausdrücklich zurück. „Funk hat uns nie verboten, ein Thema zu machen“, sagt er. Auch politisch habe ihm niemand hineingeredet. Was es gegeben habe, seien intensive Redaktionsrunden, kritische Nachfragen und das, was intern offenbar „gechallenged“ werde: Ist eine Analyse fair? Sind verschiedene Perspektiven berücksichtigt? Ist ein Thema für die Zielgruppe relevant? Für Prinz ist das nicht grundsätzlich falsch. „Das bedeutet aber nicht, du sollst nicht, sondern mach’s halt richtig“, erklärt er. Diese Differenzierung ist bemerkenswert, weil sie seiner Kritik Gewicht gibt: Er argumentiert nicht aus der Pose des verbitterten Außenseiters, sondern beschreibt ein System, das er kennengelernt und mitgetragen hat – und das ihn trotzdem enttäuscht hat.

Der wohl größte Irrtum seinerseits war, wie er offen zugibt, die Annahme, er könne im öffentlich-rechtlichen System im Kern so weiterarbeiten wie zuvor – nur eben mit mehr Unterstützung. Vor seinem Eintritt zu Funk habe er geglaubt, er stelle „ein, zwei Redakteure“ ein und arbeite dann ähnlich wie bisher. Rückblickend sagt er über sich selbst: „Ich war so unfassbar blauäugig.“ Denn statt punktueller Unterstützung traf er auf ein System, in dem jede Aussage, jeder Schnitt, jede Textänderung und jede Quelle dokumentiert, geprüft und archiviert werden musste.

Besonders drastisch schildert er den Aufwand, der für seine Videos betrieben werden musste. Er habe sogar einen IT-Spezialisten gebraucht, um eine Excel-Struktur zu entwickeln, mit der sich „3, 4, 500 Quellen und Einblendungen und die vielen hunderten Überarbeitungen pro Video“ überhaupt abbilden ließen. Jeder Fakt habe nachgewiesen werden müssen, selbst Selbstverständlichkeiten. Als Beispiel nennt er ironisch: „Auch für den Fakt beispielsweise, Marie Antoinette ist auf der Guillotine gestorben. Ja, auch das musste ich beweisen.“ Was auf den ersten Blick komisch klingt, verweist auf ein grundsätzliches Problem: Formate, die im digitalen Raum schnell, aktuell und pointiert funktionieren sollen, treffen auf Prozesse, die aus der Logik klassischer, institutioneller Medien entstanden sind.

Genau darin liegt für Prinz der Kern des Konflikts. Immer wieder beschreibt er die Kooperation als Zusammenprall zweier Welten: Social Media auf der einen, öffentlich-rechtliche Organisationslogik auf der anderen Seite. „Es sind halt wirklich zwei völlig unterschiedliche Systeme, die wirklich schwer kompatibel sind. Also damit meine ich Social Media und der ÖR“, sagt er. Diese Gegenüberstellung zieht sich durch das gesamte Video. Er schildert YouTube als Raum der Geschwindigkeit, der persönlichen Verantwortung und der direkten Beziehung zum Publikum. Dem gegenüber stehe ein System aus Gremien, Zuständigkeiten, Richtlinien und Abnahmeschleifen, in dem niemand mehr allein Verantwortung tragen wolle.

Besonders scharf wird Prinz, wenn er den institutionellen Charakter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks beschreibt. „Der ÖR ist, und alle hassen das, wenn ich das sage, ich sag’s trotzdem, eine Behörde“, urteilt er. Dieser Eindruck habe sich für ihn „von vorne bis hinten bestätigt“. Für ihn bedeutet das: Entscheidungen entstehen nicht aus einem klaren inhaltlichen Impuls oder aus dem Vertrauen in einzelne Talente, sondern in langwierigen Verfahren. Ein Projekt werde nicht einfach umgesetzt, weil man einen Creator mit hoher Reichweite und starkem Profil habe. Stattdessen werde erst geklärt, wer zuständig ist, aus welchem Topf finanziert wird, wie das Konzept formal aussehen muss und welche Metriken erfüllt werden sollen. Das Ergebnis sei ein Prozess, der so komplex sei, dass am Ende kaum noch zähle, ob überhaupt jemand das Produkt sehen wolle.

Hier formuliert Prinz einen der schärfsten Sätze seines Videos: „Der Prozess ist viel, viel wichtiger als das Ergebnis. Und das hat mich fertig gemacht.“ In der Welt des Internets sei ein sauberer Prozess bei einem schlechten Ergebnis wertlos. Genau diese Kollision habe ihn in den vergangenen zwei Jahren zermürbt. Aus seiner Sicht erklärt das auch, warum so viele digitale Projekte im öffentlich-rechtlichen Umfeld schwerfällig, überplant oder künstlich wirken.

Dabei spart er nicht mit Selbstkritik. Er räumt ein, dass er die Zusammenarbeit unterschätzt und zu viel erwartet habe. Er habe geglaubt, vom System lernen zu können, seine Arbeitsweise zu verbessern und effizienter zu werden. „Ich kam mir am Anfang so richtig verarscht vor“, sagt er rückblickend. Denn redaktionelle Unterstützung, die ihm seiner Wahrnehmung nach suggeriert worden sei, habe er so nicht bekommen. Statt Entlastung sei ein deutlich höherer organisatorischer Aufwand entstanden, der zusätzliche Mitarbeiter nötig machte. Auch deshalb fiel seine Rechnung finanziell und personell anders aus als erhofft.

Gleichzeitig beschreibt Prinz aber auch, dass sich innerhalb dieses Systems durchaus engagierte Menschen befänden, die versucht hätten, Dinge möglich zu machen. Vor allem der MDR seien für öffentlich-rechtliche Verhältnisse flexibel gewesen. Ohne einzelne Unterstützer dort wären bestimmte Sonderprojekte nie zustande gekommen. Er nennt etwa seine Sondervideos zur Bundestagswahl, Gesprächsformate mit Spitzenpolitikern oder provokante Aktionen im politischen Raum. „Das wäre ohne Funk und den MDR so nie auf dem Kanal passiert“, sagt er. In solchen Momenten klingt durch, dass seine Bilanz nicht aus blanker Verbitterung besteht. Vielmehr richtet sich seine Kritik weniger gegen Einzelpersonen als gegen die Gesamtstruktur.

Dass diese Struktur für ihn und sein Team massiv belastend war, macht er ebenfalls sehr deutlich. Das erste halbe Jahr sei „ein absoluter Kampf über Wasser zu bleiben“ gewesen. Er spricht von einem „ignorierten Burnout“ und sogar von „Blutspucken“. Das klingt drastisch, soll aber vor allem zeigen, wie hoch der Aufwand war, den ein Creator betreiben muss, wenn er sein bisheriges Arbeitsmodell in ein öffentlich-rechtliches Korsett überführt. Auch das ist ein aufschlussreicher Befund: Die Kooperation mit Funk hat Prinz offenbar nicht weniger, sondern eher intensiver arbeiten lassen. Zwar schlafe er heute „ein bisschen länger“, arbeite aber im Kern „intensiver und im Grunde trotzdem jede wache Minute“.

Gerade darin liegt ein weiterer Punkt seiner Enttäuschung. Eines seiner Ziele war es offenkundig, sein Arbeitspensum besser zu verteilen und professionelle Strukturen aufzubauen, die ihn entlasten. Stattdessen blieb am Ende fast alles wieder bei ihm hängen. Er habe einsehen müssen, dass er „jeden Satz, jeden Fakt, jeden Zusammenhang am Ende nochmal gegenlesen“ müsse. Denn der Kanal sei „mein Baby“. Delegation funktionierte in seinem Fall offenbar nur begrenzt. Dass sein Publikum kaum bemerkt habe, wie stark die Redaktion in der Zwischenzeit gewachsen sei, erklärt er genau damit: Weil er am Ende doch wieder „an jedem Satz rumgefummelt“ habe.

Besonders interessant ist seine Antwort auf die Frage, ob Funk ihm wenigstens mehr Anerkennung in der etablierten Medienwelt verschafft habe. Auch hier fällt das Fazit nüchtern aus. Ja, er war in den vergangenen Monaten häufiger im Fernsehen zu sehen. Doch das habe nicht wesentlich an Funk gelegen, sondern eher an seinem Verlag und seinem Buchprojekt. Die große Aufnahme in die sogenannte Medienelite sei ausgeblieben. „Wir sind ja noch nicht mal für irgendeinen dummen Preis nominiert worden“, spottet er. Etablierte Medien, so seine These, nähmen das Internet weiterhin nicht ernst genug – selbst dann nicht, wenn erfolgreiche Creator innerhalb öffentlich-rechtlicher Strukturen arbeiten.

An diesem Punkt wird das Video fast zu einer Grundsatzrede über den Stand des deutschen Mediensystems. Prinz beschreibt eine Branche, die sich zwar zunehmend aus dem Internet bedient, dessen Akteure aber weiterhin mit Arroganz betrachtet. Seine Zusammenarbeit mit Funk habe daran „kein Millimeter“ geändert. Noch schärfer formuliert er seine Diagnose mit Blick auf die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: „Mein bitteres Fazit ist auch, der ÖR kann sich gar nicht modernisieren. Vorher müsste man ja da erstmal akzeptieren, dass man ein großes Problem hat.“ Das ist vielleicht die radikalste Aussage des gesamten Videos, weil sie den Reformwillen des Systems grundsätzlich in Zweifel zieht.

Symbolisch verdichtet er diese Wahrnehmung in einem Bild, das sicher zu den meistzitierten Passagen des Videos gehören dürfte: „Wenn Funk mit einem bunten Hemd in der Sonne sitzt und Aperol Spritz trinkt, sitzt der Rest des ÖR im Pullunder mit Kamillentee auf einem Sofa mit Schonbezügen im Dunkeln.“ Funk erscheint darin als moderne, hippe Oberfläche – aber eben nur als Ausnahme in einem insgesamt trägen Gebilde. Gerade diese modernere Einheit werde im System selbst nicht ausreichend ernst genommen, obwohl dort aus seiner Sicht die Zukunft entschieden werde.

Ein weiterer großer Kritikpunkt betrifft die strategische Ausrichtung von Funk selbst. Prinz moniert, dass das Jugendangebot aufgrund seines Auftrags strukturell gezwungen sei, immer wieder jüngere Zielgruppen zu priorisieren – auch dann, wenn Formate insgesamt erfolgreich sind. Er kritisiert die Alterslogik, die hinter vielen Entscheidungen stehe, als kontraproduktiv. Formate, deren Publikum mit ihnen älter werde, seien plötzlich problematisch, obwohl sie reale Reichweite und Bindung aufgebaut hätten. Besonders deutlich wird er, wenn er sinngemäß fragt, wer im öffentlich-rechtlichen System überhaupt noch 35-Jährige erreiche. Niemand, lautet seine Antwort. Umso absurder sei es, wenn genau solche Zuschauergruppen wieder verloren gingen, nur weil prozentuale Zielgruppenvorgaben wichtiger seien als tatsächliche Resonanz.

Auch Funks Hinwendung zu TikTok sieht er kritisch. Dass das Angebot stärker auf diese Plattform setze und YouTube ein Stück weit verlasse, hält Prinz für falsch. Seine Skepsis gegenüber TikTok ist bekannt, im Video verknüpft er sie mit einer breiteren Sorge vor algorithmischer Abhängigkeit. Denn genau diese Frage ist für ihn auch wirtschaftlich und publizistisch zentral. Einer der Hauptvorteile der Funk-Kooperation bestand für ihn darin, Planungssicherheit zu haben: feste Einnahmen, ein Team, das nicht allein vom Werbemarkt abhängt, und eine gewisse Unabhängigkeit von Plattformentscheidungen. „Und die Sicherheit, die Funk für diese Punkte gebracht hat, die ist jetzt weg“, sagt er offen.

Aus dieser Unsicherheit macht Prinz am Ende allerdings ein neues Projekt. Sein Austrittsvideo ist deshalb zugleich ein Gründungsvideo. Mit „Parabelpost“ will er gemeinsam mit seiner Community eine unabhängige Medienmarke aufbauen – über die deutsche Plattform Steady, bewusst nicht über US-Konzerne. Dort sollen Newsletter, Podcasts, Zusatzinhalte und vertiefende Recherchen entstehen. Es ist der Versuch, die Lehre aus zwei Jahren Funk in ein neues Modell zu überführen: mehr Unabhängigkeit, direktere Finanzierung durch das Publikum, weniger Abhängigkeit von Algorithmen und Plattformlogiken.

Gerade deshalb fällt sein Schlussurteil über Funk ambivalent aus. „War es ein Fehler, zu Funk zu gehen? Nein“, sagt er. Er habe viel gelernt – auch darüber, was er nicht wolle. Die Hoffnungen, die er hatte, hätten sich nicht erfüllt, aber genau das sei auch eine wichtige Erkenntnis. Am Ende bleibt kein totaler Verriss, sondern ein resigniertes „Schade“. Schade, dass Funk stärker in Richtung TikTok denke. Schade, dass starre Altersvorgaben sinnvolle Entwicklung blockierten. Schade, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht so arbeiten könne, wie das Internet es erfordere.

Und so ist „Schade, Funk“ mehr als das Ende einer Kooperation. Es ist ein selten offener Erfahrungsbericht über die Reibung zwischen Creator-Kultur und öffentlich-rechtlichem Apparat. Alex Prinz beschreibt keinen verschwörerischen Zensurapparat, sondern ein kompliziertes, schwerfälliges und oft widersprüchliches System, in dem engagierte Einzelne gegen Strukturen arbeiten, die längst nicht mehr zur Realität digitaler Öffentlichkeit passen. Gerade weil seine Kritik nicht bloß platt, sondern an vielen Stellen präzise und selbstkritisch formuliert ist, dürfte dieses Video weit über seine eigene Community hinaus Wirkung entfalten.
13.03.2026 10:41 Uhr Kurz-URL: qmde.de/169813
Fabian Riedner

super
schade


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