Mit der neuen BR-Show «Bayern, des samma mia!» will ein festes Panel rund um Maxi Gstettenbauer, Michael Altinger und Eva Karl Faltermeier erkunden, was den Freistaat heute ausmacht. Im Interview spricht Faltermeier über bayerische Humortraditionen, die Bedeutung von Dialekt – und warum Selbstironie für sie der wichtigste Bestandteil bayerischer Kultur ist.
Frau Faltermeier, «Bayern, des samma mia!» will herausfinden, wie Bayern tickt. Was macht für Sie persönlich den Kern dieses „mia“ aus?
Der Titel bezieht sich ja auf ein, vermutlich eher ironisch gemeintes, Stück von Haindling. Es gibt immer wieder Gruppen, die von sich behaupten, sie wären am bayerischsten. Das würde ich von Michael, Maxi und mir wirklich auch nur mit einem Augenzwinkern behaupten. Vor allem, weil in jeder Sendung auch jemand aus einem anderen Teil Deutschlands sitzt, wir ja nur drei sind und niemand aus Franken oder Schwaben dabei ist. Ich denke beim Titel der Sendung geht es nicht um ein abgrenzendes „Mia san mia und de andan san de andan" - sondern um ein spielerisches Erfahren dessen, was den Freistaat heute, als modernes und offenes Bundesland ausmacht. Dazu gehört Tradition natürlich auch. Was genau mit dem Titel gemeint ist, kann ich nicht sagen, weil ich ihn mir nicht ausgedacht habe. Ich nehme das "mia" nicht ganz ernst.
Sie gehören zum festen Panel der Sendung. Wie wichtig ist eine eingespielte Stammbesetzung, damit Schlagfertigkeit nicht nur laut, sondern auch klug wird?
Da es sich um eine erste Staffel handelt, kann ich das noch nicht final sagen. Ich denke, dass sich so etwas mit der Zeit zeigen könnte, wenn die Sendung mehrere Staffeln bekommt, um sich zu entwickeln. Michi Altinger kenne ich schon seit vielen Jahren, und mit ihm in der Rolle der Stammbesetzung zu sein, ist ein Geschenk. Wir haben oft eine ähnliche Humorfarbe, verstehen uns sehr gut und lieben es, auch mal richtig spontan zu blödeln. Auch hinter der Bühne. Das darf auch mal nur lustig sein.
Und bei der Schlagfertigkeit ist es ja so. Man antwortet ja quasi reflexartig. Da ist man dann als schlagfertige Person oft selbst erstaunt, was da aus dem Mund raus sprudelt. Wenn das dann nicht nur lustig, sondern auch klug ist, ist man noch sehr viel mehr über sich selbst erstaunt. Und selbst, wenn es lustig
und klug ist, bedeutet das nicht, dass nicht irgendjemand sagt: "Also, die, die finde ich nicht witzig!" Humor ist eben Geschmackssache.
Bayern wird in Comedy oft zwischen Lederhose und Laptop-Klischee verortet. Wo sehen Sie das größte Missverständnis über den Freistaat?
Das größte Missverständnis über Bayern generell ist der Ausspruch "Zwischen Laptop und Lederhose". Beispielsweise habe ich überhaupt keine Lederhose, und wohne ja trotzdem in Bayern. Und so geht es vielen. Andere haben keinen Laptop und manche haben beides nicht. Der Ausspruch ist so alt, Roman Herzog hat uns da echt einen Bärendienst erwiesen. Als er das gesagt hat, war ich 15. Jetzt bin ich 42 und frage mich immer noch, was das genau bedeutet für mich. In der Comedy ist Bayern für mich noch nie zwischen Laptop und Lederhose verortet worden. Ich bin mit beidem noch nicht aufgetreten.
Abgesehen von der Frage kann ich Eines mit Sicherheit sagen: Bayern ist ein Landstrich, in dem das Derblecken, Kabarett und das Aussingen Tradition hat. Dazu kommen Dadaismus, zu finden bei Fredl Fesl und Karl Valentin und der Polt‘sche Grant. Viele bayerische Kinder sind schon mal bei einer Sitzweil, einer Kabarettveranstaltung oder einem Bauerntheater auf einer Wirtshausbank eingeschlafen. Ich selbst auch. Mehrmals. Und wenn man da unter dem Murmeln und Kichern der Leute einschläft, denkt man sich vielleicht: Irgendwann bringe ich die Leute auch zum Lachen. Und daher ist die Lust am Lachen, an der Liberalitas Bavariae und am "Sich gegenseitig Derblecken" sehr typisch für uns. Man tritt nach oben, nicht nach unten. Man kann auch nach einem "Gstanzlsingen" wieder miteinander ein Bier trinken. Bayerischer Humor ist liberal und versöhnlich und lädt ganz dringend dazu ein, über sich selbst zu lachen. Man muss nicht seit Generationen in Bayern wohnen, um das recht schnell zu kapieren. Man muss kein politischer Kabarettist sein, um diese Tradition fortzuführen. Auch eine Münchner Stand-Up-Comedienne mit Migrationshintergrund wie Ana Lucia ist Teil dieser Humortradition. Viel mehr als jemand, der immer auf das ewig Gestrige setzt und sich humoristisch nur abgrenzt und über andere erhebt. Wenn ich in der Bühnenfigur eine Granttirade bei einem Stück loslasse, watsche ich damit immer auch mich selbst als Privatperson ab. Das ist das, was viele beim bayerischen Humor vergessen: Die Versöhnlichkeit, die Selbstironie, die Unterscheidung zwischen Bühnenfigur und echter Person. Dass humoristisch das "Samma wieder guad?" wichtiger ist, als das "Ich hab recht".
Ihr Humor lebt stark von Dialekt und Alltagsbeobachtung. Ist Dialekt für Sie eher Schutzschild, Stilmittel oder Identitätsstatement?
Dialekt ist schlicht und ergreifend die erste Sprache, die ich gelernt habe. Mein erstes System im Kopf. Meine Muttersprache. Wenn meine Mama mich als Kind beruhigt hat, dann hat sie mir liebe Kosenamen auf Bairisch ins Ohr geflüstert. Meine Oma hat mit mir auf Bairisch gesprochen. Meine ersten Worte waren Bairisch. Alles andere habe ich vor dem Hintergrund des bereits existierenden Systems im Kopf gelernt. Daher fehlen mir im Hochdeutschen auch oft Begriffe. Als Beispiel: Im Bairischen spricht man bei Frauen oft vom Nachnamen mit dem Suffix -in. Ich war immer "die Karlin". Das wird vor allem im etwas lapidaren Sinne verwendet: "Mei, sie schau o, die Karlin!" Etwas ironisch. Aber auch nett. Das vermisse ich im Hochdeutschen. Und ich hab‘ mich an das "Karlin" so gewohnt, dass ich mich bei "D' Faltermeierin" null angesprochen fühle. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Man würde ja niemanden fragen, ob er seine Muttersprache als Schutzschild, Stilmittel oder Identitätsstatement benutzt. Sie ist einfach da. Ich denke auf Bairisch. Erziehe meine Kinder auf Bairisch. Und spiele am liebsten auf Bairisch. Beschäftige mich mit Missverständnissen im Sprachgebrauch. Erforsche die regionalen Unterschiede. Ich habe sogar Bairisch im Hauptfach beim Germanistikstudium gewählt. Da ist es mir, ehrlich gesagt, ganz gleich, was alle anderen sagen, ob sich jemand am Dialekt stört, denkt, es wirke aufgesetzt, oder ob jemand sagt: "wir sagen das anders!" - Bairisch ist meine erste Sprache. Natürlich gleiche ich mich dem Gegenüber an. Das wird auf der Bühne oft spannend und lustig. Aber das passiert automatisch. Neulich habe ich in Berlin gespielt, dann kam ein Veranstalter aus Bayern zu mir und hat gesagt: "Das funktioniert ja tadellos auf Hochdeutsch!" Und ich war selber total überrascht. Weil ich das oft nicht bewusst mache mit dem Spracheumstellen.
In einer Zeit, in der Heimat politisch aufgeladen ist – kann Comedy helfen, Begriffe wie „bayerisch“ oder „Tradition“ neu und entspannter zu denken?
Der Begriff "Heimat" ist seit dem Dritten Reich politisch aufgeladen. Das ist ja das Problem. Wenn aus dem gemütlichen "Daheim", "Da-wo-man-herkommt" plötzlich ein Erhabenheitsgefühl wird. Aufs Abendland pochen, und dann zutiefst unchristlich sein zum Beispiel.
Meine Eltern haben mir das immer vermittelt, dass man das lieben kann, wo man herkommt, man sich allerdings auch die Lust auf neue Einflüsse erhalten sollte. Am Prangerdog mit dem Dirndl im Kirchenzug zu gehen und abends auf ein Punkkonzert, das war für mich nie ein Widerspruch, das habe ich immer so gehandhabt. Und wie gesagt: Die Liberalitas Bavariae ist das wichtigste Gut in Bayern. Viel wichtiger als die ewige Abgrenzung. Darum geht es bei mir in jedem Programm. Und ja, Lachen hilft immer. Über sich selbst und die eigenen Traditionen und Eigenheiten sowieso.
Mit Michael Altinger sitzt ein weiterer erfahrener Kabarettist im Panel. Entsteht da eher kreativer Wettbewerb oder solidarische Zuspitzung?
Ich bin kein Wettbewerbstyp. Schon im Schulsport war ich heilfroh, wenn ich als Letzte gewählt wurde. Ehrgeiz entwickle ich nur beim Kartenspielen und da bescheiße ich ehrlich gesagt auch viel.
Michi Altinger ist mir einer meiner liebsten Kollegen. Ich freue mich ehrlich, wenn ich ihn treffe und wir kichern total viel miteinander, weil wir gerne blödeln. Mit Michi Altinger habe ich schon moderiert, Steppnummern eingeübt und wir haben uns scherzhaft beschimpft. Wenn so jemand mit dir in einer Show sitzt, von dem du weißt: Der hat einen ganz ähnlichen Humor wie du, mit dem verstehst du dich ohne Worte, dann ist das ein Jackpot. Ich seh dem Michi schon am Blick an, wenn er eine gute Schlusspointe hat. Und dann lass ich sie ihm. Und andersrum ist es genauso.
Das Format läuft sowohl linear im BR Fernsehen als auch in der ARD Mediathek. Verändert das Wissen um ein jüngeres, digitales Publikum Ihren Ton?
Das ist die lustigste Frage, die ich jemals gestellt bekommen habe. Ich trete jeden Tag vor sehr jungem Publikum auf. Um 6 Uhr betrete ich die Bühne der Mutterschaft, und da steht dann ein verschlafenes, sehr junges und kritisches Publikum, das alles, was ich mache und sage, als Zumutung empfindet und/oder als cringe. Ich musste daher schon "sixseven" rufen, bevor es uncool wurde, nur um eine Reaktion bei diesem sehr, sehr schwierigen Alltagspublikum zu bekommen. Und die Reaktion war: "Nein, Mama - mach uns das jetzt nicht kaputt, wenn du das sagst, dann ist es schlimm!"
Im Ernst: Ich sitze nicht in einem TV-Format und überlege, wo das ausgestrahlt wird. Das müssen andere machen. Ich konzentriere mich auf den Witz, die Fragen, die Situation, die Kollegen und Kolleginnen, das Publikum im Saal und auf Maxi als Moderator. Und ich denke drüber nach, ob ich mit Rundrücken dasitze, ein Goassgschau hab und ob mein letzter Witz eigentlich ok war.
Und ich glaube, dass das "jüngere Mediathekspublikum" in etwa mein Alter hat. Außerdem wird ja jedes Format auch in die Mediathek gestellt, so besonders ist das nicht für mich.
Bayern gilt als selbstbewusst – manchmal auch als selbstgefällig. Wie viel Selbstironie braucht eine Region, um über sich selbst lachen zu können?
In der Heimat des Derbleckens, des Kabaretts und des "Aussingens" ist Selbstironie Pflicht. Wer sich nur über andere erhebt, abgrenzt und auch mal nach unten tritt, hat die humoristische Aufgabe in Bayern nicht ganz verstanden. Das ist am besten in ganzen Programmen zu erkennen. Ich habe beispielsweise eine kurze Nummer über ADHS im Programm. Wenn man die auf Instagram als Reel posten würde, dann könnte man denken, ich würde mich über die Diagnosen erheben. Wenn man sie im Stück eingebettet sieht, bemerkt, welche Figur das sagt, in welchem Moment, wie die Reaktion der anderen Figuren darauf ist, dann bemerkt man, dass das eine höchst selbstironische Nummer ist. Bei der sehr viele ihr Fett wegbekommen. Und wenn man dann noch weiß, dass meine Bühnenfigur ja auch noch im Unterschied zur Privatperson steht, dann versteht man, dass ich über mich selbst lache.
Kabarett ist oft sehr vielschichtig. Das klassischste Beispiel: Bei Gerhard Polt lachen manche mit der Bühnenfigur und manche über die Bühnenfigur. Da kann sich dann das Publikum an dem bedienen, was sie brauchen, um einen guten Abend, Selbsterkenntnis oder einfach nur Schadenfreude zu haben. Ein gutes Kabarettprogramm spricht jede Emotion im Laufe des Abends mal an. Aber nicht immer passiert das dann, wenn ich es als Künstlerin geplant habe. Manchmal verstehen Leute die Ironie nicht und denken: "Das kann die doch nicht ernsthaft sagen?" Manchmal kapieren Leute nicht, dass das, was die Figuren sagen, nicht eins zu eines meine Meinung ist. Sondern, dass die Figuren für soziale Phänomene stehen. Neulich war ein Mann von einem uralten Witz über Männer angegriffen. Den hat meine Oma schon so gesagt, und alle meine Onkels haben gelacht. Aber mir als junger Frau hat er ihn halt nicht verziehen. Weil er vielleicht die Karten geschenkt bekommen hat und auch schon mit dem Vorurteil gekommen ist: Die ist doch so eine männerhassende Tussi. Aber so ist das nun mal: Wo gehobelt wird, fallen Späne.
Sie stehen für eine sehr klare, manchmal auch direkte Haltung auf der Bühne. Gibt es Themen, bei denen Sie sagen: Da hört der Spaß auf?
Ist das so? Das wusste ich nicht. Ich finde, dass ich oft sehr sehr sehr ironisch bin. Ich finde, dass Kabarett nicht nach unten tritt. Daher darf ich auch Witze über 1860 München machen, weil ich Fan von Jahn Regensburg bin. Ein Bayernfan tut sich da schwerer.
Wenn das Publikum nach vier Folgen sagt: „So hab ich Bayern noch nie gesehen“ – wäre das für Sie das größte Kompliment?
Ich glaube, dass das Ziel von TV-Sendungen ist, dass man sie gerne schaut. Ich glaube nicht, dass eine Panel-Unterhaltungssendung den Blick auf ganz Bayern verändern kann. Ich befürchte auch, dass es Kritik gibt, wenn man denkt, man wäre mit einem festen Panel und einer Moderation aus nur drei Regierungsbezirken wirklich stellvertretend für ganz Bayern. Wir raten halt, manchmal wissen wir was, und lustig solls auch noch sein - und wenn wir damit die Leute am Freitagabend ein bisserl glücklicher machen können, ist doch viel erreicht.
Vielen Dank für das ausführliche Gespräch!
BR Fernsehen zeigt «Bayern, des samma mia!» ab Freitag, 6. März, um 22.05 Uhr. Außerdem ist die Sendung in der ARD Mediathek abrufbar.
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