Fernsehen prägt unser Bild von Autismus stärker als jede medizinische Leitlinie – in „Total Strangers. Autismus in der Popkultur“ analysiert Ulrich Merkl, wie Serien von «Rain Man» bis «The Big Bang Theory» Klischees zementieren, warum Raymond Babbitt bis heute als Referenzmodell dient – und weshalb mehr Realitätsnähe dringend nötig wäre.
Rund ein Viertel der Autisten gehört zum stark beeinträchtigten Bereich des Spektrums (wie Raymond Babbitt in «Rain Man»): Sie können nicht selbstständig leben und benötigen dauerhafte Betreuung – in Romanen und Filmen tauchen sie kaum auf. Am anderen Ende des Spektrums stehen die sogenannte Asperger- oder hochfunktionalen Autisten: Viele führen ein eigenständiges Leben, sind berufstätig und wirken nach außen „anders“, aber nicht behindert. Die fiktiven Autisten, die in Literatur und Film auftreten – und damit die Figuren dieses Buches – gehören fast ausschließlich zu dieser Gruppe. Wenn im Folgenden von „Autismus“ die Rede ist, ist stets diese Variante gemeint.
Sie zeigen, dass unser Bild von Autismus heute stark durch Serien geprägt ist. Hat das Fernsehen damit de facto mehr Definitionsmacht als Medizin und Wissenschaft?
Ja. Die meisten Menschen haben keine eigenen Erfahrungen mit Autismus. Serien dagegen erreichen pro Folge ein Millionenpublikum – und prägen so das öffentliche Bild weit stärker als Diagnostikleitlinien oder Fachliteratur. Das gilt nicht nur für Autismus, sondern auch für alle anderen Psychogramme oder Berufsbilder: „die Depressive“, „der Narzisst“, „der Lehrer“, „die Kommissarin“, „die Richterin“ – doch diese Figuren sind selten Abbilder der Realität, sondern das, was sich Drehbuchautoren und Regisseure unter solchen Menschen vorstellen oder wie sie ihrer Meinung nach beim Publikum am besten ankommen. Film ist nicht nur Kunst, sondern auch Kommerz. Filmschaffende nehmen sachliche Fehler bewusst in Kauf, um dem Publikum das zu geben, was ihm gefällt und was es gewohnt ist. So stammt fast alles, was das Publikum über Autismus zu wissen glaubt, aus fiktionalen Unterhaltungsformaten, denen auf diesem Gebiet eine ganz erstaunliche Sachkompetenz zugeschrieben wird. Film und Fernsehen hätten eine große aufklärerische Verantwortung – der sie aber nur selten gerecht werden.
Viele Serienmacher berufen sich auf Recherche – recherchieren aber bei anderen Serien. Ist Fernsehen hier in eine Art Selbstreferenzialität geraten, die Klischees eher verstärkt als aufbricht?
Ja. Viele Filmschaffende recherchieren nicht bei Fachleuten oder Betroffenen, sondern bei anderen Filmen und Romanen. So entsteht ein selbstreferenzieller Kreislauf: Fiktion prägt das Bild von Autismus – und dieses Bild prägt die nächste Fiktion. Klischees werden nicht korrigiert, sondern fortgeschrieben.
Das bekannteste Beispiel ist das „Blitzzählen“ aus «Rain Man». Als eine Schachtel Zahnstocher zu Boden fällt, erfasst Raymond Babbitt mit einem Blick, dass es sich um 246 Stück handelt. Seitdem landen in Film und Fernsehen regelmäßig Zahnstocher, Streichhölzer, Büroklammern und ähnliche Gegenstände auf dem Boden – und werden sekundenschnell fehlerfrei gezählt. Das Motiv ist so tief ins kollektive Gedächtnis eingesickert, dass manche es für eine Art Autismus-Schnelltest halten. Viele Autist:innen berichten frustriert, man schütte nach ihrem Outing erst einmal Streichhölzer oder Zahnstocher vor ihnen aus. Dass diese Fähigkeit aber selbst unter Autist:innen extrem selten ist und immer mit schwerer geistiger Beeinträchtigung einhergeht, wissen die vermeintlichen Expert:innen nicht.
Ein weiteres Beispiel: In Mark Haddons Bestseller „Supergute Tage“ (2003) verabscheut der 15-jährige Asperger-Autist Christopher Boone die Farbe Gelb. Kurz darauf bevölkern Autist:innen die Popkultur, die beim Anblick gelber Gegenstände in Panik geraten – das prominenteste Beispiel ist Rizvan Khan in «My Name Is Khan» (2010). Zwar stimmt es, dass viele Autist:innen eine Aversion gegen bestimmte Farben haben, beziehungsweise bestimmte Farben über alles lieben. Doch das gilt weder für alle Autisten, noch ist es ausgerechnet Gelb. Auch hier hat sich ein literarisches Detail verselbstständigt und zum vermeintlichen Wesensmerkmal verfestigt.
Von «Rain Man» bis «The Big Bang Theory»: Warum hält sich das Bild des genialen, sozial unbeholfenen Autisten so hartnäckig – obwohl es nur einen kleinen Teil der Realität abbildet?
Ganz aus der Luft gegriffen ist das Klischee nicht. Die meisten Asperger- (also nicht geistig behinderten) Autist:innen sind tatsächlich hochintelligent und sozial unbeholfen. Doch die Unterhaltungsindustrie überzeichnet diese Züge oft bis zur Karikatur.
Ein realitätsnaher hochfunktionaler Autist – freundlich, sachlich, kompetent, fleißig, höflich, korrekt – wäre dramaturgisch viel zu unspektakulär, genau wie authentische Lehrkräfte oder Kommissare. Behinderte, Kranke, Autisten treten im Film ja gerade darum auf,
weil sie anders sind – erst ihr Anderssein macht sie interessant. Also werden motorische Eigenheiten, monotone Sprache, Rituale, Obsessionen und Inselbegabungen maximal aufgedreht, damit das Publikum den „Autismus“ sofort erkennt. Bedient werden Erwartungen – nicht Realitäten.
Schon vor «Rain Man» gab es zahlreiche Filme mit autistischen Figuren, doch sie blieben weitgehend unbeachtet. Sie waren alle intellektuell eingeschränkt, ohne spektakuläre Begabungen – und lösten darum keine Resonanz aus. Erst Raymond Babbitts sensationelle Fähigkeiten brachten den Durchbruch. Erst sie lösten das beispiellose Interesse an Autismus aus, das bis heute andauert.
Sie sprechen von „autistisch codierten Figuren“, bei denen das Wort Autismus nie fällt. Ist das ein kreativer Kniff – oder ein bequemes Ausweichen vor Verantwortung?
Viele Film- und Serienfiguren zeigen typisch autistische Merkmale, werden aber nie explizit als autistisch bezeichnet. In der englischsprachigen Literatur spricht man von „autistic coded characters“, ich habe diese Formulierung übernommen. Auf das Problem angesprochen, räumten viele Drehbuchautor:innen sinngemäß ein: „Natürlich hat meine Figur viele autistische Züge. Ein explizites Outing habe ich aber ganz bewusst vermieden, weil ich dann eine Riesenlast am Hals gehabt hätte. Einen ‚Exzentriker‘ oder ‚Nerd‘ konnte ich nach Belieben als Gag-Lieferanten ausbeuten, aber über einen ‚Autisten‘ hätte ich mich nicht lustig machen dürfen, da hätte ich Ärger bekommen.“ So entgeht man der Kritik, ohne auf das populäre Charakterprofil verzichten zu müssen.
Im Rückblick zeigt sich, dass das ein großer Fehler war. Zum einen mussten viele Autor:innen nach teils jahrelangen Debatten letztlich doch einräumen, dass ihre Figuren klar autistisch angelegt waren. Zum anderen nahm man den Zuschauer:innen die Chance zur Selbsterkenntnis. So schreibt zum Beispiel eine Autistin: „Als «Bones» 2005 startete, zwölf Jahre vor meiner Diagnose, sagten meine Mutter und viele andere immer, ich erinnere sie so an Dr. Temperance Brennan.“ Wäre Brennan – wie ihr Erfinder das auch wollte, aber nicht durchsetzen konnte – von Beginn an als Asperger-Autistin benannt worden, dann hätte diese Frau ihre Diagnose sicher viel früher erhalten. Gerade bei weiblichen Figuren wiegt das besonders schwer. Frauen kompensieren und maskieren ihre Symptome nämlich besser als Männer und werden deshalb deutlich seltener diagnostiziert. Populäre Figuren wie Wednesday Addams, Seven of Nine, Abby Sciuto, Temperance Brennan oder Amy Farrah Fowler hätten als Rollenvorbilder zehntausenden autistischen Frauen Orientierung bieten und zu einer früheren Diagnose verhelfen können. Erst seit etwa 2017 verzichtet die Popkultur weitgehend auf solche „autistic-coded characters“ und autistische Figuren werden klar benannt – viel zu spät.
Formate wie «Monk», «The Good Doctor» oder «Ella Schön» gelten als Fortschritt. Wo liegen aus Ihrer Sicht trotzdem die problematischen Verkürzungen dieser Figuren?
Das Grundproblem bleibt stets dasselbe: Die autistischen Züge müssen deutlich genug sein, um die Figur dramaturgisch herauszuheben – dürfen aber nicht so stark überzeichnet werden, dass sie zur Karikatur ausarten. Dieser Balanceakt ist die große Herausforderung.
Zu den drei Beispielen: Die Macher von «Monk» packten so viele Spleens, Phobien, Zwänge, Tics und Neurosen in seine Figur, dass kaum noch erkennbar ist, wo eine Störung endet und die nächste beginnt. Angst-, Zwangs- und Autismus-Symptome vermischen sich zu einem regelrechten Störungsfeuerwerk. Oft scheint es bei «Monk» gar, als ginge es weniger um die Mordfälle als um seine Spleens. Diese inflationäre Häufung von Störungen war immer der Hauptgegenstand der Kritik. Zugleich lobten Betroffene, Aktivist:innen und Therapeut:innen aber gerade diese Sichtbarmachung seiner Probleme: „Besser etwas zu dick aufgetragen als die Probleme totgeschwiegen oder glattgebügelt, um nur ja nichts falsch zu machen.“ Unter dem Strich wird «Monk» darum, trotz aller Übertreibungen, als Sympathieträger und als positives Rollenmodell wahrgenommen.
Dr. Shaun Murphy («The Good Doctor») ist zwar unrealistisch im Hinblick auf seine extremen motorischen Manierismen und sein fotografisches Gedächtnis, zeigt aber ansonsten sehr glaubhaft die Probleme eines hochfunktionalen Autisten im Berufsalltag: Trotz seiner herausragenden fachlichen Kompetenz muss er wegen seiner sozial-kommunikativen Schwierigkeiten ständig um Anerkennung und sogar um seinen Arbeitsplatz kämpfen – vielen Autisten wird das bekannt vorkommen.
Dass Ella Schön sämtliche Gesetzestexte auswendig kennt, ist wenig plausibel – das wären in der Realität 5.000 engbedruckte Seiten. Wieder das vertraute Klischee der übermenschlichen Speicherkapazität. Gleichzeitig zeigt die Reihe gelungene Inklusion: Ella arbeitet an ihren sozialen Schwierigkeiten, und die Dorfgemeinschaft lernt, ihre eigenen Routinen zu hinterfragen. Man kommt sich entgegen – zum beiderseitigen Gewinn. Keine fiktive autistische Figur ist perfekt. Überzeugend wird eine Darstellung dort, wo sie insgesamt wertschätzend bleibt und zeigt, wie Inklusion praktisch funktionieren kann – und was beide Seiten dazu beitragen.
Besonders auffällig ist die Fixierung auf Inselbegabungen und fotografisches Gedächtnis. Warum scheint das Fernsehen Autismus nur dann erzählenswert zu finden, wenn er „nützlich“ oder spektakulär ist?
Weil ein „normaler“ Autist dramaturgisch viel zu unspektakulär wäre, verfügt mindestens die Hälfte aller Film- und Serienfiguren über spektakuläre Inselbegabungen – meist ein fotografisches Gedächtnis. Ein solches „absolutes“ Gedächtnis ist aber extrem selten und historisch nur für wenige Dutzend Personen überhaupt belegt (alle freilich mit starken autistischen Zügen). Dass „Autismus“ und „Inselbegabung“ heute fast synonym erscheinen, ist ein Erbe von «Rain Man». Für die Rolle bündelte Dustin Hoffman die eindrucksvollsten Fähigkeiten verschiedener realer Autisten: Von einem übernahm er das Erfassen der Zahl heruntergefallener Gegenstände, von einem anderen das Blitzrechnen, von einem anderen das Auswendiglernen eines Telefonbuchs. In der Realität gibt es aber keinen Autisten, der alle diese Kunststücke gleichzeitig beherrscht.
Vermutlich schwingt auch unbewusst der Gedanke mit, Autisten mit all ihren anstrengenden antisozialen Macken ließen sich nur dann „ertragen“, wenn sie ihre Spleens durch besondere Fähigkeiten oder Nützlichkeit kompensieren. Schon einer der ersten literarischen Autisten, Sherlock Holmes (ab 1887), ist rücksichtslos, zynisch und herablassend – selbst Fürsten und Könige behandelt er wie Bittsteller. Man lässt es ihm aber durchgehen, weil seine brillanten Deduktionsfähigkeiten ihn unersetzlich machen.
Auch Raymond Babbitt («Rain Man») muss sich auf dem Roadtrip für seinen geldgierigen Bruder erst „nützlich“ machen, indem er Karten im Casino zählt und so die Reisekasse füllt. Von da an wird er nicht nur toleriert, sondern liebevoll umsorgt. Ebenso muss sich Ella Schön durch ihre phänomenalen juristischen Kenntnisse und ihr logisch-strukturiertes Denken erst „nützlich“ machen, um von der Dorfgemeinschaft akzeptiert zu werden. Das Muster wiederholt sich: Autist:innen erhalten Anerkennung erst durch ihre Leistung, nicht einfach für das, was sie sind.
Viele Zuschauer sagen: „Ich kenne Autismus – ich habe Sheldon Cooper gesehen.“ Wie gefährlich ist diese vermeintliche Vertrautheit für gesellschaftliche Akzeptanz?
Sheldon bildet – trotz humoristischer Überzeichnung – viele Autismus-Symptome und -Eigenheiten sehr realistisch ab: intellektuelle Frühreife, psychosomatische Beschwerden, Hyperrationalität, Pedanterie, Sammelzwang, Arbeitswut und Abneigung gegen Urlaub, Angst vor dem Haareschneiden und Autofahren, vor Sozialkontakten und Nähe, ein schriftlicher Liebesvertrag, Synästhesie – typische Begleiterscheinungen von Autismus, von denen viele aber weder auf Wikipedia noch in Lehrbüchern zu finden sind. Hier war jemand am Werk, der Autismus aus erster Hand kannte – nämlich Serienschöpfer und Co-Autor Bill Prady, der selbst Asperger-Autist ist und Sheldon als sein Alter Ego angelegt hat.
Doch leider dient nicht Sheldon Cooper, sondern – fast vierzig Jahre nach seiner Entstehung – noch immer Raymond Babbitt als Referenzmodell – einer der unrealistischsten Film-Autisten überhaupt. «Rain Man» ist so tief ins kollektive Bewusstsein eingedrungen, dass Menschen, die sich als Autisten outen, bis zum heutigen Tag fast immer denselben Satz hören: „Aber du hältst weder den Kopf schief noch kannst du Zahnstocher zählen noch vierstellige Zahlen miteinander multiplizieren – du kannst unmöglich Autist sein.“ Diese Diskrepanz zwischen Realität und Popkultur erzeugt Frust und erschwert gesellschaftliche Akzeptanz.
Auffällig ist: Autistische Figuren sind fast immer moralisch integer, selten bedrohlich. Ist das ein positives Gegenbild – oder ebenfalls eine Verzerrung der Realität?
Tatsächlich sind autistische Figuren in Literatur und Film fast immer harmlos, gutmütig, hilfsbereit und sympathisch – anders als etwa schizophrene oder suchtkranke Charaktere. Es stimmt, dass Autisten oft bewusst als Gegenentwurf zu „normalen“ Menschen eingesetzt werden, um ihnen den Spiegel vorzuhalten, aber diese moralische Integrität entspricht tatsächlich der Realität. Autisten verfügen über ein stark ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein und halten sich streng an Regeln und Gesetze (oft allzu wörtlich). Sie sind unabhängig von Erfolg, Lob, Anerkennung und sozialen Zwängen. Sie wollen nicht der Größte, Stärkste oder Beste sein, haben kein Revier zu markieren, achten nicht auf ihren Vorteil. Stattdessen handeln sie ehrlich, logisch und nach festen moralischen Prinzipien. In ihrer Naivität glauben sie, alle Menschen würden genauso denken. Sie sind „zu gut für diese Welt“, von Lüge, List, Falschheit oder Bosheit wissen sie nichts – bis sie oft selbst Opfer dieser Laster werden. Das Bild der „guten“, „edlen“ Figur spiegelt also tatsächlich reale Tendenzen.
Wenn Serien Autismus falsch oder vereinfacht darstellen: Sollten Sender stärker kennzeichnen, wo Dramatisierung beginnt – ähnlich wie bei „frei nach wahren Begebenheiten“?
Unbedingt. Es gibt etwa 250 Spielfilme mit autistischen Hauptfiguren – die ich fast alle gesehen habe – und rund 70 Serien mit zusammen etwa 5000 Episoden, von denen ich etwa 1000 kenne. Doch nur
ein einziger der Filme, die ich gesehen habe, «My Name is Khan» (2010), weist im Vorspann ausdrücklich darauf hin:
„The protagonist in the film suffers from Asperger’s Syndrome, a form of autism. While the film endeavours to depict the character as authentically and sensitively as possible, it is a work of fiction and hence certain creative liberties have been taken in the portrayal of the condition.“
Warum lesen wir solche Hinweise nicht öfter?
Gerade bei «Rain Man», der viel Schaden angerichtet hat, wären erläuternde Zusatzinformationen im Vor- oder Nachspann sinnvoll, etwa:
„Nur rund ein Viertel aller Autist:innen ist wie Raymond Babbitt geistig stark eingeschränkt. Der Rest kann – je nach Ausprägung – mehr oder weniger selbstständig leben. Etwa 20 Prozent („Asperger-“ bzw. hochfunktionale Autist:innen) sind für Außenstehende kaum als autistisch erkennbar, wirken eher „anders“ oder „exzentrisch“. Menschen mit extremen Inselbegabungen sind sehr selten, auch unter Autisten. Die meisten haben auch nur eine einzelne Inselbegabung – etwa Blitzrechnen, fotografisches Gedächtnis oder Fremdsprachen –, nicht mehrere gleichzeitig wie Raymond Babbitt.“
Zum Schluss zugespitzt gefragt: Braucht das Fernsehen künftig weniger „besondere“ Autisten – und mehr Figuren, die einfach anders funktionieren, ohne erklärt zu werden?
Wir brauchen weniger Effekthascherei und mehr Realitätsnähe, Toleranz und Inklusion. Autist:innen sollten – wie Menschen mit anderen Besonderheiten – im echten Leben wie im Film selbstverständlich mitlaufen, ohne ständig erklärt zu werden. Taucht in einem Film ein Linkshänder, ein Blinder, ein Homosexueller oder eine Person mit dunkler Haut auf, wird darauf auch nicht permanent hingewiesen. Solche Menschen sind ein normaler Teil unserer Gesellschaft – genauso wie Autist:innen.
Die verwirrende Vielfalt autistischer Erscheinungsformen und der autistische Wunsch nach Unsichtbarkeit haben leider dazu geführt, dass Autismus, obwohl weit verbreitet, erst spät wissenschaftlich beschrieben und nur langsam bekannt wurde – anders als etwa ADHS, Depressionen oder LRS, die durch ihre größere Sichtbarkeit schneller gesellschaftliche Aufmerksamkeit erhielten.
„Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“, sagt Artikel 3 des Grundgesetzes. Und: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Setzen wir das gemeinsam in die Tat um – im Film wie in der Realität.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
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