Umut Dağ: ‚Absolute Gewissheit ist eine gefährliche Illusion‘

Regisseur Umut Dağ spricht über moralische Grauzonen, systemische Fehlentscheidungen und die Verantwortung, im ZDF-Thriller «Im Schatten der Angst – Der Skorpion» keine einfachen Antworten zu liefern – sondern das Publikum in die schmerzhafte Ambivalenz hineinzuziehen.

Einmal Täter, immer Täter? Was hat Sie an diesem moralischen Kernkonflikt besonders gereizt – gerade aus Sicht eines Regisseurs?
Als Regisseur ist es natürlich eine besondere Herausforderung und daher sehr spannend, das Ambivalente auszuloten. Schwarz und Weiß sind einfach, aber die Graustufen fordern uns heraus.

Mich reizt an diesem Konflikt die Wucht, das Trauma, die Tragweite, welches über das Individuum hinausreicht. Daher fällt es uns schwer, diese Illusion der einfachen Erläuterung aufzugeben. Aber wie bricht man dann aus dem Muster heraus, das einem die Gesellschaft – oder man selbst – auferlegt hat? Die größte Tragik liegt zwar in der Tat selbst, aber danach kommt der Kampf des Menschen gegen sein eigenes Muster und die Skepsis der Gesellschaft, ob dieser Kampf gewonnen werden kann. Als Regisseur trage ich die Verantwortung, nicht zu urteilen, sondern das Publikum in diese Ambivalenz mit hineinzuziehen. Ich möchte den Zuschauer:innen keine moralische Vorgabe machen, sondern die Komplexität der menschlichen Psyche so wertneutral wie möglich aufzeigen und erforschen.

Im Zentrum steht eine forensische Psychiaterin, deren fachliche Entscheidung fatale Folgen haben könnte. Wie wollten Sie die innere Zerrissenheit zwischen professioneller Verantwortung und persönlicher Schuld sichtbar machen?
Wir zeigen einen Menschen, der die Last des Systems auf seinen Schultern trägt. Ihre innere Landschaft ist ein Minenfeld: Sie muss im Angesicht der Wissenschaft über Leben und Tod, Freiheit für das Individuum und Gefahr für die Gesellschaft entscheiden und womöglich mit der persönlichen Schuld leben, wenn diese Entscheidung falsch war. Diese innere Zerrissenheit wird für mich durch das sichtbar, was nicht gesagt wird. Ich vertraue dabei auf die Kraft der Schauspielenden und deren inneren Vorgängen, die sie in ihren Blicken und in den stillen Momenten erlebbar machen und uns damit die Tiefe ihrer emotionalen Abgründe vermitteln. Die Psychiaterin ist keine distanzierte Expertin, sondern ein Mensch, der mit seinem eigenen Urteilsvermögen ringt. Wir haben versucht, die Fassade ihrer Professionalität immer wieder aufzubrechen, um die Verletzlichkeit und die immense Last dieser Verantwortung zu zeigen, die sie in sich trägt. Julia Koschitz lässt in diesen Momenten alle Masken fallen und so werden wir Zeuge dieser immensen Last, der sie uns als Karla Eckhardt zuteil werden lässt. Daher bin ich ihr sehr dankbar, dass sie, auch wegen unseres gegenseitig gewachsenen Vertrauens, diesen Wahrhaftigkeitsprozess mitgegangen ist.

Der Film thematisiert Fehlentscheidungen im Maßnahmenvollzug. War es Ihnen wichtig, hier keine einfachen Antworten zu liefern, sondern Ambivalenz auszuhalten?

Auf jeden Fall! Es ist mir sehr wichtig, Ambivalenz auszuhalten, weil wir nur so eine ehrliche Geschichte erzählen können. Wer hier einfache Antworten sucht, hat die Komplexität des menschlichen Scheiterns in meinen Augen nicht verstanden, denn die Realität ist nie einfach.

Ich möchte daher auch nicht über ein Milieu urteilen, sondern die komplexen Mechanismen dahinter verstehen und sichtbar machen. Von Versagen zu sprechen, ohne die systemischen und menschlichen Herausforderungen zu beleuchten, ist zu eindimensional betrachtet. Mein Auftrag ist es, den Blick auf die System-Lücke zu richten – den Moment, in dem gut gemeinte Logik katastrophal versagt.

Menschen machen Fehler, auch in scheinbar perfekten Systemen. Daher müssen wir die Ambivalenz bis zum Schmerz aushalten, denn nur so wird der Film zum Spiegel einer Gesellschaft, die glaubt, alles kontrollieren zu können. Die Kamera darf dabei niemals ein moralischer Zeigefinger sein.

Die Figur des Anton Lisky bleibt lange zwischen Opfer, Täter und Projektionsfläche. Wie haben Sie mit Stefan Gorski daran gearbeitet, diese Ungewissheit bewusst offen zu halten?
Lisky sollte für uns alle eine Projektionsfläche bleiben, auf die wir unsere eigenen Ängste, Vorurteile und Hoffnungen projizieren. Er ist wie ein offenes Nervensystem, das für das Publikum ein Flimmern bleibt – ist er Heilung, oder ist er Gefahr? Sobald wir das aufgelöst hätten, wäre die Wucht der Figur und die Nachhaltigkeit des Films verloren gegangen. Das war der Schlüssel zur Figur.

Mit Stefan Gorski habe ich daher viel über Natürlichkeit und das Ungesagte gearbeitet, um die Figur nicht zu erklären, sondern sie widersprüchlich zu leben. Das Vertrauen zwischen uns erlaubte es, die

Ungewissheit als seinen emotionalen Zustand zu akzeptieren. Die Ungewissheit ist das, was ihn menschlich macht – er ist ein Bündel aus inneren Widersprüchen, und das musste man mit ihm in jeder Einstellung mitfühlen können.

Mit Kommissarin Radek prallen zwei Weltbilder aufeinander: forensische Einschätzung versus polizeiliche Erfahrung. Was erzählt dieser Konflikt über unser gesellschaftliches Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle?
Der Konflikt ist elementar: Hier prallt die nüchterne, oft langsame Wissenschaft auf das archaische, schnelle Verlangen nach Ordnung. Radek repräsentiert das gesamtgesellschaftliche Bedürfnis, das sofortige Kontrolle, Aufklärung und Lösung fordert und damit eine schnelle Wiederherstellung von Sicherheit. Die forensische Einschätzung hingegen ist gezwungen, menschliche Komplexität zuzulassen, was oft langsamer ist und mehr gefühlte Unsicherheit bedeutet. Dieser Konflikt ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Er steht für das rationale, wissenschaftlich fundierte Urteil der Forensik auf der einen Seite und das intuitive auf Erfahrung, Indizien und vermeintlichen Beweisen basierende Urteil der Polizei auf der anderen. Unser gesellschaftliches Bedürfnis nach Kontrolle wird durch die Psychiaterin in Frage gestellt, die uns zwingt, über einfache
Kategorien hinauszudenken.

Als Gesellschaft sehnen wir uns nach Garanten für Sicherheit und werden wütend, wenn die Wissenschaft uns nur mit Fragen zurücklässt.

Sie haben bereits in «Vienna Blood» gezeigt, wie stark Sie psychologische Spannungen inszenieren. Was unterscheidet Ihre Herangehensweise hier – moderne Forensik statt historischer Psychologie?
Die psychologische Spannung bleibt gleich, aber die Herangehensweise ändert sich mit dem Setting. Bei «Vienna Blood» war die historische Psychologie selbst ein faszinierendes Element, das uns zurückblicken ließ. Bei Im Schatten der Angst arbeiten wir mit moderner Forensik, die uns direkt in die Gegenwart und in die aktuellsten gesellschaftlichen Debatten katapultiert. Der Kern ist aber derselbe: Es geht darum, die psychologische Tiefe der Charaktere mit größtmöglicher Ehrlichkeit zu erzählen.

Die Werkzeuge ändern sich, die Dringlichkeit bleibt. In «Vienna Blood» war die Psychologie im Entstehen, ein faszinierender, neuer Blick. Hier ist die Forensik ein etabliertes, vermeintlich fehlerfreies System. Der Unterschied liegt in der Fallhöhe: Die moderne Forensik wird als ultimative Wahrheit angesehen, und wir zeigen, dass auch diese Wahrheit brechen kann. Das ist der tiefere, verantwortungsvolle Kern der Arbeit: die Auseinandersetzung mit der Wahrheit jeder Epoche.

Der Film arbeitet viel mit stillen Momenten, Blicken und Unsicherheit statt mit klassischen Thriller-Effekten. Wie wichtig ist Ihnen dieses „leise Erzählen“ im Genre des Fernsehthrillers?
Es freut mich, dass sie das so sehen, denn diese Erzählweise ist für mich entscheidend. Denn das „leise Erzählen“ ist für mich die ehrlichste Form, einen Thriller zu inszenieren. Die größten Schockmomente entstehen im Kopf des Zuschauers. Ich versuche, mich auf die Gesichter der Schauspieler und ihre Augen zu konzentrieren, denn darin spielt sich das wahre Drama ab. Ich möchte die Zuschauer nicht mit Effekten ablenken, sondern sie zwingen, genau hinzusehen und die Unsicherheit der Figuren mitzufühlen. Das macht den Film subtiler, aber auch eindringlicher.

Die größte Wucht kommt aus der Stille. Klassische Effekte sind kurzlebig; die wahre Eindringlichkeit entsteht im Kopf der Zuschauer*innen. Dabei vertraue ich auf die Wahrhaftigkeit des Moments. Wenn ein Blick mehr Angst auslöst als jeder Schnitt, dann haben wir unsere Arbeit richtig gemacht. Das ist keine Stilentscheidung, das ist eine Verpflichtung dem Genre gegenüber: Das innere Beben muss spürbar sein.

Gerade bei Themen wie Strafvollzug und Gutachterverantwortung besteht die Gefahr der Vereinfachung. Wo lagen für Sie die größten ethischen Fallstricke in der Inszenierung?
Der größte ethische Fallstrick liegt immer in der Verurteilung. Ich bin kein Richter und möchte dem Publikum nicht sagen, was richtig oder falsch ist. Man muss als Regisseur vermeiden, die Figuren zu bloßen Schablonen zu machen oder ihre Geschichte zu instrumentalisieren. Der Moralische Imperativ darf nicht bei mir als Regisseur liegen, sondern bei jedem einzelnen, der den Film ansieht und sich mit all den Fragen, die der Film stellt, beschäftigen muss. Deswegen haben wir uns stets gefragt: Wie können wir die Geschichte so erzählen, dass wir die menschliche Würde aller Beteiligten, auch der Täter, respektieren und trotzdem die gesellschaftliche Gefahr nicht ausblenden? Es war ein ständiges Ringen um Nuancen.

Der ethische Fallstrick war, die Figuren nicht zu simplen Thesen zu degradieren. Meine Verantwortung als Regisseur ist es, die Komplexität der Psyche nicht zu verraten. Man muss vermeiden, die Opfer nur zu Opfern und die Täter nur zu Tätern zu reduzieren. Wir müssen diese Ambivalenz als eine gesellschaftliche Frage behandeln: Wie gehen wir alle mit Schuld um?

«Im Schatten der Angst» ist eine ZDF-ORF-Koproduktion. Spüren Sie bei solchen Stoffen einen besonderen öffentlich-rechtlichen Auftrag, gesellschaftliche Debatten anzustoßen?
Absolut. Das ist mehr als ein Auftrag, es ist eine Notwendigkeit. Ein Thema wie der Maßnahmenvollzug betrifft uns alle als Gesellschaft. Es ist eine wichtige Aufgabe, solche, oft verdrängten Themen aufzugreifen und sie einem breiten Publikum zugänglich zu machen – nicht um zu polarisieren, sondern um zum Nachdenken anzuregen und vielleicht ein Stück weit mehr Verständnis für die Komplexität menschlicher Schicksale zu wecken.

Wenn öffentlich-rechtliches Fernsehen solche tiefgreifenden, gesellschaftlich relevanten Stoffe nicht aufgreift, wer dann? Es geht darum, das Publikum nicht nur zu fesseln, sondern es zu einem ernsthaften Diskurs über unsere eigene Verantwortung einzuladen. Solche Filme müssen über den Sendetermin hinaus wirken. Um das zu erreichen, darf ein Film aber nicht den Fehler begehen, nur als “Themenfilm” zu funktionieren. Zuallererst muss ein Film berühren und spannend sein. Wenn das nicht der Fall ist, hat man auch keine Chance, das Thema dem Publikum näher zu bringen.

Wenn das Publikum den Film gesehen hat: Welche Frage soll idealerweise offen bleiben – über Schuld, Verantwortung oder unser Vertrauen in psychologische Urteile?
Ich hoffe, die Zuschauer nehmen die Frage mit nach Hause: Wie viel Vertrauen dürfen und müssen wir in die psychologische Urteilsfähigkeit eines Einzelnen und in unser System setzen? Der Film liefert keine abschließende Antwort, denn diese gibt es nicht. Er soll die Zuschauer dazu anregen, selbst über die Verantwortung nachzudenken, die wir alle tragen, wenn wir über andere urteilen – sei es als Gesellschaft, als Justiz oder einfach als Mensch.

Die Frage, die bleibt, muss die nach dem Preis des Vertrauens sein. Wie hoch ist der Preis, den wir als Gesellschaft bereit sind zu zahlen, wenn ein Experte im Namen der Wissenschaft über unsere Sicherheit entscheidet? Der Film darf keine Absolution erteilen. Er muss die Zuschauer mit dem unbequemen Gefühl entlassen, dass absolute Gewissheit in menschlichen Angelegenheiten eine gefährliche Illusion ist.

Danke für Ihre Zeit!

«Im Schatten der Angst» ist seit 2. März in der ZDFmediathek abrufbar. Am 9. März kommt der Spielfilm um 20.15 Uhr im ZDF.
08.03.2026 12:29 Uhr Kurz-URL: qmde.de/169327
Fabian Riedner

super
schade


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Vienna Blood Im Schatten der Angst

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