Picco von Groote über Manipulation: ‚Vertrauen zerbricht nicht mit einem Knall‘

In «In fremden Händen» gerät eine Familie in einen Strudel aus Misstrauen und schleichender Isolation – Picco von Groote spricht über Janas inneren Konflikt, moralische Grenzüberschreitungen und die Fragilität von Vertrauen.

«In fremden Händen» erzählt von schleichender Manipulation innerhalb einer Familie. Was hat Sie an der Rolle der Jana besonders gereizt – eher der familiäre Loyalitätskonflikt oder der psychologische Kampf gegen Karola?
Als ich das Drehbuch von Christian Bach zum ersten Mal gelesen habe, war ich sofort gefesselt – so intensiv passiert das nur selten. Wenn man sich nach dem Lesen fragt: „Wo bin ich eigentlich gerade?“, weil man so sehr aus dem eigenen Alltag herausgesogen wurde.

Besonders gereizt hat mich an Jana, dass ihr Konflikt nicht auf klaren Beweisen basiert, sondern zunächst nur auf einem diffusen Gefühl. Zuerst scheint es ja fast beruhigend, dass jemand bereit ist, sich um den Vater zu kümmern. Doch als Jana beginnt, Zweifel zu entwickeln, schlägt ihr Widerstand entgegen – sogar von ihrer eigenen Schwester. Das macht ihren inneren Konflikt so spannend: Sie kann ihre Sorgen nicht faktisch belegen und steht zunehmend allein da. Diesen schleichenden Prozess mitzuerleben fand ich besonders faszinierend.

Jana erlebt, wie ihr Vater zunehmend isoliert wird – und gleichzeitig verliert sie selbst den Zugang zu ihm. Wie haben Sie diesen schmerzhaften Kontrollverlust gespielt, ohne Jana nur als hysterische Tochter erscheinen zu lassen?
Jana nimmt diesen schleichenden Prozess zunächst gar nicht bewusst wahr – und genau darin liegt ja die eigentliche Gefahr. Der Bruch passiert nicht abrupt, sondern fast unmerklich. Zunächst erklärt sie sich die Distanz damit, dass ihr Vater einen bestimmten Streit vielleicht schwerer genommen hat als sie selbst. Dieses Missverständnis wirkt wie eine plausible Erklärung und beruhigt sie erst einmal.

Dass jedoch jemand gezielt versucht, die Familie auseinanderzutreiben, erscheint ihr zunächst undenkbar. Gerade das macht die Situation so perfide: Karola inszeniert sich als Vermittlerin zwischen Vater und Tochter. Jana vertraut darauf – und merkt lange nicht, dass sie sich dadurch immer weiter von ihrem Vater entfernt.

Der Film lebt stark von Misstrauen: Lange bleibt offen, ob Karola tatsächlich Täterin ist oder ob die Töchter überreagieren. Wie wichtig war es für Sie, diese Ambivalenz ernst zu nehmen?
Total wichtig! Ich glaube, dass das der Clou an diesem Film ist. Das sehr lange offen bleibt, ob das Misstrauen gerechtfertigt ist oder nicht.

Jana und ihre Schwester greifen schließlich selbst zu illegalen Mitteln, um den Vater zu retten. Wie haben Sie diese moralische Grenzüberschreitung für sich bewertet? Wird Jana zur Täterin aus Notwehr?
Jana empfindet sich in diesem Moment nicht als Täterin, sondern als Beschützerin. Für sie steht der Schutz ihrer Familie über allem. Ich glaube, viele Menschen würden sich im Nachhinein vielleicht sogar fragen, ob sie nicht früher und entschlossener hätten handeln müssen – selbst wenn das bedeutet, eine Grenze zu überschreiten, wie etwa in das Elternhaus einzubrechen.

Der Film spielt viel mit geschlossenen Räumen, Isolation und psychischem Druck. Wie stark hat diese klaustrophobische Atmosphäre Ihre Arbeit am Set beeinflusst?
Das Haus in dem wir drehen konnten war großartig, sehr speziell und sonderbar. Es war ein großes Glück, dass wir dort sein konnten. Es hilft immer, wenn Dinge von außen dazu kommen, die das Spiel unterstützen.

Désirée Nosbusch spielt Karola sehr kontrolliert und kalkuliert. Wie war das Zusammenspiel mit ihr – und wie entsteht Spannung zwischen zwei Figuren, die sich eigentlich nur misstrauisch beobachten?
Mit Desiree zu arbeiten war einfach nur großartig! Über diese Gelegenheit habe ich mich sehr gefreut. Ebenso über die Arbeit mit Robert Hunger-Bühler. Es war sehr spannend zu beobachten mit welcher Präzision und Konzentration die beiden arbeiten. Es war überhaupt toll, wenn wir als „Familie“ zusammen gekommen sind. Auch mit Bettina Burchard hat es sehr großen Spaß gemacht!

«In fremden Händen» ist kein Action-Thriller, sondern ein leiser, psychologischer Film über Macht und Abhängigkeit. Glauben Sie, dass gerade diese Form des Thrillers das Publikum heute besonders erreicht?
Ich hoffe es (lacht)

Der Film zeigt, wie schnell familiäre Beziehungen unter Verdacht zerbrechen können. Was erzählt er Ihrer Meinung nach über Vertrauen – und darüber, wie leicht es manipuliert werden kann?
Ich glaube, der Film zeigt sehr eindrücklich, dass Vertrauen etwas Fragiles ist. Gerade in Familien geht man oft davon aus, dass dieses Vertrauen selbstverständlich ist – dass es einfach da ist und nicht hinterfragt werden muss. Wenn Zweifel einmal gesät sind, beginnen Menschen, Situationen neu zu interpretieren. Plötzlich wirkt ein harmloser Satz wie ein Vorwurf, ein Abstand wie eine bewusste Zurückweisung. Vertrauen zerbricht dann nicht durch einen großen Knall, sondern durch viele kleine Risse. Für mich erzählt der Film deshalb auch, wie wichtig Kommunikation ist. Vertrauen kann nur bestehen, wenn Menschen direkt miteinander sprechen.

Wenn Sie auf Jana blicken: Ist sie am Ende stärker geworden – oder bleibt ein Bruch zurück, der sich nicht mehr heilen lässt?
Hmm, ich finde, dass das am Ende jeder für sich selbst entscheiden kann. Ich persönlich glaube, dass Jana daran gewachsen ist, weil sie es aber auch musste. Sie ist die Ältere der beiden Schwestern und hat schon früh eine Intuition in diese Richtung gehabt. Sie übernimmt Verantwortung. Dennoch bleibt in ihr eine Verletzung/Schuld zurück, die zu überwinden sie bestimmt viel Kraft kosten wird.

Danke für Ihre Zeit!

«In fremden Händen» ist am Montag, den 2. März, im ZDF zu sehen.
02.03.2026 00:01 Uhr Kurz-URL: qmde.de/169325
Fabian Riedner

super
schade


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In fremden Händen

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