In ihrem Erzählband schreibt Lidia Yuknavitch über verletzte Körper, zerstörerische Leidenschaften und die zähe Kraft des Überlebens.
Mit „Schläge“ legt die US-amerikanische Autorin Lidia Yuknavitch einen Erzählband vor, der ebenso roh wie poetisch ist. In diesen Texten sind Worte, wie das „Ms Magazine“ treffend formuliert, „sowohl Schwerter als auch Federn“: schneidend in ihrer Direktheit, zart in ihrer Hoffnung. Yuknavitch schreibt über Körper – verletzte, begehrende, widerständige Körper – und darüber, wie sich in ihnen Schmerz, Erinnerung und Überleben einschreiben.
Die Geschichten in „Schläge“ sind gewagt, provokant und aufrührerisch. Sie führen in Milieus, die selten glatt oder bequem sind: in Räume von Wut, Verzweiflung, Sucht, sexueller Obsession und existenzieller Verletzlichkeit. Doch bei aller Härte geht es der Autorin nie um bloße Schockeffekte. Vielmehr nutzt sie Grenzerfahrungen als Zugang zu einer zentralen Frage: Wie können Menschen trotz – oder gerade wegen – ihrer Wunden Sinn finden?
In der Erzählung „Cosmos“ etwa erschafft ein Hausmeister in einem Planetarium aus dem Müll der Teenager kleine Städte. Aus Abfall entsteht Bedeutung, aus Weggeworfenem etwas Eigenes. Dieses Motiv durchzieht den gesamten Band: das Umformen von Verletzung in etwas Tragfähiges. Yuknavitch interessiert sich für jene Figuren, die am Rand stehen – ehemalige Junkies, die nun clean sind; ein Mann, der mit dem Verlust eines Auges und seines Ehemannes leben muss; ein Boxer, der nach einem Schlaganfall um seine körperliche Integrität kämpft; eine junge Geflüchtete, die vom Meer aus erstmals die Küste erblickt.
Was all diese Geschichten verbindet, ist die radikale Ernsthaftigkeit, mit der Yuknavitch Körperlichkeit beschreibt. Der Körper ist hier nicht bloß Träger der Handlung, sondern Ort des Gedächtnisses und der Transformation. Leidenschaft kann zerstörerisch sein, Wut selbstschädigend, Trauer lähmend – doch in der bewussten Auseinandersetzung mit diesen Empfindungen liegt auch die Möglichkeit der Heilung. Die Figuren in „Schläge“ erfahren ihren Körper nicht nur als Gefängnis, sondern auch als Ressource.
Stilistisch arbeitet Yuknavitch mit einer dichten, bildhaften Sprache. Ihre Sätze sind oft knapp, rhythmisch, beinahe pulsierend. Sie scheut nicht vor expliziten Szenen zurück, doch selbst in den dunkelsten Momenten blitzt eine poetische Sensibilität auf. Schmerz wird nicht voyeuristisch ausgestellt, sondern in seiner existenziellen Dimension ausgelotet. Diese Verbindung von Direktheit und Feinheit verleiht den Texten eine besondere Intensität.
Auffällig ist auch, wie sehr Yuknavitch normative Vorstellungen von Identität infrage stellt. Geschlecht, Sexualität, Krankheit, Sucht – all das erscheint nicht als festgelegtes Etikett, sondern als Prozess. Ihre Figuren sind nicht eindeutig gut oder schlecht, stark oder schwach. Sie irren, treffen falsche Entscheidungen, verletzen sich und andere. Doch gerade in dieser Ambivalenz liegt ihre Glaubwürdigkeit. „Schläge“ ist kein leichter Erzählband. Er verlangt Aufmerksamkeit, Offenheit und die Bereitschaft, sich mit Unbequemem auseinanderzusetzen. Wer nach klaren moralischen Botschaften oder versöhnlichen Happy Ends sucht, wird hier nicht fündig. Stattdessen bietet Yuknavitch etwas anderes: eine ehrliche, kompromisslose Auseinandersetzung mit dem Menschsein.
Gleichzeitig ist das Buch keineswegs hoffnungslos. Immer wieder zeigt sich, dass Heilung nicht in der Verdrängung des Schmerzes liegt, sondern in seiner Anerkennung. Die ehemaligen Junkies, der trauernde Witwer, der kämpfende Boxer – sie alle finden eine Form von Stärke, die nicht auf Unverletzlichkeit beruht, sondern auf Durchhalten. Selbst die Geflüchtete, die im Meer treibt, trägt in ihrem Blick auf die Küste eine leise, aber kraftvolle Hoffnung. Mit „Schläge“ bestätigt Lidia Yuknavitch ihren Ruf als literarische Grenzgängerin. Ihre Erzählungen sind unbequem, körperlich, existenziell – und gerade deshalb berührend.
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