«The Art of Sarah»: Eine Frau erschafft sich selbst

Die neue Netflix-Eigenproduktion aus Südkorea funktioniert als interessante Fallstudie über eine Frau mit mehr als einem Doppelleben.

Mit «The Art of Sarah» setzt Netflix seine Reihe südkoreanischer Prestigeproduktionen fort – und landet dabei einen bemerkenswert stillen, beinahe eleganten Thriller, der weniger auf Schockeffekte als auf schleichende Irritation setzt. Regisseur Kim Jin-min, der bereits mit «My Name» bewiesen hat, dass er moralische Grauzonen spannungsvoll ausleuchten kann, interessiert sich hier weniger für Action als für Masken – und für das, was dahinterliegt.

Im Zentrum steht Sarah Kim, gespielt von Shin Hye-sun mit einer Mischung aus Anmut, Kalkül und kaum merklicher Verzweiflung. Sarah ist eine Frau, die sich selbst erschaffen hat – nicht im metaphorischen Sinn, sondern ganz konkret: mehrere Identitäten, mehrere Lebensläufe, mehrere Versionen ihrer selbst. Die Serie strukturiert ihre Episoden konsequent entlang dieser verschiedenen Namen. Jeder Titel wirkt wie ein neuer Anstrich auf derselben Leinwand – nur dass das darunterliegende Material allmählich durchscheint.

Der Ausgangspunkt ist ein klassischer Krimimoment: Eine Leiche wird gefunden, das Gesicht bedeckt von einer Luxushandtasche – ein Bild, das so überdeutlich symbolisch ist, dass es fast schon ironisch wirkt. Doch «The Art of Sarah» bleibt nicht bei der Oberfläche stehen. Die Ermittlungen von Park Mu-gyeong, zurückhaltend und präzise gespielt von Lee Joon-hyuk, sind weniger Jagd als Annäherung. Er verfolgt keine Spuren im üblichen Sinne, sondern Lebenslinien. Und je mehr er über Sarah herausfindet, desto diffuser wird das Bild.

Was diese Serie auszeichnet, ist ihr klarer Blick auf soziale Mobilität anstatt auf Inszenierung. Sarah bewegt sich durch Seouls Luxuswelt mit der Selbstverständlichkeit einer Eingeweihten – Designertaschen, Galerien, exklusive Events. Doch alles an ihr ist Performance. Sie hat sich in diese Welt hineingeschrieben, mit gefälschten Referenzen, erfundenen Geschäftsmodellen, strategischen Bekanntschaften. Die Serie interessiert sich dabei nicht vorrangig für die juristische Dimension des Betrugs, sondern für die psychologische: Was treibt jemanden dazu, sich immer wieder neu zu erfinden? Gier? Sehnsucht? Oder Verlorenheit?

Bemerkenswert ist dabei vor allem, wie ambivalent Sarah gezeichnet wird. Sie ist keine klassische Antiheldin, die man trotz allem bewundern soll, aber eben auch kein eindimensionaler Bösewicht. In Rückblenden, die sparsam, aber wirkungsvoll eingesetzt werden, wird deutlich, wie sehr ihr Wunsch nach Zugehörigkeit aus einem Gefühl der Unsichtbarkeit erwächst. Ihre verschiedenen Leben sind Versuche, sich selbst Bedeutung zu verleihen. Dass sie dabei andere täuscht und verletzt, wird nicht relativiert. Aber es wird verständlich.

Die Serie vermeidet es klug, ihrem Publikum eine moralische Lektion zu erteilen. Stattdessen bleibt sie in der Schwebe. Wenn am Ende Masken fallen, dann nicht mit einem lauten Knall, sondern mit einem leisen Riss. Die Frage ist nicht nur, ob Sarah auffliegt, sondern ob am Ende überhaupt noch etwas von einem „wahren“ Selbst übrig ist. «The Art of Sarah» ist damit ein Thriller, der seine Spannung aus Charakteren zieht, nicht aus Cliffhangern, eine Serie über Selbstinszenierung im Zeitalter des permanenten Vergleichs. Und vielleicht auch ein Kommentar auf eine Gesellschaft, in der Authentizität längst zur Ware geworden ist. Kühl erzählt, klug gebaut, stark gespielt – und gerade deshalb so nachhaltig.

Die Serie «The Art of Sarah» wird bei Netflix ausgestrahlt.
15.02.2026 11:20 Uhr Kurz-URL: qmde.de/168996
Oliver Alexander

super
schade


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The Art of Sarah My Name

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