In „Alles was wirklich zählt“ überträgt Francisco Medina Dramaturgie, Heldenreise und Serienlogik auf reale Biografien – und stellt sich der Frage, wo Inspiration endet und Vereinfachung beginnt.
Ihr Buch nutzt durchgehend die Metapher von Serien, Staffeln und Hauptrollen. Kritiker könnten sagen: Das ist eine sehr zugängliche, aber auch vereinfachende Erzählweise für komplexe Lebensrealitäten. Wo endet für Sie Inspiration – und wo beginnt Vereinfachung?
Geschichten eröffnen Zugänge. Sie schaffen Bilder, mit denen Menschen ihre eigenen Erfahrungen einordnen können. Die Metapher der Hauptrolle oder des inneren Drehbuchs hilft, innere Prozesse sichtbar zu machen, ohne sie festzuschreiben. Inspiration entsteht für mich dort, wo Menschen beginnen, ihre eigenen Fragen ernst zu nehmen. Genau dafür nutze ich diese Bilder.
Sie schreiben, viele Menschen seien „Statisten im eigenen Leben“. Ist das nicht auch eine problematische Zuschreibung – gerade in einer Gesellschaft, in der soziale, ökonomische und psychische Faktoren Handlungsspielräume massiv begrenzen?
Der Begriff beschreibt ein inneres Erleben, das viele Menschen kennen. Er richtet den Blick auf die Beziehung zum eigenen Leben, nicht auf äußere Bedingungen. Handlungsspielräume sind sehr unterschiedlich verteilt. Gleichzeitig bleibt die Frage, wie präsent jemand innerhalb seiner Möglichkeiten lebt. In meiner langjährigen Arbeit mit Schauspielern, Sportlern und mit Menschen allgemein habe ich festgestellt, dass die meisten Menschen sich sehr über das “Außen” identifizieren und sich ablenken, anstatt sich mit sich selbst zu befassen. Ich lade die Leser dazu ein, sich kritisch die Frage zu stellen, ob sie in ihrem Leben “die Hauptrolle” spielen und das Leben leben, was sie sich wünschen. Und wenn nicht, wie sie für mehr Erfüllung im Alltag losgehen können. Diese innere Haltung steht im Zentrum des Buches.
Ihre Popularität aus «Alles was zählt» wirkt im Buch permanent mit – selbst wenn Sie sie nicht explizit vermarkten. Sehen Sie darin einen Vertrauensvorschuss, den Sie bewusst einsetzen, oder auch eine Verantwortung, der man kritisch begegnen muss?
Sichtbarkeit schafft Aufmerksamkeit und Vertrauen. Beides geht mit Verantwortung einher. Für mich bedeutet das, sehr sorgfältig mit dem umzugehen, was ich teile. Das Buch basiert auf Erfahrungen, die viele Menschen machen. Wenn diese Aufmerksamkeit dazu beiträgt, dass Leser sich ernsthaft mit sich selbst beschäftigen, empfinde ich das als sinnvoll.
Sie beschreiben Ihren Weg vom Schauspieler zum Coach beziehungsweise „Mentor“. Der Coaching-Markt steht zunehmend in der Kritik: wenig Regulierung, viel Heilsversprechen. Wie positionieren Sie sich in diesem Umfeld?
Ich komme aus dem Schauspiel, aus der Arbeit mit Rollen, Texten und inneren Bewegungen. Was mich heute interessiert, ist weniger ein Titel als die Frage, wie Menschen wieder in einen ehrlichen Kontakt mit sich selbst kommen. Im Buch geht es nicht um schnelle Lösungen oder Versprechen, sondern um Aufmerksamkeit, Präsenz und Verantwortung für den eigenen Weg. Entwicklung beginnt für mich dort, wo jemand bereit ist, sich selbst zuzuhören und den nächsten Schritt aus dieser inneren Klarheit heraus zu gehen. Diese Haltung prägt auch meine Arbeit.
Im Buch heißt es sinngemäß: Wer sich entscheidet und „losgeht“, kann sein Leben verändern. Was sagen Sie Menschen, die genau das getan haben – und trotzdem gescheitert sind?
Durch meine eigene Biografie und die Geschichte meiner Eltern habe ich früh begriffen, dass es oft - unabhängig vom Resultat - Verbesserung bringt, sich “in Bewegung zu setzen.” Scheitern ist Teil der Reise. Es gilt im ersten Schritt, Menschen daran zu erinnern, dass sie ihren Lebensweg selbst beeinflussen können und für ihre persönliches Erfüllung “losgehen” können. Wenn sie dabei scheitern, dann gilt es die Situation zu analysieren, Erfahrungen zu sammeln und weiter zu gehen. Scheitern gehört zu biografischen Prozessen. Entscheidend ist, wie bewusst jemand diesen Weg erlebt und welche Erkenntnisse daraus entstehen.
Sie arbeiten stark mit Konzepten von Joseph Campbell, Heldenreise und Transformation. Warum sprechen diese Erzählmuster heute so viele Menschen an – und wo sehen Sie ihre Grenzen?
Diese Muster spiegeln grundlegende menschliche Erfahrungen wider: Übergänge, Zweifel, Neuausrichtung und die Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten und Wünschen. Für mich funktioniert die Metapher als Deutungsangebot und als Anstoß zur Analyse sehr gut. Sie ist allerdings keineswegs als einzige Möglichkeit der Weiterentwicklung gedacht, sondern als Inspiration für den Leser. Denn: Transformation kann laut oder sehr leise stattfinden und jeder Weg ist individuell.
Ein zentraler Gedanke Ihres Buches ist: Schauspiel ist Leben. Kritisch gefragt: Verwischen Sie damit nicht auch die Grenze zwischen Rolle und Realität – gerade für Menschen, die ohnehin unter Erwartungsdruck stehen?
Schauspieler hören oft Sätze wie: “Können Sie auf Kommando weinen?” oder “Wir wissen ja nie, wann Sie uns als Schauspieler nur etwas vorspielen.” etc. Ich glaube, da liegt ein tiefes Missverständnis zwischen Emotionen “darstellen”, also “etwas vorspielen”, und in einer Rolle Wahrhaftigkeit finden bzw. echte Emotionen zum Ausdruck zu bringen. Auf der Schauspielschule lernt man die tiefe Auseinandersetzung mit sich selbst und mit seinen Gefühlen, um dann im nächsten Schritt Zugang zu den Rollen zu finden. Im Grunde ist das die Kernaussage: Beschäftige dich mit dir selbst und deinen Gefühlen und sei in jeder deiner Rollen präsent und authentisch. Das Buch lädt dazu ein, Rollen zu erkennen und bewusst zu gestalten.
Sie schreiben sehr offen über emotionale Grenzerfahrungen, Angst, Wut und Identitätskrisen. Gab es Überlegungen, ob diese Intimität in Buchform auch missverstanden oder instrumentalisiert werden kann?
Ich habe mich bewusst entschieden, auch meine eigenen Erfahrungen zu teilen, um den Lesern zu verdeutlichen, dass ich mich verletzlich zeige und vor allem, welche Schlüsse ich aus meiner Kindheit und meinen Erfahrungen gesammelt habe, um ihnen einen Anstoß dafür zu geben, bei sich selbst zu schauen. Mir war wichtig, diese Erfahrungen ruhig und menschlich zu beschreiben. Leser entscheiden selbst, wie nah sie sich darauf einlassen.
Ihr Buch richtet sich nicht nur an Schauspieler, sondern explizit an ein breites Publikum. Ist das ein emanzipatorisches Angebot – oder auch Teil eines Marktes, der Sinnsuche ökonomisiert?
Das Buch versteht sich als Einladung, einen Moment innezuhalten und den eigenen Fragen Raum zu geben. Es möchte nichts erklären und nichts festlegen. Wenn Menschen darin Anregungen für ihre eigene Sinnsuche finden, freut mich das. Und wenn andere es einfach als persönliche Geschichte lesen und etwas darin berührt werden, ist das für mich ebenso wertvoll. Entscheidend ist nicht, wie das Buch gelesen wird, sondern dass es etwas in Bewegung bringt.
Sie positionieren sich klar gegen reine Erfolgs- und Promi-Narrative. Gleichzeitig erscheinen Buch, Coaching und Marke sehr professionell orchestriert. Wie halten Sie die Balance zwischen Authentizität und Vermarktung?
Professionalität ermöglicht Klarheit und Reichweite. Authentizität zeigt sich in der Übereinstimmung zwischen Inhalt und Haltung. Das Buch ist bewusst gestaltet und basiert auf Erfahrungen, die ich selbst gemacht habe. Diese Verbindung ist mir wichtig.
Serien haben laut Ihnen eine enorme Vorbildfunktion. Sehen Sie im heutigen Serien- und Streamingmarkt eher Räume für echte Entwicklung – oder neue Formen normierter Selbstoptimierung?
Serien eröffnen Identifikationsräume und prägen Vorstellungen von Lebenswegen. Sie können Entwicklung anregen und gleichzeitig neue Normen erzeugen. Entscheidend ist, wie bewusst wir diese Geschichten betrachten und dass wir bewusst entscheiden, was wir konsumieren und welche Auswirkungen das auf uns und unser Weltbild hat.
Wenn man Ihr Buch nicht als Lebensratgeber, sondern als medienkritischen Text liest: Was würden Sie sich wünschen, dass Leserinnen und Leser besonders hinterfragen – auch an Ihnen selbst?
Meine Perspektive ist eine Einladung zu Selbstwirksamkeit und zur Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Ich wünsche mir Leser, die neugierig prüfen, welche Geschichten ihr eigenes Leben prägen, welche Rollen sie spielen und welche sie bewusst wählen möchten.
Danke für Ihre Zeit!
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