In ihrem Buch „Stress – der stille Dickmacher“ erklärt Daniela Kielkowski, wie permanenter Medienkonsum unser Gehirn im Alarmzustand hält, den Stoffwechsel blockiert und warum bewusste Medienhygiene zur Gesundheitsfrage geworden ist.
In Ihrem Buch „Stress – der stille Dickmacher“ beschreiben Sie Stress als einen chronischen Alarmzustand des Gehirns. Inwiefern tragen permanente Medienreize – Push-Nachrichten, Newsfeeds, Second Screens – dazu bei, dass dieser Alarm gar nicht mehr abgeschaltet wird?
Permanente Medienreize wie Push-Nachrichten, Newsfeeds oder Social Media fordern vom Gehirn kontinuierlich Aufmerksamkeit, Bewertung und Reaktion. Neurobiologisch sind das genau die Prozesse, die evolutionsbiologisch mit Wachsamkeit und potenzieller Gefahr verknüpft sind. Das Gehirn unterscheidet dabei nicht, ob es sich um eine reale Bedrohung oder um eine Information handelt, die lediglich bewertet werden muss.
Entscheidend ist die individuelle Resilienz. Problematisch wird es vor allem dann, wenn diese Reize nicht bewusst dosiert werden, sondern eine dauerhafte Verfügbarkeit entsteht. Das Gehirn verbleibt im Modus der Reizverarbeitung, statt regelmäßig in den Regenerationsmodus zu wechseln. Faktoren wie Bewegung, soziale Stabilität, Selbstwirksamkeit und Nährstoffversorgung beeinflussen zusätzlich, wie gut das Gehirn solche Reize kompensieren kann.
Sie erklären, dass unser Gehirn evolutionär nicht für Dauerstress gemacht ist. Wie reagiert dieses „Steinzeit-Gehirn“ auf den heutigen permanenten Medienkonsum, der nie echte Gefahr, aber ständig Alarm simuliert?
Unser Gehirn ist biologisch nahezu identisch mit dem Gehirn von Menschen vor 10.000 Jahren. Evolution verläuft extrem langsam. Was sich rasant verändert hat, ist unsere Umwelt. Dieses evolutionsbiologisch „alte“ Gehirn ist ausgelegt auf punktuelle Reize, echte Gefahren und lange Phasen ohne Informationsflut. Heute trifft es auf permanente Informationsreize. Neurobiologisch unterscheidet das Gehirn nicht zwischen realer Bedrohung und bewertungsrelevanter Information. Jede Nachricht aktiviert Aufmerksamkeits- und Bewertungssysteme.
Das Problem ist nicht die einzelne Information, sondern das Fehlen reizfreier Intervalle. Wir haben eine digitale Welt gebaut für ein steinzeitliches Nervensystem. Unser Erfindungsgeist hat eine Welt geschaffen, die die neurobiologischen Verarbeitungsmöglichkeiten unseres Gehirns regelmäßig überschreitet.
Cortisol wird im Buch als „Saboteur im Hintergrund“ beschrieben. Welche Rolle spielt der ständige Medienkonsum dabei, den Cortisolspiegel hochzuhalten – selbst in Momenten, die eigentlich Erholung sein sollten?
Cortisol ist nicht nur ein „Stresshormon“, sondern unterliegt einem klaren circadianen Tagesrhythmus. Morgens steigt es physiologisch an, um Wachheit, Konzentration und Leistungsfähigkeit zu ermöglichen, und sinkt im Tagesverlauf wieder ab, damit Regeneration und Schlaf eingeleitet werden können. Zusätzlich zu diesem natürlichen Rhythmus steigt Cortisol immer dann an, wenn das Gehirn kognitive Leistung erbringen muss: Informationen bewerten, vergleichen, einordnen, reagieren. Genau das geschieht beim Medienkonsum. Dadurch werden Phasen, die subjektiv als Erholung empfunden werden, neurophysiologisch zu Aktivitätsphasen. Vor allem am Abend verhindert dies das natürliche Absinken des Cortisolspiegels und stört die Einleitung der nächtlichen Regeneration.
Viele Menschen greifen abends zu Serien, Social Media oder dem Handy, um zu entspannen. Warum kann genau diese Form der Entspannung laut Ihrer Argumentation das Gehirn weiter unter Stress setzen, statt es zu beruhigen?
Echte Entspannung ist neurophysiologisch dadurch gekennzeichnet, dass sensorische und kognitive Reize deutlich reduziert werden. Das Gehirn kann seine Aktivität herunterfahren, der Parasympathikus übernimmt, und das Stresshormonsystem beginnt sich zu regulieren.
Bildschirmmedien tun jedoch genau das Gegenteil: Sie liefern kontinuierlich neue visuelle, emotionale und kognitive Reize. Das Gehirn bleibt in stabiler Aktivität, weil es weiterhin Informationen verarbeitet, bewertet und einordnet. Subjektiv fühlt sich das wie „Abschalten“ an, weil man sich aus dem Alltag herauszieht. Objektiv bleibt die Hirnaktivität jedoch erhöht – und damit auch das Stresshormonsystem in einem aktiven Zustand, anstatt in die physiologische Beruhigung zu wechseln.
Sie zeigen eindrücklich, wie stark Stress den Schlaf sabotiert. Welche Effekte haben Bildschirmlicht, späte Mediennutzung und gedankliche Reizüberflutung auf den Cortisolrhythmus in der Nacht?
Blaues Licht hemmt die Melatoninproduktion. Gleichzeitig verhindern emotionale und kognitive Reize das abendliche Absinken von Cortisol. Dadurch verschiebt sich der circadiane Rhythmus. Schlaf ist jedoch nicht nur „Ruhe“, sondern eine hochaktive Regenerationsphase des Gehirns. In den Tiefschlafphasen finden körperliche Reparaturprozesse statt, das Immunsystem wird reguliert, und das Stresssystem fährt physiologisch herunter. In den REM-Phasen verarbeitet das Gehirn emotionale Erlebnisse und konsolidiert Gedächtnisinhalte – das ist die eigentliche Lern- und Integrationsphase des Tages.
Wenn Mediennutzung den natürlichen Einschlafprozess verzögert oder die Schlafarchitektur stört, werden genau diese Regenerations- und Lernphasen verkürzt oder unterbrochen. Die Folge ist nicht nur schlechterer Schlaf, sondern ein Gehirn, das am nächsten Tag weniger belastbar ist und schneller wieder in den Stressmodus gerät.
Im Buch spielen Grübelschleifen eine zentrale Rolle. Fördern Dauer-News, Krisenberichterstattung und Social-Media-Debatten genau diese mentalen Schleifen, die das Gehirn nicht mehr zur Ruhe kommen lassen?
Dauerhafte Nachrichten liefern dem Gehirn kontinuierlich neue gedankliche Anknüpfungspunkte. Diese bleiben als „offene kognitive Schleifen“ bestehen und erschweren mentales Abschalten. Wie stark sich daraus tatsächliche Grübelschleifen entwickeln, hängt wesentlich von der individuellen Resilienz, Persönlichkeitsstruktur und dem Selbstbewusstsein eines Menschen ab. Ängstliche oder unsichere Personen neigen eher dazu, Informationen weiterzudenken und gedanklich nicht loslassen zu können. Menschen mit hoher innerer Stabilität können dieselben Informationen deutlich besser einordnen und wieder loslassen.
Sie beschreiben, wie Stress das Belohnungssystem verändert. Ist endloses Scrollen eine moderne Form von Stresskompensation – vergleichbar mit Stressessen, nur auf mentaler Ebene?
Endloses Scrollen aktiviert das dopaminerge Belohnungssystem durch ständig neue kleine Reize. Das kann kurzfristig beruhigend wirken, ist jedoch keine echte Stresslösung, sondern eine Form der Kompensation – vergleichbar mit Stressessen auf mentaler Ebene.
Wie stark Menschen dieses Verhalten entwickeln, hängt wesentlich von individuellen Charaktereigenschaften ab. Personen mit höherer Stressanfälligkeit oder geringerer Selbstregulation greifen deutlich häufiger zu solchen „Mikro-Belohnungen“ als Menschen mit hoher innerer Stabilität.
Stress entsteht laut Ihrem Buch oft dort, wo Menschen Kontrollverlust empfinden. Wie sehr trägt ständige Erreichbarkeit durch Smartphone und Messenger zu genau diesem Gefühl bei?
Ständige Erreichbarkeit erzeugt eine dauerhafte Erwartungshaltung. Das Gehirn bleibt in latenter Wachsamkeit, weil jederzeit eine neue Anforderung eintreffen könnte. Hinzu kommt, dass Menschen evolutionsbiologisch stärker auf negative Informationen reagieren als auf positive. Schlechte Nachrichten, Konflikte oder Krisenmeldungen ziehen die Aufmerksamkeit stärker auf sich und werden intensiver verarbeitet.
Smartphones und Messenger verstärken diesen Effekt erheblich. Über diese Kanäle werden heute nicht nur Informationen ausgetauscht, sondern auch Konflikte ausgetragen, Beziehungsgespräche geführt, Streitigkeiten diskutiert und Alltage bewertet. Dadurch entsteht ein permanentes Mitteilungs- und Reaktionsbedürfnis. Besonders Menschen mit hohem Kommunikationsbedürfnis oder erhöhter emotionaler Sensibilität lassen sich dadurch leicht triggern.
Sie zeigen, dass Stress den Stoffwechsel blockiert, unabhängig von Kalorien. Kann exzessiver Medienkonsum also indirekt auch ein Faktor sein, der Abnehmen erschwert – weil er den Körper dauerhaft im Stressmodus hält?
Ein dauerhaft aktiviertes Stresssystem kann über erhöhte Cortisolspiegel die Fettverbrennung hemmen und gleichzeitig die Insulinwirkung herabsetzen. Dadurch kann der Körper vermehrt in einen Modus der Energiesicherung wechseln, statt Energie zu verbrauchen. Dieser neurobiologisch-hormonelle Zustand kann nicht nur Gewichtsreduktion erschweren und sondern eine Gewichtszunahme begünstigen. Völlig korrekt ist, dass unser Gehirn mehr über das Gewicht entscheidet, als falsche Ernährung, da es im Stress entscheidet, wie Nahrung verwertet wird.
Zusätzlich kann exzessive Mediennutzung indirekt dazu führen, dass andere gesundheitsrelevante Lebensstilfaktoren vernachlässigt werden: Bewegung nimmt ab, Essverhalten wird unbewusster, Schlafqualität leidet. Diese Kombination kann den Stoffwechsel zusätzlich ungünstig beeinflussen. Wichtig ist jedoch: Das betrifft nicht jeden Menschen gleichermaßen. Es kann ein Faktor sein, der bei entsprechender individueller Stressanfälligkeit und Lebensweise das Abnehmen erschwert.
Im Buch beschreiben Sie, wie Stress klares Denken untergräbt. Welche Folgen hat eine permanente Informationsflut für unsere Entscheidungsfähigkeit, Selbstkontrolle und mentale Klarheit?
Bei Dauerstress wird nicht nur der präfrontale Kortex überlastet, sondern auch der Hippocampus in seiner regulierenden Funktion geschwächt. Beide Strukturen sind entscheidend dafür, die Amygdala – unser Alarmzentrum – zu beruhigen, einzuordnen und zu relativieren.
Die Amygdala reagiert schnell, emotional und alarmierend. Der präfrontale Kortex und der Hippocampus sorgen normalerweise dafür, dass wir Situationen rational einordnen und emotional herunterregulieren können. Unter chronischer Reizüberflutung und Dauerstress wird genau diese „Bremse“ funktionell gedämpft.
Das führt dazu, dass die Amygdala weiter Alarm signalisiert, obwohl objektiv gar kein Anlass mehr besteht. Es ist, als würde eine Klingel ununterbrochen läuten, obwohl man den Finger längst vom Knopf genommen hat. Die Folge sind eingeschränkte Entscheidungsfähigkeit, verminderte Selbstkontrolle und ein Gefühl mentaler Überforderung. Für mich ist das einer der zentralsten Punkte der gesamten Stressphysiologie und gesellschaftlich hochrelevant. Denn wenn genau diese Regulationsmechanismen bei vielen Menschen gleichzeitig geschwächt sind, kann das nicht nur individuelles Verhalten verändern, sondern auch gesellschaftliche Dynamiken, Diskussionskultur und moderne Sozialstrukturen nachhaltig destabilisieren.
Resilienz ist für Sie ein zentraler Schutzfaktor. Wie lässt sich Resilienz überhaupt entwickeln, wenn das Gehirn durch Medien kaum noch echte Pausen erlebt?
Resilienz ist keine feste Eigenschaft, die man entweder besitzt oder nicht besitzt. Sie ist eine erlernbare innere Haltung. Sie entsteht durch Selbstreflexion, Bildung, Lebenserfahrung, soziale Stabilität und vor allem durch die Übernahme von Eigenverantwortung. Resilienz entwickelt sich durch Selbstreflexion, durch Wissenserwerb und vor allem durch das Erlernen, sich selbst wichtig zu nehmen, sich selbst zu mögen und sein mentales Wohlbefinden und seine Gesundheit zur Priorität zu machen. Daraus entsteht die Fähigkeit zur Abgrenzung, zur Selbstfürsorge und zur bewussten Steuerung des eigenen Alltags. Im übrigen aber auch die Fähigkeit schwächeren Menschen wirklich zu helfen.
Wichtig ist dabei auch: Medien sind nicht per se das Problem. Es ist eine Frage, welche Inhalte und Angebote man nutzt.
Wenn man Ihre Erkenntnisse ernst nimmt: Müsste Medienkonsum dann nicht genauso bewusst reguliert werden wie Ernährung oder Schlaf – als Teil einer ganzheitlichen Stressprävention?
Ja, absolut. Medienkonsum ist heute ein ebenso relevanter Einflussfaktor auf unser Stresssystem wie Schlaf, Ernährung oder Bewegung. Der Unterschied ist, dass wir diesen Faktor gesellschaftlich noch kaum als solchen wahrnehmen.
So wie wir gelernt haben, bewusst zu essen, auf Schlafhygiene zu achten und Bewegung in unseren Alltag zu integrieren, wird es zunehmend notwendig, auch den Umgang mit Medien aktiv und bewusst zu gestalten. Nicht im Sinne von Verzicht, sondern im Sinne von Dosierung, bewusster Auswahl der Inhalte und klar definierten Zeiten der Nutzung.
Medien sind nicht das Problem. Das Problem ist die fehlende Regulation. Wenn wir beginnen, Medienkonsum genauso selbstverständlich zu strukturieren wie unsere Mahlzeiten oder unseren Schlaf, wird er vom Stressverstärker wieder zu einem neutralen oder sogar positiven Werkzeug.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
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