In «Damen» verkörpert Salka Weber eine junge Frau zwischen familiären Altlasten, künstlerischer Selbstsuche und weiblicher Solidarität – ein Film über Herkunft, Gegenwart und die Kraft gemeinsamer Geschichten.
Hallo Frau Weber! Maya versucht in «Damen», möglichst unbeschwert im Hier und Jetzt zu leben – wird aber ständig von familiären Altlasten eingeholt. Was hat Sie an diesem inneren Spannungsfeld der Figur besonders angesprochen?
Die Figur von Maya und das Umfeld, in dem sie sich bewegt, ist unglaublich menschlich. Wir alle versuchen doch ständig die Balance zwischen dem Hier und Jetzt und der Geschichte, aus der wir kommen und mit der wir unabänderlich verbunden zu sein scheinen, zu finden. Dabei scheitern, leiden, lieben und wachsen wir. Mich hat besonders die Fragilität der Figur angesprochen, die versucht ihr Leben so gut es geht auf die Reihe zu bekommen und trotzdem die Suche nach Wahrhaftigkeit und Verbundenheit nicht aufgibt. Man darf Maya dabei zusehen, wie sie Dinge in sich und um sich herum entdeckt und sich dabei nie selbst verliert. Darin liegt für mich ein spannender Konflikt, den wir, denke ich, alle irgendwo kennen.
Das Messie-Problem der Mutter ist mehr als ein Randmotiv. Wie wichtig war es Ihnen, diese Form von familiärer Überforderung ohne Voyeurismus, aber mit emotionaler Klarheit zu erzählen?
Die Schnelllebigkeit, die unseren Alltag mittlerweile bestimmt, und die vielen Begegnungen mit Fremden in einer Großstadt, können sich für mich manchmal überfordernd anfühlen. Ich merke auch, dass ich in Zeiten der Überbelastung, sei es beruflich oder privat, viel weniger Verständnis für meine Mitmenschen haben kann. Ich glaube, da kann man in sich selbst schon die Ignoranz spüren, die gerade auf der ganzen Welt herrscht und etwas Selbstzerstörerisches entwickelt. Da muss man aufmerksam, feinfühlig und selbstkritisch bleiben, auch wenn es schwer fällt. Die Geschichte von Doro ist eine kleine Geschichte und letztlich austauschbar, aber zweifellos real! Jeder Mensch trägt Nöte und Konflikte in sich und versucht gleichzeitig in der Gesellschaft zu funktionieren. Ich glaube, wir tun uns allen einen Gefallen damit, mehr Verständnis füreinander aufzubringen und anderen Menschen einen Vertrauensvorschuss zu geben. Man kann nie wissen, was das Gegenüber in der U-Bahn gerade durchmacht…
Maya bewegt sich beruflich zwischen Nagelpflege, Theater und prekären Arbeitsverhältnissen. Wie sehr steht sie damit für eine Generation, die kreativ ist, aber ständig um Stabilität kämpft?
Maya ist auf jeden Fall ein Kind ihrer Zeit. Ich glaube keiner Generation von Frauen in Westeuropa war es bisher möglich so selbstbestimmt zu Leben.
So ein Lebensmodell ist natürlich komplex und kommt mit positiven, als auch negativen Aspekten. Alles in allem mag ich es aber, wenn Maya zum Thema Festanstellung an einem Theater sagt: ‚Das hätte ich alles haben können, aber das war nichts für mich.‘ Die Selbstermächtigung einer jungen Frau und die Bereitschaft mit den Konsequenzen der eigenen Entscheidungen umzugehen ist definitiv eine Geschichte, die mich als Zuseherin interessieren würde.
Der Film erzählt von einer ungewöhnlichen Gemeinschaft von Frauen unterschiedlicher Herkunft. Was macht diese „Damenrunde“ für Sie zur emotionalen Mitte des Films?
Freundschaft und Zusammenhalt sind die zentralen Themen des Films und tragen Maya durch die Geschichte hindurch. Ich mag eine Welt, in der Frauen, Freunde und Kolleginnen sich Halt geben in schwierigen und ungewissen Zeiten.
In «Damen» verschmelzen historische Migrationsgeschichten – von afroamerikanischen GIs bis zu vietnamesischen Boatpeople – mit dem heutigen München. Wie hat diese historische Tiefenschicht Ihre Sicht auf die Figur Maya beeinflusst?
Maya besteht für mich aus all diesen Figuren und Geschichten, die auch im Film ihren Platz einnehmen. Sie ist eine aufmerksame und gute Zuhörerin und interessiert sich für ihre Mitmenschen und deren Lebensrealitäten, auch wenn sie anfangs denkt, dass das alles nichts mit ihr zu tun hat. Erst im Laufe der Erzählung lässt Maya all das in sich wirken und merkt, dass in ihrer eigenen Biografie eine wichtige Figur und Erzählung fehlt. Das Umfeld und die Freundschaften die Maya pflegt, ergeben sich für mich aus einer einzigen Intuition der Figur. Es ist wie als würde man nach etwas suchen, von dem man selbst noch nichts weiß und sich intuitiv eine Umgebung schaffen, in der es möglich werden kann.
Die Liebesgeschichte mit dem Tänzer Philip wirkt bewusst leicht und schwebend. Ist diese Beziehung eher Flucht aus dem Alltag – oder ein notwendiger Impuls für Mayas Entwicklung?
Die Begegnung ist definitiv ein Impuls für Mayas Entwicklung. Die Liebe ist, auch im Film «Damen», immer ein Wagnis. Anstatt sich von dem schwindelerregenden Tempo und Druck des Alltags einnehmen zu lassen, wagt Maya also die zuerst unklare Beziehung zum Paradiesvogel Philip. Sie erkennt in dieser romantischen Beziehung ein positives Gleichgewicht zur oft rasanten Gegenwart der Arbeit. Sie begibt sich hier also notwendigerweise auf ein geheimnisvolles und irgendwie altes Abenteuer, welches ihr Kunsthandwerk als Maskenbildnerin und ihre Neugierde für Menschen vereint: Sie möchte den Menschen hinter die Maske schauen. 😀
Der Film balanciert Humor, Melancholie und gesellschaftliche Themen sehr fein. Wie haben Sie als Schauspielerin diese Tonalität gefunden, ohne dass eine Ebene die andere überdeckt?
Als Schauspielerin bereite ich mich natürlich gerne auf verschiedenste Rollen vor. Nichtsdestotrotz ist man auch da immer wieder Situationen und unerwarteten Impulsen ausgesetzt. Mit der Zeit lernt man also offen zu bleiben für verschiedenste Emotionen und Ideen, die das Schauspiel nicht nur lebendig machen, sondern es überhaupt erst ermöglichen. Ich glaube, dass diese Naivität den eigenen Emotionen gegenüber auch abseits der Kamera sehr lebenswert sein kann und vor allem zwei Dinge mit sich bringt: dieses ‚sich nicht festlegen‘ erhält unsere
Neugierde aufrecht; sie lässt uns also lernen und
lebendig fühlen. Ich versuche daher alle Töne wahrzunehmen und - dies gelingt dem Film «Damen» besonders - entscheide mich ganz bewusst für die Vielfalt anstelle der Einfalt.
«Damen» erzählt weibliche Biografien jenseits klassischer Erfolgsnarrative. Wie wichtig sind Ihnen solche Figuren im deutschen Fernsehen – gerade zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr?
Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass wir oft geblendet oder blind werden durch Kategorien und Schubladenbegriffe. Für mich ist vor allem interessant, dass die im Film dargestellte Wirklichkeit auf einer spannenden Biografie beruht, die es vermag uns etwas zu zeigen was uns alle etwas angeht. Es ist dabei weniger wichtig wer oder durch wen uns diese Erzählung näher gebracht wird, als dass eine gewisse Kraft aus ihrer Geschichte hervorgeht. Nicht zuletzt bin ich natürlich auch froh darüber, dass Frauen immer mehr die Chance bekommen uns diese Schicksale zu zeigen. Was für mich den Erfolg von «Damen» ausmacht, ist vor allem die Tatsache, dass der Film ohne die Parameter Sex, Gewalt, Action - also ohne Kompensation - auskommt.
Wenn Maya am Ende erkennt, dass Rückblick auch Rückenwind sein kann: Was wünschen Sie sich, dass das Publikum aus diesem Film für sich selbst mitnimmt?
Wir leben oft so, als wüssten wir alles über uns. Demzufolge begreifen wir uns oft als fertige Individuen für die keine Aufgabe geeigneter wäre, als anderen Menschen zu sagen wie sie sein sollen. Für Maya sind Rückblick und Neugierde ein und dasselbe. Ihre Anziehung ist so groß, dass Maya an ihre eigenen Anfänge zurückkehrt, diese überwindet und nun vogelfrei wird ihre Geschichte, nicht neu, aber selbst zu schreiben.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
Das Erste zeigt «Damen» am Mittwoch, den 18. Februar, um 20.15 Uhr. «Damen» ist seit 11. Februar in der ARD Mediathek abrufbar.
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel