Nach dem umstrittenen Sieg von Gil Ofarim sahen sich auch die «IBES»-Moderatoren mit Gegenwind konfrontiert – Quotenmeter-Redakteur Mario Thunert blickte auf die Moderationstexte, um Kritikpunkte daran zu überprüfen.
Mit Gil Ofarim brachte
«Ich bin ein Star, holt mich hier raus» in diesem Jahr einen sehr umstrittenen Gewinner hervor. Schließlich sorgte Ofarim bereits zu Camp-Zeiten für Diskussionen, mit dem, was er sagte, und dem, was er nicht sagte über seine Beweggründe im Davidstern-Skandal. Inhaltlich war es interessant zu beobachten, wie Sonja Zietlow und Jan Köppen mit der kontroversen Situation umgehen würden. Im Fazit kam nun viel Kritik an ihnen auf.
Unter anderen Anja Rützel im
SPIEGEL oder Alexander Krei bei
DWDL brachten nicht nur ausbleibende Einordnungen der Ofarim-Aussagen sowie fehlende Konfrontationen ins Spiel, sondern auch ein tendenziöses Narrativ, welches eine Rampe gebaut habe für eine Opfer/Helden-Erzählung bei gleichzeitiger Verächtlichmachung seiner schärfsten Gegenspielerin Ariel. Schlussfolgerungen aus diesen Argumentationen lassen das Resümee zu, dass RTL seinen Zuschauenden eben kein ausgewogenes Bild geboten habe, sondern ein solches, das Ofarims Sieg möglicher Weise mit-begünstigt haben könnte.
Quotenmeter hat sich die Moderationstexte der aktuellen IBES-Staffel genauer angeschaut, um daran zu überprüfen, ob RTL, Moderatoren, Autoren und Produzenten wirklich so unbeteiligt am Stimmungsbild waren, wie sie behaupten. Analysiert und Interpretiert man die vorliegenden Texte, kann man durchaus zu dem Fazit kommen, dass sie sehr wohl in eine bestimmte Kerbe schlugen – und zwar immer erbarmungsloser in die gegen Ariel.
Losgetreten wurde diese Stoßrichtung spätestens ab Folge 2. Zu dem Zeitpunkt konnte man das, was von den Moderatoren gesagt wurde, noch als Sticheleien abtun – auf Augenhöhe mit einer ebenfalls (sehr) provokativen Ariel: So nennt Sonja Zietlow die Schweizerin in einer Zwischenmoderation „Unsere Brandbeschleunigerin, unsere 'Spiritussi'“. Einen deutlich verurteilenderen Tenor schlägt im nächsten Atemzug jedoch bereits Jan Köppen ein, der ergänzt: „Egal, wie heiß es hier wird, eines wird es mit ihr (Anm. Ariel) nicht geben: Hetzefrei.“
Wäre eine solch offensive Taxierung von Ariel als Hetzerin die Ausnahme geblieben, hätte sie Ariels beleidigender Herangehensweise, die sie zum Teil an den Tag legte, einen Nadelstich entgegengesetzt. Im Folgenden stellte sich die Deklarierung von Köppen aber als Weichenstellung heraus, die die Schere Ariel (denunzierende Klägerin) und Gil (ausweichendes Opfer) immer schärfer zuspitzte.
Dahingehend deuten konnte man bereits die weiteren Kommentare noch in der gleichen Ausgabe: So sagt Zietlow: „Ja, das Verfahren gegen Gil wurde eingestellt. Begründung des Gerichts: 'Der Rechtsfrieden ist wieder hergestellt und es besteht kein öffentliches Interesse mehr an einer Strafverfolgung'“. Köppen schiebt nach: „Bei uns schon, in Sachen das Volk gegen Gil Ofarim läuft der Prozess nämlich noch und zwar da, wo solche Prozesse auch hingehören – hier beim RTL“. Eindeutig ist es natürlich nicht, aber ein unterschwellig vorwurfsvoller Tenor in Behauptung eines 'Alle gegen Einen' ließe sich interpretieren.
Würde man aus den vorigen Skizzierungen die Definition einer überzogenen und damit auch unangemessenen Moral/Moralisierung durch die anderen, allen voran Ariel, ableiten, könnte man hinterfragen, ob eine gewisse Delegitimierung als Intention seitens der Moderatoren dahintersteckt.
In Folge 4 lautet ein Moderatoren-Austausch mit Bezug zum Ariel-Gil/Ariel-Eva-Konflikt jedenfalls: „Wie eine Schweizer Ein-Mann-Garde stellt sich Ariel gegen Ehe- und Verbrecher“ (Zietlow). Köppen darauf: „Sie möchte nicht in die Prüfung mit Eva und Gil – zuerst kommt bei ihr die Moral, dann das Essen“. Als unterschwellige Botschaft wird vermittelt: Ariels Moral ist unvernünftig. Indirekt geraten so auch ihre Einwände gegen Gil in ein fragwürdiges Licht. Zudem werden sie mit Ariels Fremdgeh-Unterstellungen bezüglich Eva und Patrick gleichgesetzt und damit auf das selbe Niveau runtergebrochen.
Noch wesentlich eindeutiger wird die Stempelung von Ariel als 'überkandidelte Krawall-Nudel' in Folge 5: In einer Anmoderation ist im Hinblick auf die Camper sogar von einem RTL-internen „Zucht/Unzucht-Programm“ die Rede, aus dem Ariel wahlweise als „Mir-platzt-der-Kragen-Bär“ oder „Gemeines Eichhörnchli“ hervorgegangen sei. Zu erwähnen ist, dass dieses Mal auch Gil als „Elefant im Raum“ bzw. „Papagei, der nicht sprechen will“ Fett weg kriegt – ein Gegengewicht, das fataler Weise die Ausnahme bleiben wird.
Zwar lässt sich argumentieren, dass hier der Spieß in überspitzter Weise umgedreht wird, um Ariel ihre zeitweise diskriminierenden Beschimpfungen mit gleicher Münze zu spiegeln, allerdings wirkt der Rückgriff auf die Vokabel „Unzucht“ mit ihrer heiklen Historie schon zweifelhaft. Erst recht, weil es sich nur um eine weitere Zwischenstation handelt auf dem Weg zu einem immer massiverem (und einseitigerem) Festbeißen an Ariel als Feindbild Nummer eins.
Auch in Folge 7 sind die Hosts wieder damit beschäftigt, Ariels Sichtweise zu diskreditieren, wenn Zietlow in Anspielung auf eine Prüfung ansetzt: „Ja, in dünner Luft blüht die Schweizerin auf.“ Woraufhin Köppen zustimmt: „Da kann sie endlich von oben auf alle herabschauen“. Message: Ariel ist (zu) arrogant und hochnäsig. Weil ihre Vorhaltungen gegen Gil rhetorisch nicht ausgeklammert werden, bekommen auch diese immer mehr das Image „Überzogen“. Ofarims Opferrolle wird hier auch deshalb gestärkt, weil die Hosts Ariels Zweifel an ihm in einen
zu moralisierenden und besserwisserischen Kontext stellen. Damit nehmen sie auch eine parteiische Wertungs-
Zuschreibung vor.
Zu diesem Zeitpunkt der Staffel entsteht immer mehr die Gesamtbotschaft: Es ist nicht legitim, die Gil-Thematik immer wieder anzusprechen, mit dem gleichzeitigen Tenor: 'es ist doch auch mal gut damit'. Jan Köppen meint in Folge 8 jedenfalls verächtlich: „Hier wird wieder und wiedergekaut – mehr als im Stall von Patrick“. Auch Zietlow verwendet die Metapher eines Bandes, das vor und zurückgespult wird, bis es leiert. Köppen wiederum tönt mit genervtem Unterton im Cold-Opener von Folge 10: „Dran ist Ariel mit der eeeewig gleichen Nummer“.
Und wieder wird der Grund im offenen Konflikt zuvorderst Ariel zugeschrieben (deren 'Nummer' das nun mal sei) und nicht dem Verhalten von Gil, dessen widersprüchliche und bewusst verschwurbelte Andeutungen ebenfalls dazu beitrugen und für manch einen auch eine Provokation darstellen mochten ('mir wären meine Kinder weggenommen worden, hätte ich diese Sätze nicht verlesen'/'mir wurde verboten, darüber zu sprechen'/Verschwiegenheitserklärung'/'es geht um etwas viel Größeres').
Im weiteren Verlauf der 10. Ausgabe hält Ariel dem Sänger (in teils unangemessen beleidigender Weise) erneut das Totschweigen des Leipziger Hotel-Vorfalls vor. In der Abmoderation bleibt es jedoch erneut nicht bei der Verurteilung von Ariels Schimpfwörtern. Stattdessen greift eine immer offensichtlichere Verharmlosung der auf Ofarim gerichteten Vorwürfe, indem Ariel unterstellt wird, auch einen Ranger zu beschimpfen, wenn er sich räuspert.
In die gleiche Kerbe schlägt Zietlows Nachäffen von Ariel im Laufe der 11 Folge. In albernem Schweizer Akzent erzählt sie: „Regen?! - Aufregen könnte ich mich über das, was ein Gil gemacht hat“. Auch hier wieder die Botschaft: Die Bedenken sind albern, werden sogar zur Farce.
Das Gleichgewicht ist an diesem Punkt nicht per se deshalb gekippt, weil man sich in karikierender Weise mit Ariel auseinandersetzte, sondern vor allem deshalb, weil man es pausenlos tat und mit Gil fast gar nicht mehr. Ansätze, Ofarims teils aufgesetzt wirkende Höflichkeit oder schleimig anmutende Devotheit zu imitieren, gab es praktisch gar nicht, während man sich über sein 'ich darf nichts sagen' schon seit Folge 2 nicht mehr lustig machte.
Stattdessen wird in Folge 13 die Unterstellung einer überzogenen moralischen Bevormundung auf ihren Höhepunkt getrieben, wenn Zietlow (in Anspielung auf die Schatzsuche) unverblümt geifert: „Ariel hat zwar auch einen Kompass – aber nur einen moralischen und der ist irgendwie kaputt, denn der pendelt die ganze Zeit zwischen Gil und Eva“. In diesem Moment wird Ariel endgültig zur nervigen überdrüssigen Moralistin gestempelt, die es wohl 'übertreibt mit ihren Belehrungen und Cancel-Allüren'.
Weiterhin auffällig schwammig und nachlässig reagiert das Moderationsduo letztlich kurz vor dem Finale: In Folge 15 folgt auf Gils verfälschte Aussage „Ich bin freigesprochen“ weder Reaktion noch Widerspruch. Auch seine Verschwörungstheoretisch daherkommende Unterstellung, dass das Überwachungsvideo mit fehlender Kette in der Hotel-Lobby manipuliert worden sei, wird von Köppen halbherzig weichlich kommentiert: „Ja, manipulierte Videos, fehlende Zeugenaussagen, was davon stimmt – in don't know“. Wo sich über die Wochen in penetranter Schärfe an Ariel abgearbeitet wurde, kommt nun nicht mal das klare Wort 'Falschbehauptung' über die Lippen.
Man kann sicherlich unterschiedlicher Auffassung darüber sein, wann in den Äußerungen und im Verhalten eines (ehemals) Beschuldigten ein ausreichender Grad für Vergebung und zweite Chance erreicht ist. Braucht es die reuige Offenbarung der Motivation des Fehlverhaltens in Buße-Manier, um Einsicht und Verantwortung sicherzustellen? Oder reicht Ofarims Stellungnahme vor Gericht und sein Verweis auf die Entschuldigung beim geschädigten Hotelmitarbeiter bereits aus, um Integrität und Ruf wieder vollständig herzustellen?
Doch selbst, wenn man Letzteres für sich annimmt, ist fraglich, ob Ofarims Lavieren, seine Ausflüchte und Widersprüche, seine nebulösen Andeutungen, sein Schwanken von auf sich nehmen und von sich weisen, nicht schon wieder zu viel einreißt. Zumindest dies hätten Moderationen und Nachbesprechungen gegeneinander Aufwiegen müssen.
Verpasst wurde dies, weil sich das Autoren-Team um Micky Beisenherz und Jens Oliver Haas (eventuell auch die Moderatoren selbst) scheinbar in einer Cancel-Culture-Fixierung verbissen hat, die ihm vielleicht zu moralingesäuert erscheint. Ein daraus resultierender Tunnelblick auf Ariels Bias hat womöglich die Sicht auf eine notwendige Neu-Balancierung des Schwerpunkts blockiert. Die Rolle von RTL als tragender Instanz ist ebenfalls ein potenzieller Lenk-Faktor.
Die nachträgliche Formulierung von Beisenherz persönlich auf seinem X-Profil entspricht übrigens der Richtung der Moderationen. Von der Theorie einer „dröhnenden moralischen Selbstüberhöhung“ der Mitcamper schreibt der Autor dort, die die Zuschauer in die Arme von Ofarim getrieben haben könnte. Vielleicht war das Problem, dass schon seine Moderationen dies als Ausgangspunkt genommen und im Endeffekt reproduziert haben...
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