«The Rip»: 20 Millionen Gründe für einen Diebstahl

Routine-Razzia oder Ticket ins Paradies? Das Team von Drogenermittler Dane Dumars erwartet einen Drogengeldfund von 150.000 Dollar und entdeckt hinter einer Wand 20 Millionen. 150.000 Dollar schreiben Drogenhändler ab. 20 Mio aber sind auch für diese viel Geld. Und 20 Mio wecken auch bei den Polizisten Begehrlichkeiten.

«The Rip»

REGIE: Joe Carnahan; DREHBUCH: Joe Carnahan, Ben Affleck & Matt Damon; KAMERA: Juan Miguel Azpiroz; PRODUZENTEN: Ben Affleck, Matt Damon, Drew Vinton; MUSIK: Clinton Shorter; SCHNITT: Kevin Hale; BESETZUNG: Matt Damon (Dane Dumars), Ben Affleck (J.D. Byrne), Steven Yeun (Detective Mike Ro), Teyana Taylor (Detective Numa Baptiste), Sasha Calle (Desi), Nestor Carbonell (Captain Rivas), Scott Adkins (FBI-Agent Del Byrne)
Matt Damon ist Dane Dumars und Ben Affleck sein Partner J.D. Byrne. Die beiden Oscarpreisträger (für ihr Drehbuch zu «Good Will, Hunting») sind nicht nur durch einen gemeinsamen Ururur...großvater miteinander verbunden. In einer Branche wie Hollywood, in der Freundschaften oft so tief gehen gehen wie das Bett eines Ruhrgebietsbachs, gelten die beiden als unzertrennliche Buddys, und das, obwohl ihre Karrieren kaum unterschiedlicher hätten verlaufen können. Damon ist der ewig nette Typ von nebenan, ein Publikumsliebling, der mit den «Jason Bourne»-Filmen jahrelang das Blockbuster-Kino mitprägte. Dabei bewies er immer wieder Mut, spielte anspruchsvolle und auch schräge Rollen, ohne sich im Licht der Öffentlichkeit allzu ernst zu nehmen. Afflecks Weg hingegen glich eher einer wilden Achterbahnfahrt: Mal gefeierter Darling, mal Zielscheibe der Kritik; mal oscarreif, mal für die Goldene Himbeere nominiert. Den wohl dunkelsten Moment seiner Karriere erlebte er 2012 am Abend seines größten Triumphes. Nachdem er jahrelang eher als Kassengift und Futter für die Klatschpresse galt, wurde der von ihm konzipierte und produzierte Thriller «Argo» als „Bester Film“ mit dem Oscar geehrt. Der Regisseur Ben Affleck jedoch ging mit leeren Händen nach Hause. In der Geschichte der bisher 97 Oscarverleihungen (bis 2025) gab es lediglich 27 Fälle, in denen der Regisseur des als besten Filmes ausgezeichneten Werkes ohne Goldmann nach Hause gehen musste.

Inzwischen ist Affleck im Streaming daheim und auch Matt Damon orientiert sich mehr und mehr in diese Richtung. Und die Chemie zwischen beiden packt nach wie vor, und das, oder obwohl, sie in «The Rip» eher als Kontrahenten agieren. Da ist also dieser Einsatz. Ein Tipp führt die Einheit in eine eher ruhige Wohnsiedlung weit ab von Downtown Miami. Die Straße wirkt ruhig und das Haus, in dem die 150.000 Dollar liegen sollen, wird von einer jungen Frau ohne Vorstrafenregister bewohnt. Sie hat es von ihrer Großmutter geerbt. Es ist also möglich, dass sie tatsächlich nicht weiß, dass in dem Haus Geld versteckt sein soll. Dennoch gehen die Polizistinnen und Polizisten professionell vor, lassen die junge Frau nicht aus den Augen und suchen das Haus ab – um fündig zu werden. Doch statt der 150.000 Dollar, die der Tippgeber erwähnt hat, finden sie eimerweise Geld hinter einer Wand. Geschätzt: 20 Millionen Dollar. Der Fund lässt die Situation augenblicklich eskalieren, denn Routine hin oder her, das Team ist angeschlagen: Eine Kollegin ist ermordet worden. Es ist nicht bei einem Einsatz passiert. Ihr wurde nachts aufgelauert. Es war eine Hinrichtung und der Verdacht steht im Raum (zumindest gilt dies fürs FBI), dass ein Teammitglied möglicherweise korrupt sein könnte. Im Visier steht J.D. Byrne, der bekannt dafür ist, dass ihm sein Temperament gerne mal durchgeht und der schon lange mit seinem Job hadert. Aber auch Dane steht nicht außen vor. Dane gilt zwar als pflichtbewusst und verfügt über eine tadellose Akte, sein Sohn aber ist an Krebs gestorben, Rechnungen sind noch offen, seine Ehe ist über den Verlust des Kindes kaputtgegangen. Was, wenn er längst wusste, dass hier ein wahres Vermögen vergraben liegt? Vielleicht wollte er einfach nicht, dass ihm eine pflichtbewusste Kollegin den Coup seines Lebens vermasselt?! Einen Coup, für den er nun den Rest des Teams auf seine Seite ziehen muss – doch die Chancen stehen gut: Jeder von ihnen hat seine ganz eigenen, verdammt guten Gründe, beim Nachzählen beide Augen zuzudrücken. Denn sind wir mal ehrlich: Bei erwarteten 150.000 Dollar stellt niemand unangenehme Fragen, wenn am Ende auch exakt 150.000 in den Akten stehen.

Oder…?


Aber vielleicht trügt der Schein auch völlig und alles ist in Wahrheit ganz, ganz anders! «The Rip» ist ein düsterer Thriller, in dem die Ermittlerinnen und Ermittler, die das Geld finden, von diesem Moment an vor einer regelrechten Bergwand von vier Problemen stehen.
1. Der Geldfund ist viel höher als erwartet und es ist keine Frage, dass bei einer solchen Summe die Drogenhändler nicht einfach einen Strich durch die Rechnung ziehen und das Geld als Verlust abschreiben.
2. Der Polizei des Ortes können sie nicht trauen, deren Revier gilt als unterwandert.
3. Sie haben keinen Begleitschutz, der sie mit dem Geld rausholen könnte – und nach dem Mord an der Kollegin wissen sie nicht, ob man den Kollegen vertrauen kann.
4. Und inwieweit können sie einander vertrauen? Was, wenn einer von ihnen in dem Mord drinsteckt? Was, wenn die 20 Mio kein Zufallsfund sind? Wer ist Freund, wer ist Feind?

«The Rip» ist ein herrlich schnörkelloser Thriller von dem Schlag, wie man ihn heute fast nur noch bei den Streamern findet. Eigentlich ist das ein Jammer, denn dieser Film würde im Kino als echtes Gemeinschaftserlebnis perfekt funktionieren. Die nervenaufreibende Frage, wer hier Freund und wer Feind ist, entwickelt eine solche Wucht, dass sie im dunklen Saal noch einmal einen ganz anderen emotionalen Schub entfalten würde. Es ist dieses besondere Knistern in der Luft, wenn man als Zuschauer spürt: Ich bin nicht der Einzige hier im Raum, der gerade vor Spannung an den Fingernägeln knibbelt.



Dass «The Rip» als solider, geradlinger Spannungsthriller mitzureißen versteht, ist nicht unbedingt zu erwarten gewesen, nachdem vor allem Matt Damon sich vor dem Start kritisch über Netflix geäußert hat – was manch Kritiker als eine Art Vorabverteidigung verstand, getreu dem Motto: Der Film ist jetzt nicht so gut, aber es ist nicht unsere Schuld. In einem Gespräch mit dem Podcast «The Joe Rogan Experience» (Mitte Januar 2026) gab Damon nämlich tiefe Einblicke in die strategischen Anforderungen des Streaming-Giganten, die das klassische Geschichtenerzählen grundlegend zu verändern drohen. Laut Damon reagiert Netflix mit seinen Skript-Vorgaben direkt auf das veränderte Nutzerverhalten: Da viele Zuschauer den Fernseher nur noch als Second Screen nutzen und parallel am Smartphone scrollen, verlangt der Dienst, die Handlung eines Films drei- bis viermal innerhalb der Dialoge zu wiederholen. So soll sichergestellt werden, dass auch abgelenkte Nutzer den roten Faden nicht verlieren, wenn sie gerade den Blick vom Bildschirm abwenden. Auch die Dramaturgie, so Damon, leidet unter dem Kampf um die Aufmerksamkeit. Während klassische Actionfilme ihre Spannung und ihr Budget meist für ein großes Finale im dritten Akt aufsparen, drängt Netflix laut Damon darauf, den großen Knall bereits in die ersten fünf Minuten zu packen (hier ist es die Ermodung der Kollegin im Rahmen einer klassischen Verfolgsjagd durch das nächtliche Miami). Ziel sei es, die „Abspringrate“ zu minimieren und die Zuschauer sofort an den Inhalt zu fesseln, bevor sie zur nächsten App wechseln. Damon kritisierte diese Entwicklung deutlich: Das immersive Erlebnis, bei dem man sich voll und ganz auf eine Geschichte einlässt, weiche einer Art Hintergrundberieselung, die das kreative Potenzial des Mediums Film massiv einschränke.

Haken schlagen


Dass «The Rip» nicht so simpel verläuft, sondern durchaus seine Haken zu schlagen versteht, ist mit Sicherheit den Namen Affleck und Damon zu verdanken: Als Produzenten haben sie Regisseur Joe Carnahan («Boss Level») den Rücken freigehalten und ihm genau den Spielraum verschafft, den er brauchte. Das Ergebnis? Ein angenehm klassischer Cop-Thriller, der keine Angst vor Wendungen hat und das Publikum richtig packt.

«The Rip» ist seit 16. Januar bei Netflix abrufbar.

02.02.2026 12:23 Uhr Kurz-URL: qmde.de/168489
Christian Lukas

super
schade


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Good Will Hunting Jason Bourne Argo The Rip The Joe Rogan Experience Boss Level

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