Daniel Bax erzählt das politische Comeback einer Partei und einer Idee.
Mit „Die neue Lust auf links“ legt der Journalist und langjährige „taz“-Autor Daniel Bax das bislang erste umfassende Buch über eines der überraschendsten politischen Ereignisse der jüngeren deutschen Geschichte vor: die Wiederauferstehung der Linkspartei nach ihrem scheinbar sicheren Niedergang. Bax erzählt diese Geschichte als präzise Analyse, als Reportage aus dem Inneren der Partei – und als Momentaufnahme eines politischen Stimmungswandels, der weit über Parteigrenzen hinausweist.
Der Ausgangspunkt ist ein Moment, der sich ins politische Gedächtnis eingebrannt hat. Als Heidi Reichinnek im Januar 2025 im Bundestag Friedrich Merz entgegenschleuderte: „Wir sind die Brandmauer!“, war das mehr als eine wütende Rede. Es war der sichtbare Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins links der Mitte. Das Video verbreitete sich millionenfach auf Instagram und TikTok, wurde zum viralen Symbol – und markierte den Beginn eines politischen Comebacks, das wenige Monate zuvor kaum jemand für möglich gehalten hätte.
Daniel Bax rekonstruiert, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Noch 2023 galt Die Linke als zerstritten, überaltert und politisch marginalisiert. Der Austritt von Sahra Wagenknecht und die Gründung einer eigenen Partei schienen der finale Schlag zu sein. Umfragen sahen die Linke dauerhaft unter der Fünf-Prozent-Hürde, viele Kommentatoren schrieben bereits ihren Nachruf. Bax zeigt jedoch, dass gerade dieser Bruch einen Befreiungseffekt auslöste: alte Konflikte lösten sich, personelle Blockaden verschwanden, neue Räume entstanden.
Im Zentrum des Buches stehen die neuen Gesichter der Partei – neben Reichinnek vor allem Ines Schwerdtner und Jan van Aken. Bax beschreibt, wofür diese Generation politisch steht: für soziale Gerechtigkeit, konsequenten Antifaschismus, Klimaschutz, eine klare Haltung gegen Rassismus – aber auch für eine neue politische Sprache. Weniger ideologisch, weniger belehrend, näher an den Lebensrealitäten junger Menschen. Gerade auf sozialen Medien, so zeigt das Buch, gelang es der Linken, eine Form politischer Kommunikation zu finden, die emotional, verständlich und mobilisierend ist, ohne populistisch zu werden.
Die Wahlergebnisse von Februar 2025 sind der empirische Beleg für diese Entwicklung. Mit knapp neun Prozent zog die Linke in neuer Stärke in den Bundestag ein, unter Erstwählerinnen und Erstwählern erreichte sie über 25 Prozent, in Berlin wurde sie sogar stärkste Kraft. Innerhalb eines Jahres verdoppelte sich die Mitgliederzahl auf über 100.000 – ein Wert, von dem viele andere Parteien nur träumen können. Bax macht deutlich: Hier handelt es sich nicht um einen kurzfristigen Hype, sondern um eine strukturelle Verschiebung im linken politischen Lager.
Besonders überzeugend ist, wie Bax die innerparteilichen Veränderungen beschreibt. Er zeigt, wie die vielen Neumitglieder die Partei verändern – organisatorisch, kulturell und programmatisch. Die Linke erscheint nicht mehr als nostalgisches Projekt vergangener Kämpfe, sondern als offenes Experimentierfeld für neue Formen politischer Beteiligung. Gleichzeitig verschweigt Bax die Spannungen nicht: zwischen Pragmatismus und Radikalität, zwischen parlamentarischer Arbeit und Bewegungsorientierung, zwischen Ost- und Westdeutschland.
Ein zentrales Thema des Buches ist die Frage, ob diese neue Lust auf links von Dauer sein kann. Bax analysiert die gesellschaftlichen Bedingungen, die den Aufschwung begünstigt haben: soziale Ungleichheit, steigende Mieten, Unsicherheit durch Klimakrise und geopolitische Konflikte – aber auch der spürbare Rechtsruck in Teilen der Gesellschaft. In dieser Konstellation erscheint die Linke für viele als letzte glaubwürdige Kraft, die soziale Fragen mit einer klaren demokratischen Haltung verbindet.
Mit Blick auf kommende Landtagswahlen – etwa in Baden-Württemberg oder Sachsen-Anhalt – stellt Bax die entscheidende Frage: Kann die Linke den Rechtsruck stoppen oder zumindest bremsen? Seine Antwort bleibt bewusst offen. Das Buch ist keine Jubelschrift, sondern eine nüchterne, gut informierte Analyse, die Chancen und Risiken gleichermaßen benennt.
Stilistisch ist „Die neue Lust auf links“ klar, zugänglich und nah an den Akteuren. Bax schreibt nicht aus der Distanz des Beobachters, sondern aus großer Nähe – ohne dabei unkritisch zu werden. Das macht die Lektüre besonders wertvoll: Man versteht nicht nur, was passiert ist, sondern auch wie es sich für die Beteiligten anfühlte. So ist dieses Buch mehr als eine Parteigeschichte. Es ist ein Porträt eines politischen Moments, in dem sich zeigt, dass linke Politik in Deutschland noch immer – oder wieder – mobilisieren kann. Wer verstehen will, warum plötzlich so viele junge Menschen „links“ wieder attraktiv finden, findet in Daniel Bax’ Buch eine kluge, gut erzählte und hochaktuelle Antwort.
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