Im Bremer «Tatort» „Wenn man nur einen retten könnte“ rückt der Kriminaldauerdienst stärker ins Zentrum – und mit ihm Patrice „Prince“ Schipper, gespielt von Tijan Njie. Der Fall führt tief ins Studentenmilieu zwischen WG-Alltag, Clubnächten, Leistungsdruck und existenziellen Entscheidungen.
Sie sind als Patrice „Prince“ Schipper vom «KDD» diesmal enger an der Seite von Liv Moormann. Wie würden Sie die Dynamik zwischen den beiden beschreiben?
Ich würde die Dynamik zwischen Patrice und Liv als sehr erfrischend beschreiben – professionell, aber gleichzeitig mit einer Portion Leichtigkeit. Sie harmonieren gut und treiben den Fall gemeinsam voran. Dabei gibt es eine klare Rollenverteilung: Patrice erkennt Liv als seine Vorgesetzte an, bleibt aber aktiv und unterstützt sie, wo es nötig ist, ohne sich zurückzunehmen.
Was hat Sie an diesem Fall im Studentenmilieu zwischen Club, Uni, Drogen und Leistungsdruck besonders interessiert?
An dem Fall fand ich viele Sachen spannend. Zum Beispiel, dass WG-Leben nicht automatisch heißt, dass alle wirklich zusammenleben – oft lebt jeder einfach sein eigenes Ding. Dann der Druck an der Uni: Man sieht, wie sehr Leistungsdruck Menschen an ihre Grenzen bringen kann und dass manche versuchen, mit Rauschmitteln damit klarzukommen. Und das Thema schnelles Geld fand ich auch interessant – dass man denkt, es macht alles einfacher oder besser, aber am Ende bringt es einen nicht unbedingt weiter. In unserem Fall geht es ja auch um Dinge wie Prostitution und es wird klar, dass Entscheidungen so weit zu gehen oder gehen zu müssen komplex sind und nicht automatisch gut oder schlecht - aber es zeigt auch wie Menschen bereit sind zu gehen, um ihr Leben irgendwie zu managen.
Patrice kommt aus dem Kriminaldauerdienst. Wie unterscheidet sich sein Blick auf den Fall von dem der Hauptkommissare Moormann und Selb?
Für Patrice ist dieser Fall insofern anders, dass er sich diesmal ganz klar unterordnet und Liv Moorman den Rücken freihält – das akzeptiert er komplett. Als Kriminaldauerdienstler ist man ja eigentlich eher am Tatort, sichert Spuren, sorgt dafür, dass nichts verwischt wird und dass alles sauber dokumentiert ist. Der Hauptkommissar oder die Hauptkommissarin hingegen übernehmen die Ermittlungen, stellt die Fragen, verbindet die Fäden und zieht die Schlüsse.
Patrice beobachtet also eher, sammelt, sichert ab – und überlässt der Kommissarin das Zusammensetzen des Puzzles. Das Spannende ist, dass er trotzdem aktiv unterstützt, Impulse gibt und hinter den Kulissen viel mitdenkt, ohne dass er selbst die Leitung übernimmt.
Der Film erzählt viel über Einsamkeit und Überforderung junger Menschen. Wie nah ist Ihnen dieses Thema persönlich?
Einsamkeit und Überforderung sind Themen, die ich gut kenne, vor allem aus der Zeit nach der Schauspielschule. Man steckt viel Energie in Projekte, bereitet sich monatelang vor, und sobald die Dreharbeiten vorbei sind, fällt man oft in ein Loch – das kann sich sehr einsam anfühlen. Gleichzeitig spürt man den Druck, immer präsent sein zu müssen und mit hohen Erwartungen klarzukommen. Dieses Auf und Ab zwischen intensiver Arbeit, Verantwortung und dem Gefühl, plötzlich ‚nicht mehr relevant‘ zu sein, zeigt, wie nah Einsamkeit und Überforderung manchmal beieinanderliegen.
Wie haben Sie sich auf die Welt der WGs, Konflikte und der Clubszene vorbereitet – durch eigene Recherche oder vor allem über das Drehbuch?
Für mich war die Vorbereitung eine Mischung aus Recherche und eigenen Erfahrungen. Ich habe früher selbst in Köln in WGs gelebt, die total unterschiedlich verlaufen sind – mal harmonisch, mal eher chaotisch, jeder lebt für sich und seine eigenen Interessen. Darauf konnte ich gut zurückgreifen. Als Kommissar war ich dann natürlich auch viel in der Beobachterrolle: Gerade bei den Studenten merkt man, dass man im Stillen oft mehr mitbekommt, wenn man nicht zu sehr drängt. Für mich heißt das einfach immer wach zu sein, zu beobachten und Verhalten zu deuten.
Patrice muss in einigen Szenen empathisch sein, in anderen sehr hart auftreten. Wie finden Sie die Balance zwischen Nähe und Professionalität?
Für Patrice ist es spannend, zwischen Nähe und Distanz zu balancieren. In manchen Szenen muss er sehr empathisch sein, in anderen sehr klar und hart auftreten. Für mich heißt das, genau hinzuschauen und zu überlegen, wie man sich verhält – zum Beispiel beim Umgang mit Studenten: duzt man sie oder siezt man sie, wie schafft man Nähe, ohne die Autorität zu verlieren? Das erfordert Sensibilität und Empathie, gleichzeitig muss man sich eine gewisse Distanz bewahren. Es ist oft ein schmaler Grat, und wie man sich verhält, hängt immer von der Situation ab. Dabei geht es vor allem darum, glaubwürdig zu bleiben, aufmerksam zu beobachten und die Balance zwischen Nähe und Professionalität zu finden.
Wie war die Zusammenarbeit mit Jasna Fritzi Bauer und Luise Wolfram? Was macht das Bremer «Tatort»-Team für Sie besonders?
Die Arbeit mit Jasna und Luise war richtig harmonisch und offen. Als Schauspieler merkt man sofort, wie frei man miteinander umgehen kann, um das Beste für eine Szene und die Figuren rauszuholen – und genau das war hier der Fall. Mit Luise war es zwar nur kurz, aber sehr produktiv, mit Jasna habe ich einen ganzen Monat zusammengearbeitet. Wir haben viel gelacht, konnten spontan reagieren, neue Ideen einbringen und gemeinsam schauen, was noch aus den Szenen rauszuholen ist. Diese Offenheit am Set und das großartige Teamgefühl beim Bremer-«Tatort» haben die Arbeit für mich besonders gemacht.
Der Obdachlose Emil Klaßen wird schnell verdächtig, trägt aber eine tragische Geschichte. Wie wichtig ist Ihnen, dass Patrice Menschen nicht nur als Fallakten sieht?
Für Patrice ist es wichtig, Menschen nicht nur als Fallakten zu sehen. Jeder hat eine eigene Geschichte, und auch jemand, der schnell verdächtigt wird, hat oft eine tragische oder komplexe Lebenssituation. Als Ermittler beobachtet er genau, hört zu und versucht zu verstehen, was hinter dem Verhalten steckt – ohne dabei die Professionalität zu verlieren. Gerade das macht den Unterschied: Man kann einen Fall ernst nehmen und gleichzeitig den Menschen dahinter sehen.
Viele Zuschauer schauen den «Tatort» inzwischen nur noch in der Mediathek. Spüren Sie beim Dreh, dass auch ein jüngeres Publikum im Fokus steht?
Beim Dreh selbst merkt man eigentlich nicht direkt, für welches Publikum die Leute später einschalten. Man konzentriert sich darauf, die Szenen und Figuren glaubwürdig zu erzählen. Am Ende geht es immer darum, die Geschichte authentisch zu spielen – das bleibt für mich das Wichtigste.
Was unterscheidet Patrice Schipper von Ihren bisherigen TV-Rollen – und könnten Sie sich vorstellen, ihn häufiger im Bremer «Tatort» zu spielen?
Patrice unterscheidet sich von meinen bisherigen Rollen auf mehreren Ebenen – jede Figur ist ja für sich einzigartig. Wenn ich Unterschiede finde, dann vielleicht, dass ich bei ihm noch stärker auf meine eigene Reife zurückgreifen kann. Mit 34 bringt man einfach andere Erfahrungen und Perspektiven mit, und das spiegelt sich automatisch in der Figur wider. Es macht Spaß, diese Balance zwischen Beobachtung, Nähe und Professionalität zu spielen.
Grundsätzlich hätte ich auf jeden Fall Lust, wieder beim Bremer-«Tatort» mitzuspielen.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
Der «Tatort» „Wenn man nur einen retten könnte“ ist am Sonntag, den 25. Januar 2026, um 20.15 Uhr zu sehen.
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