Die Kritiker: «Ku'damm 77»

Eine Serie, die fast zur Parodie auf sich selbst geworden ist: In der Siebziger-Jahre-Edition hat «Ku'damm» endgültig den Anschluss an die moderne Serienerzählung verloren.

Darsteller

Monika Franck-Schöllack: Sonja Gerhardt
Caterina Schöllack: Claudia Michelsen
Helga von Boost: Maria Ehrich
Eva Fassbender: Emilia Schüle
Dorli Schöllack: Carlotta Bähre
Friederike von Boost: Marie Louise Albertine Becker
Linda Müller: Massiamy Diaby
Robert Beck: Sabin Tambrea
Mit «Ku’damm 77» setzt das ZDF seine langlebige Event-Reihe fort und will einmal mehr den großen gesellschaftlichen Umbruch anhand des Mikrokosmos der inzwischen wohlbekannten westdeutschen Tanzschule erzählen. Doch was als selbstbewusster Blick auf die späten Siebziger verkauft wird, entpuppt sich als erstaunlich biederes Prestigefernsehen, das seine eigene Brisanz scheut wie eine kalte Tanzfläche ohne Heizung.

Die Serie möchte viel: Sie will von Emanzipation erzählen, von sexueller Selbstbestimmung, von neuen Familienmodellen, vom Aufbrechen verkrusteter Moralvorstellungen. Doch anders als noch in den durchdachter erzählten Vorgängerstaffeln bleibt dieses Wollen nun ein permanentes Behaupten. Statt Konflikte auszuhalten, erklärt «Ku’damm 77» sie in didaktischen Dialogen, die klingen, als habe man sie direkt aus einem bebilderten Geschichtsbuch abgeschrieben. Die Figuren sprechen nicht miteinander, sie referieren. Und zwar für ein Publikum, dem man offenbar nicht zutraut, Subtext zu erkennen.

Besonders problematisch gerät dabei der Umgang mit den weiblichen Kernfiguren. Vordergründig stehen sie im Zentrum, sollen stark, widersprüchlich und modern wirken. Tatsächlich aber werden sie immer wieder auf bekannte Fernsehfunktionen reduziert: die Leidende, die Rebellin, die Vernünftige. Ihre inneren Konflikte werden nicht gezeigt, sondern in bedeutungsschweren Nahaufnahmen behauptet, während der Soundtrack emphatisch anschwillt. Das Ergebnis ist eine Emotionalisierung ohne emotionale Tiefe – ein bekanntes Stilmittel des deutschen Eventfernsehens, das auch hier jede Ambivalenz glattbügelt.

Visuell bleibt «Ku’damm 77» derweil in seiner eigenen Hochglanzfalle stecken. Die Ausstattung ist makellos, die Kostüme sitzen perfekt, jede Szene wirkt ausgeleuchtet wie ein Werbespot für Nostalgie. Doch genau darin liegt das Problem: Diese Siebzigerjahre fühlen sich nie schmutzig, nie widersprüchlich, nie wirklich situativ an. Alles ist Kulisse, alles ist Dekoration. Die Serie interessiert sich mehr für Outfits und Tapetenmuster als für die tatsächlichen sozialen Spannungen jener Zeit. Geschichte wird hier zur Wohlfühloberfläche.

Dramaturgisch verlässt sich die Serie auf altbewährte Mechanismen: Geheimnisse, die möglichst spät enthüllt werden, Konflikte, die sich durch ein klärendes Gespräch in Luft auflösen, und Männerfiguren, die entweder als gestrige Antagonisten oder als überraschend verständnisvolle Unterstützer fungieren. Beides wirkt gleichermaßen konstruiert. Ohne zu viel verraten zu wollen: Gerade dort, wo «Ku’damm 77» unbequem werden könnte, zieht es den Schwanz ein und entscheidet sich für den versöhnlichen Ausweg.

Was besonders irritiert, ist dabei der inzwischen überbordende selbstzufriedene Gestus, mit dem die Serie ihr eigenes geschichtliches Fortschreiten ausstellen will. Immer wieder scheint sie sich auf die Schulter zu klopfen: Seht her, wir reden über die heißen Eisen der Siebziger. Doch das Reden bleibt folgenlos, weil die Konsequenzen für die Figuren viel zu oberflächlich geführt werden. Gesellschaftlicher Wandel wird zur episodischen Behauptung, nicht zur spürbaren Erschütterung.

So bleibt «Ku’damm 77» letztlich ein Paradebeispiel dafür, wie gut gemeintes Fernsehen an seiner eigenen Harmlosigkeit scheitert. Die Serie will relevant sein, will Haltung zeigen, will Geschichte greifbar machen – und verliert sich dabei in Konventionen, die längst selbst zum Problem geworden sind. Was übrig bleibt, ist ein geschniegelt inszenierter Blick zurück, der mehr beruhigt als herausfordert. Für eine Geschichte über Umbruch und Befreiung ist das erstaunlich mutlos.

Die drei Folgen von «Ku’damm 77» werden von Montag, den 12. Januar, bis Mittwoch, den 14. Januar, um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt.
10.01.2026 11:20 Uhr Kurz-URL: qmde.de/167923
Oliver Alexander

super
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Ku’damm 77

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