Mit «THE WILD HOUSE» will van Brakel,Ordnung in ein Land voller Widersprüche bringen. Die langjährige USA-Korrespondentin spricht über politische Polarisierung, mediale Parallelwelten und eine Demokratie im Stresstest – und erklärt, warum die Vereinigten Staaten heute weniger an einzelnen Ereignissen scheitern als an tiefgreifenden mentalen und strukturellen Verschiebungen.
Frau van Brakel, Ihr neuer Podcast trägt den Titel «THE WILD HOUSE – Das neue Amerika verstehen». Was genau ist aus Ihrer Sicht heute so schwer „zu verstehen“ an den USA – selbst für erfahrene Beobachter?
Schwer zu verstehen ist heute weniger, was in den USA passiert, sondern warum so viele Entwicklungen parallel existieren können. Man erlebt ein Land, das wirtschaftlich stark, technologisch führend und militärisch dominant ist - und gleichzeitig tief verunsichert, polarisiert und emotional aufgeladen. Selbst für erfahrene Beobachter ist es herausfordernd, diese Widersprüche zusammenzudenken. Dazu kommt ein Präsident, der die Unberechenbarkeit als Waffe nutzt - die sogenannte Madman-Theorie als politisches Werkzeug. Die Idee dahinter: Andere sollen denken „Der ist zu allem fähig“. Außerdem macht Donald Trump seine „Deals“ gern auf Basis des Prinzips ‘einer gegen einen', löst Probleme also in einer Art Duell. Und all das zu erklären - genau dort setzt «THE WILD HOUSE» an.
Wenn Sie auf Ihre Zeit als US-Korrespondentin zurückblicken: An welchem Punkt hatten Sie erstmals das Gefühl, dass sich die politische Kultur des Landes grundlegend verschiebt – nicht nur Regierungen, sondern Denkweisen?
Ein Wendepunkt war für mich nicht ein einziger Moment, sondern die Phase nach 2016. Da habe ich mehr und mehr realisiert, dass den Menschen die Loyalität gegenüber Parteien bzw. Führungspersonen wichtiger wurde als Fakten. Und das hat sich vor allem im privaten Umfeld gezeigt. Ich bin unter anderem in San Antonio großgeworden, habe dort mit einer texanischen Familie gelebt, die ich bis heute jedes Jahr spätestens an Thanksgiving besuche.
Während der ersten Amtszeit von Donald Trump wurden aus einem ‚Family-Happening‘ zwei: die, die Donald Trump unterstützt haben und die, die gegen seine Politik waren. Inzwischen gibt es übrigens drei Mal Turkey für mich - ein weiterer Teil der Familie möchte nämlich überhaupt nicht mehr über Politik sprechen. Was ich damit sagen möchte: Diskussionen haben ihren Charakter verändert: Es geht weniger um Lösungen als um Zugehörigkeit. Dieser mentale Shift - weg vom Aushandeln, hin zum Abgrenzen - hat die politische Kultur nachhaltiger verändert als jede einzelne Gesetzesinitiative.
Donald Trump ist längst mehr als eine Person - er steht für eine Haltung, eine Bewegung. Was hat seine Präsenz dauerhaft im politischen und gesellschaftlichen Klima der USA verändert?
Donald Trump hat Grenzen verschoben - sprachlich, institutionell, moralisch. Den Angriff auf Venezuela, den er live am Bildschirm verfolgte, vergleicht er mit einer TV-Show. Politik ist in den USA inzwischen auch Entertainment. Dinge, die früher als Tabu-Bruch galten, sind heute Teil des politischen Alltags. Gegenspieler werden vorgeführt - wir erinnern uns alle an den ersten Besuch des ukrainischen Präsidenten bei Donald Trump im Oval Office. Was folgt und das erlebe ich immer wieder im Gespräch mit den Menschen, viele verstehen Politik inzwischen als Kampf - weniger als Kompromiss. Gleichzeitig gibt der US-Präsident vielen Amerikanerinnen und Amerikanern das Gefühl, endlich gehört zu werden - u.a. mit seiner America-First-Strategie. Nehmen wir nochmal das Beispiel Venezuelas: Amerika brauche „good neighbors“, sagt Donald Trump - „gute Nachbarn“, eine sichere Umgebung für die Bürgerinnen und Bürger, das sei einer der Gründe für den Angriff.
Sie arbeiten im Machtzentrum Washington. Wie groß ist heute die Kluft zwischen politischem Betrieb und Alltagsrealität der Menschen im Land?
Die Kluft ist erheblich und sie wächst. In Washington wird über Budgets, Strategien und weltweite Konflikte gesprochen, während viele Menschen im Alltag mit steigenden Lebenshaltungskosten, fehlender Gesundheitsversorgung oder Zukunftsangst kämpfen. Was in der Hauptstadt als politisches Manöver diskutiert wird, hat draußen oft sehr konkrete Konsequenzen. Diese Entkopplung trägt massiv zur Frustration bei - und damit auch zur Radikalisierung.
In Ihrem Podcast sprechen Sie auch über den Jahrestag des Kapitolsturms. Hat dieses Ereignis die Demokratie in den USA nachhaltig beschädigt – oder eher offengelegt, wie fragil sie schon zuvor war?
Der 6. Januar war weniger der Bruch als der Spiegel. Er hat offengelegt, wie verwundbar demokratische Institutionen sind, wenn Vertrauen schwindet und politische Mythen stärker werden als Rechtsstaatlichkeit. Die Demokratie hat diesen Tag überlebt, aber sie ist seitdem verletzlicher. Entscheidend ist nicht nur, was an diesem Tag geschah, sondern wie darüber erzählt wird. Narrative formen Realität. Als Beispiel: Donald Trump nennt „J6“ -wie der Sturm aufs Kapitol hier genannt wird- den Tag der Liebe. Und die Angreifer: „Patrioten, Märtyrer“ - das ist eine Täter-Opfer Umkehr. Was ich aber erstaunlich finde, ist, dass diese in seinen Augen „Opfer“ - also einige Kapitolstürmer - inzwischen Donald Trump den Rücken kehren. Ich hatte die Möglichkeit im Podcast auch mit Jacob Chansley zu sprechen - das Gesicht des Angriffs, ein Verschwörungstheoretiker. Genannt Kapitol-Schamane. Bilder von ihm gingen um die Welt - von dem Mann mit Hörnern an der Fellmütze. Er hat mir erzählt, wie sehr er sich auf eine zweite Amtszeit von Donald Trump gefreut hat, aber schon nach wenigen Wochen enttäuscht wurde. U.a. weil von der Regierung bis heute nicht - wie versprochen - alle Dokumente zum Epstein-Fall veröffentlicht wurden.
Die Nachrichtennutzung in den USA hat sich massiv verändert: Social Media, Podcasts, fragmentierte Öffentlichkeiten. Wie informieren sich Amerikaner heute - und wie sehr leben sie in parallelen Realitäten?
Einige Amerikanerinnen und Amerikaner leben tatsächlich in medialen Parallelwelten. Algorithmen auf Social Media verstärken Überzeugungen. „People seek confirmation rather than information“ - das höre ich im Gespräch mit amerikanischen Kolleginnen und Kollegen immer wieder. Und das ist auch mein Eindruck vor Ort, dass Nachrichten weniger konsumiert werden, um informiert zu sein, sondern um bestätigt zu werden. Wie Sie richtig gesagt haben, vor allem Social Media spielt dabei eine enorme Rolle. Auf den Schaltpositionen am Weißen Haus beispielsweise sind inzwischen auch sehr viele Influencerinnen und Influencer oder Bible TV und nicht mehr vor allem Kolleginnen und Kollegen von Nachrichtensendern.
Was unterscheidet aus Ihrer Sicht die politische Berichterstattung in den USA fundamental von der in Deutschland – jenseits von Tonfall und Dramatisierung?
In den USA ist Journalismus stärker Teil des politischen Systems - nicht nur Beobachter, sondern Akteur im öffentlichen Diskurs. Medien positionieren sich klarer - es gibt viel Haltungs- und Meinungsjournalismus. In Deutschland gilt nach wie vor vor allem der Leitsatz: Wir machen keine Politik, wir berichten darüber.
Beobachten Sie auch bei klassischen US-Medien einen Wandel von Einordnung hin zu Zuspitzung – und wie schwer ist es geworden, journalistische Autorität zu behaupten?
Ja, der Druck zur Zuspitzung ist enorm - getrieben von Quoten, Klickzahlen und Konkurrenz. Gleichzeitig wächst das Misstrauen gegenüber „den Medien“ insgesamt.
Wertungsneutrale Nachrichten sind also essenziell. Es ist wichtig fundierte, gut recherchierte Meldungen abzubilden, Geschichten auf den Wahrheitsgehalt zu überprüfen und einzuordnen. Alles immer verständlich und nah bei Zuschauerinnen und Zuschauer bzw. Hörerinnen und Hörer. Dazu Zuverlässigkeit und Flexibilität.
Ihr Podcast setzt auf Kontext, Analyse und Tiefe. Ist das auch eine Reaktion auf eine Nachrichtenwelt, die immer schneller, aber oft erklärungsärmer wird?
Absolut. Geschwindigkeit ersetzt keine Erklärung. «THE WILD HOUSE» will genau dort ansetzen: Zusammenhänge erklären, Widersprüche sichtbar machen, Entwicklungen einordnen. Nicht tagesaktuell um jeden Preis, sondern relevant. Ich glaube, es gibt ein großes Bedürfnis nach Einordnung - gerade in komplexen Zeiten. Vor allem auch weil Donald Trump gern die Methode „Flooding the Zone“ nutzt: Eine Taktik der Informationsflut, eine bewusste Reizüberflutung. Heißt in der Praxis, dass er auch einfach mal 25 Posts zu verschiedenen Themen auf seiner Plattform „rausballert“ und das innerhalb von wenigen Minuten - wir Journalistinnen und Journalisten versuchen das dann alles aufzufangen und einzuordnen.
Mit Blick auf 2026: Welche strukturellen Entwicklungen in den USA sollten wir in Europa besonders ernst nehmen - unabhängig davon, wer künftig im Weißen Haus sitzt?
Die Vereinigten Staaten bleiben ein zentraler Akteur - zugleich nehmen Unberechenbarkeit und strategische Härte zu. Wer Amerika heute verstehen will, darf nicht nur auf Wahltermine und Personalfragen schauen, sondern muss die tieferen strukturellen Verschiebungen im System analysieren. Dazu gehört auch die neue Sicherheitsstrategie, die die USA vor wenigen Wochen veröffentlicht haben. Sie macht sehr klar, in welchen Regionen Washington seinen Führungsanspruch neu definiert - und dass dieser Anspruch weit über Latein-und Südamerika hinausreicht.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
«The Wild House» ist seit 6. Januar bei Streamingdiensten wie Spotify zu hören. Außerdem moderiert van Brakel auch die «:newstime» bei Sat.1.
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