Jonathan Hutter: ‚Viele Stimmen sind laut – aber die Wahrheit ist oft leise‘

Seit 2021 gehört Jonathan Hutter fest zum Ensemble von «Die Chefin». Im Gespräch spricht Hutter über die Entwicklung seiner Figur, über Ethik im digitalen Zeitalter und darüber, warum ihn gerade die inneren Gegensätze eines Menschen als Schauspieler besonders reizen.

Herr Hutter, Sie sind seit 2021 ein fester Teil von «Die Chefin». Wie hat sich Korbinian Kirchner in diesen Jahren aus Ihrer Sicht am stärksten verändert?
Die Haare sind länger geworden. Kirchner trägt jetzt einen Dreitagebart und ein bisschen älter ist er auch geworden. Ich übrigens auch, also Jonathan. 😀

Der neue Fall „Blutschuld“ beginnt mit einer scheinbar klaren Lage, die sich Stück für Stück auflöst. Wie würden Sie Kirchners Haltung in einem Fall beschreiben, in dem politische Interessen plötzlich schwerer wiegen als Ermittlungslogik?
Da erwischen Sie mich jetzt auf dem falschen Fuß – die Dreharbeiten sind schon über ein Jahr her, und ich habe die Folge bis heute noch nicht gesehen. Aber das werde ich nachholen. Grundsätzlich ist Kirchner jemand, der das Grundgesetz nicht nur gelesen hat, sondern wirklich versucht, beruflich und privat nach diesen Werten zu leben. Dieser Haltung kann ich als Jonathan viel abgewinnen.

In „Mittel zum Zweck“ geht es um Greenwashing, Aktivismus und Machtmissbrauch. Wie sehr fordert Sie ein Fall, in dem persönliche Motive und wirtschaftliche Interessen so brutal aufeinandertreffen?
Ich würde es mal so beantworten: Wenn man für ein moralisch gutes Ziel illegitime Mittel anwendet, verliert man die moralische Legitimität selbst – denn die Mittel bestimmen, ob das Ziel wirklich gut ist.

Folge 100, „Schattenkrieger“, ist besonders komplex: politisch motivierter Mord, Bedrohungslage, Staatsschutz, Desinformation. Was war für Sie das Herausforderndste an diesem Jubiläumsfall?
Mit einem so angenehmen und tollen Regisseur wie Andreas Senn (er ist übrigens auch Schweizer: daher hatten wir keinerlei Verständnisprobleme) und einem so guten Kameramann wie Michal Grabowski zu arbeiten, ist herausfordernd – weil sie einen fordern. Aber genau das mag ich: Wenn man gefordert wird. Und das Ergebnis zeigt, dass es sich lohnt.

Kirchner ist sehr klar, sachlich und direkt – zugleich aber auch ein Teamspieler. Wie haben Sie das Zusammenspiel zwischen ihm, Böhmer und Vera Lanz über die Jahre hinweg weiterentwickelt?
Eine gute Frage. Ich denke, wir haben ein wirklich gutes Team – sowohl hinter als auch vor der Kamera – und das nun schon über mehrere Jahre. Katharina, Jürgen und ich verstehen uns inzwischen ohne Worte. Da gibt es ein großes Vertrauen und der Schlüssel ist sicher, dass wir unseren Beruf alle gerne machen.

Die neuen Fälle behandeln Themen wie Social-Media-Radikalität, Greenwashing, Familiengeheimnisse, fehlgeleitete Jugend oder politische Verfolgung. Welche dieser gesellschaftlichen Linien haben Sie beim Drehen am stärksten beschäftigt?
Das Thema Soziale Medien beschäftigt mich schon sehr – auch privat. Wie können wir mit all den Stimmen umgehen, die auf uns einprasseln? Viele davon sind laut, aber die Wahrheit ist oft leise. Wir brauchen eine echte Ethik für Soziale Medien – und wir müssen uns als Bürger kritischer damit auseinandersetzen. Ich glaube, dass wir besonders der jungen Generation helfen müssen, um ein gesundes Maß und einen guten Umgang damit zu finden.

In „Die von der anderen Seite“ geraten Sie in die Welt junger Täter, Cliquen und Gewaltspiralen. Wie bereiten Sie sich auf Fälle vor, die nahe am realen Alltag junger Menschen in prekären Vierteln liegen?
Gerade sich in ein Milieu hineinzudenken und einzutauchen, empfinde ich als Bereicherung. Als Schauspieler ist es unsere Aufgabe, andere Lebensrealitäten zu zeigen und uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Das führt bei mir oft auch zu einem tieferen Verständnis für die Herausforderungen der jeweiligen Menschen.

Viele Zuschauer schätzen Kirchner für seine ruhige, analytische Art. Gibt es eine Seite der Figur, die Sie selbst gerne noch stärker ausbauen würden – privat, emotional oder im Konflikt?
Ich würde gerne die Gegensätze und Extreme spielen – jeder Mensch hat sie. Plötzlich bricht der analytische Typ aus, der emotionale wird stoisch. Genau diese Vielschichtigkeit, diese innere Komplexität, die uns alle ausmacht – wie wir geschaffen sind – diese dreidimensionale Tiefe, die wir alle im Inneren tragen – das begeistert mich. Es ist das, was mich an der Rolle und am Schauspielern fasziniert.

Sie sind seit Jahren ein vertrautes Gesicht im ZDF-Krimi. Wie sehr reizt es Sie trotzdem, neben «Die Chefin» hin und wieder komplett andere Facetten zu zeigen – vielleicht in Komödien, Thrillern oder historischen Stoffen?
Na, am besten gleich alle drei Genres 😉. Das reizt mich zu 100%. Genau das interessiert mich an dem Beruf des Schauspielers: Diese Verwandelbarkeit.

Wenn Sie sich eine internationale Serienfigur oder ein Show-Konzept wünschen dürften, das Sie in Deutschland adaptieren oder selbst einmal spielen möchten – was würde Sie besonders reizen?
Jonathan Bond (lacht).

Danke für Ihre Zeit!

Die Jubiläumsfolge läuft am Freitag, den 16. Januar, um 20.15 Uhr im ZDF und ist vorab NICHT in der ZDFmediathek. Die bisherigen Episoden können aber nachgeholt werden.
12.01.2026 12:15 Uhr Kurz-URL: qmde.de/167847
Fabian Riedner

super
schade


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Die Chefin

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