Manfred Folkers und Niko Paech laden zu einer Kultur des Genügens ein.
Mit „All you need is less“ haben Manfred Folkers und Niko Paech bereits 2020 ein Buch vorgelegt, das heute aktueller wirkt denn je. In einer Zeit, in der Klimakrise, Ressourcenknappheit und soziale Ungleichheit immer deutlicher zeigen, dass das bestehende Wirtschaftsmodell an seine Grenzen stößt, formulieren die Autoren eine ebenso radikale wie einfache These: Nicht mehr Effizienz, nicht mehr technischer Fortschritt und nicht mehr „grünes Wachstum“ werden uns retten – sondern ein bewusstes Weniger.
Dabei ist „All you need is less“ weder ein moralischer Zeigefinger noch ein esoterisches Wohlfühlbuch. Vielmehr verbinden Folkers und Paech zwei Denkströmungen, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen, sich bei genauerem Hinsehen jedoch überraschend gut ergänzen: die ökonomische Suffizienzdebatte und die buddhistische Lehre der Genügsamkeit. Beide eint die Überzeugung, dass menschliches Wohlbefinden nicht aus immer weiter steigenden materiellen Ansprüchen entsteht, sondern aus Maßhalten, Achtsamkeit und Selbstbegrenzung.
Im ersten Teil des Buches nehmen die Autoren eine schonungslose Analyse des modernen Wachstumskapitalismus vor. Insbesondere Niko Paech, bekannt als einer der profiliertesten Vertreter der Postwachstumsökonomie im deutschsprachigen Raum, legt dar, warum die Hoffnung auf „nachhaltiges Wachstum“ eine Illusion ist. Effizienzgewinne würden regelmäßig durch Rebound-Effekte aufgefressen, technologische Innovationen neue Konsumbedürfnisse erzeugen, und selbst sogenannte grüne Produkte blieben eingebettet in globale Lieferketten, die auf Ausbeutung und Ressourcenverbrauch beruhen. Die zentrale Botschaft lautet: Solange unsere Lebensweise auf stetiger Expansion basiert, werden ökologische Krisen nicht lösbar sein.
An dieser Stelle tritt der buddhistische Gedanke ins Spiel, den Manfred Folkers in das Buch einbringt. Achtsamkeit, Genügsamkeit und das Loslassen von Anhaftungen sind in der buddhistischen Tradition keine modernen Lifestyle-Trends, sondern seit Jahrtausenden erprobte Lebensprinzipien. Folkers zeigt, dass diese Haltung nicht weltabgewandt oder resignativ ist, sondern im Gegenteil ein aktiver Weg zu innerer Freiheit. Wer weniger begehrt, muss weniger besitzen, weniger verteidigen und weniger fürchten. In dieser Perspektive wird Suffizienz nicht als Verlust, sondern als Gewinn erfahrbar.
Besonders überzeugend ist, dass „All you need is less“ nicht bei abstrakten Überlegungen stehen bleibt. Die Autoren entwickeln konkret, wie eine „Kultur des Genug“ aussehen könnte – auf individueller, gesellschaftlicher und politischer Ebene. Sie sprechen über kurze Wertschöpfungsketten, regionale Selbstversorgung, Reparatur statt Neukauf, Zeitwohlstand statt Konsumwohlstand und über soziale Netzwerke jenseits marktförmiger Logiken. Dabei wird deutlich: Suffizienz bedeutet nicht Rückzug oder Verzicht um des Verzichts willen, sondern eine bewusste Neuausrichtung dessen, was wir als gutes Leben verstehen.
Ein zentraler Gedanke des Buches ist die „zufriedene Genügsamkeit“. Dieser Begriff markiert den Schnittpunkt zwischen Ökonomie und Spiritualität. Während klassische Wirtschaftstheorien von unbegrenzten Bedürfnissen ausgehen, setzt diese Perspektive auf die Fähigkeit des Menschen, Bedürfnisse zu reflektieren und zu begrenzen. Genau darin sehen Folkers und Paech den Schlüssel zur Lösung vieler Krisen unserer Zeit – von der ökologischen Überforderung des Planeten bis hin zu Stress, Burnout und Sinnleere in wohlhabenden Gesellschaften.
Bemerkenswert ist auch der Ton des Buches. Trotz der Radikalität der Kritik bleibt „All you need is less“ ruhig, argumentativ und konstruktiv. Die Autoren schreiben verständlich, zugänglich und ohne akademische Abschottung. Man spürt, dass es ihnen nicht um Provokation um der Provokation willen geht, sondern um eine ernsthafte Einladung zum Umdenken. Gerade dadurch entfaltet das Buch eine nachhaltige Wirkung: Es fordert heraus, ohne zu überfordern.
Rückblickend lässt sich sagen, dass „All you need is less“ seiner Zeit voraus war. Viele der Debatten, die heute unter Schlagworten wie Degrowth, Suffizienz oder Postwachstum geführt werden, finden hier bereits eine klare, gut begründete Formulierung. Gleichzeitig bewahrt sich das Buch eine zeitlose Qualität, weil es nicht an tagespolitischen Details hängt, sondern grundlegende Fragen stellt: Was brauchen wir wirklich? Wann ist genug? Und wie können wir so leben, dass unser Lebensstil nicht auf Kosten anderer und zukünftiger Generationen geht?
„All you need is less“ ist damit kein Buch, das man einmal liest und dann beiseitelegt. Es ist ein Text, der nachwirkt, der eigene Gewohnheiten infrage stellt und der dazu anregt, das eigene Leben neu zu justieren. Für Leserinnen und Leser, die sich für Nachhaltigkeit, Wirtschaftsethik oder spirituelle Lebenspraxis interessieren – oder für alle, die spüren, dass „mehr“ längst nicht mehr automatisch „besser“ bedeutet –, ist dieses Buch eine ebenso herausfordernde wie befreiende Lektüre.
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